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goldenen Knauf am Tempelhofer Turme vergoldete. _ Johanne war so saust gestorben, voll Heller Freude auf den Himmel, und auf das Wiedersehen mit den kleinen Brüdern! Seit dem erschütternden Schrecken und den ihm nachfolgenden Aufregungen nach dem großen Brande ivar ihre schwache Lebenskraft zusammengesunken, daß ein seliges, schmerzloses Ende die einzige Lösung war, die man dem kraftlosen Dasein wünschen konnte.
Und die stille geweihte Erinnerung an ihr liebevolles Leben, au ihre zarte Daukbarkeit stand wie ein tröstlicher Stern über der Nächst die der Tod der geliebten Menschen für die Angehörigen bedeutet. Ein Vöglein hatte aufgehört zu singen; eine Frühlingsknospe hatte der Schnee bedeckt. Aber wartet nur, wenn's Frühling wird erst für uns alle! Frühling dort oben, hinter den ewigen Thoren! Dann hören wir wieder unsres Vögleins Lied! Dann küssen wir die aufgeblühte Knospe.
So dachte die alte Frau. Und ihre Gedanken waren nur die Fortsetzung der Reihe von Hoffnungen und Ueber- zeugungen, die sie mit dem Jenseits verbanden.
Und sie begriff nicht, wie es in ihrem Panl hatte so dunkel werden können, daß er verzweifeln wollte.
Sie brachte ihm das Kind, und setzte es auf seinen Schoß. Zerstreut fuhr er mit seiner Hand durch die blonden, spärlichen Löckchen, und ein bitteres Lächeln ging über sein Gesicht.
(Srftaunt, ganz fassunglos horchte er auf das liebevolle Geplauder, das die alte Frau mit dem Urenkelkinde führte. Wie war es möglich, daß ihre Kraft nicht brach an dem harten Kampfe des Lebens? Und wie gebannt lauschte er ihrem Treiben und Thun, ihrem Hin- und Hergehen, ihren wirtschaftlichen Verrichtungen, den Worten, die sie mit einer Nachbarin wechselte. Ihre Sehnsucht, das wußte er, war schon längst zu der besseren Heimat eingegangen, und doch gehörte noch ihr Schaffen und Vollbringen, ihre sorgende Müh' und ihre ganze, schwache, 80 jährige Kraft diesem Leben und seinen Forderungen an.
Und er sehnte sich darnach, eine gleiche Fülle von Kraft und Lebensmut zu haben! — Sein Blick flog hinaus, über den engen Hof und die kahlen Felder. Wie goldbeschienen lag die Erde da, voll Verheißung, und selbst in dem kühlen, herben Hauch, der über die Felder fegte, lag eine aufmunternde Frische.
Sein Herz wurde sehnsüchtig und weit, er nahm Jo- hanne's Bild von der Wand, und legte seinen Kops an das kalte Glas, an die Wange seiner Frau. O lebte sie, und könnte mit ihm hinaus, über die Felder fort, hinein in den fernen Herbstsonnenglanz! Er riß das Fenster aus, erregt winkte er hinaus, als sähe er sie ferne schreiten und könne sie zu sich rufen. —
Die Großmutter trat ein.
Es war Paul des Jüngeren fünfter Geburtstag, und sie hatte eine ganz besondere Freude für den Kleinen. Sie wollte ihn nach! dem! Zirkus Renz mitnehmen, für den ihr die Nachbarin, eine Maschinenmeistersfrau, zwei Frei- billets gebracht hatte. Bisher hatte sie alle die freundlichen Anerbietungen der jungen Frau, die durch ihren im Zirkus angestellten Manu mitunter Tribünenbillets erhielt, kurz ab gewiesen; denn ihr stand der Sinn nicht nach landläusigen Vergnügungen. Heut aber, an dem Erinnerungstage, war ihr Großmutterherz schwach und überströmend liebevoll gestimmt, und sie war fest entschlossen, dem Geburtstagskinde alle die Wonnen zu bereiten, die es zur Feier seines Tages beanspruchen durfte.
Sie und der Kleine waren längst zum Ausgange bereit. Paul blickte sie an, wie sie da in der Thüre standen, die weißlockige Frau und das blondlockige Kind, beide in ihrem Sonntagsstaat, und beide in den weiten Pellerinen, den riesigen Kapuzen an großmütterlicher Ehrwürdigkeit einander gleich.
„Bist Du fertig?" fragte die Großmutter.
„Ich komme", sagte Paust Er nahm die Bürste vom Schrank, fuhr über Aermel und Rockkragen, nestelte eine neue Kravatte um, und zog sich die Handschuhe an.
Es war das erste Mal seit langer Zeit, daß. er sich auf solche Weise zu einem Ausgange rüstete. Er war gleich- giltig geworden gegen sein Aeußeres, tote gegen alles, was um ihn herum vorging, seit Johannens Tode. :
„Sieh, sieh", sagte die Großmutter, „tote fein Du bist,
mein Jung". Es war auch das erste Mal, daß sie ihn wieder so nannte — seit langer Zeit. Er hatte sich, abgeschlossen gegen sie, wie auch gegen das Kind, eine stumme Fremdheit war zwischen ihn und seine Nächsten getreten, und als ihn nun die liebkosenden Worte so zutraulich trafen, da errötete er wie in Schuldbewußtsein. —
Paul der Jüngere war schon die Treppe hinab, vorausgelaufen. Da stand er unten im Hofe, in dem langen, runden Polizistenmantel, großväterisch, und mit der dich gefütterten Frauenkapuze zugleich großmütterlich. Ein Zwischending zwischen Knabe und Mädchen, eins von den kleinen, hilflosen Produkten, die kein Vater zurechtstutzt und keine Mutter glättet, und in denen zitternde, zärtliche Großmutterhände die gute alte Zeit wieder aufleben lassen.
Die Kinder lachten, als Paul so gravitätisch aus der Hausthür stolziert kam, aber er beachtete es nicht, seine Gedanken waren vom Zirkus erfüllt, diesem rätselhaften Wunder, das er heut fehen sollte! Als er aber zwei Stunden später an der Hand des Vaters den Schauplatz seiner Phantasie betrat/ da stockte das kleine Herz, und die Augen wurden heiß, tote die eines Fiebernden.
Auch Pa!ul der Aeltere, der so lange in freudloser Einsamkeit sich vergraben hatte, zuckte zusammen als die Ströme hellen, berauschenden Lichtes auf ihn eindrangen, als muntere Musik ihm entgegentönte, und ausgelassenes Gelächter an seine Ohren klang.
Die Welt, die sich amüsiert, von der er so lange nichts mehr gewußt hatte!
Der kleine Paul hielt des Vaters Hand mit seinen Fingern so krampfhaft umschlossen, als fürchte er zu fallen.
Momentan mußte et die Augen schließen. Die großen kreideweißen Männer in der Manege, mit den blutroten Mäulern und den spitzen Zipfelmützen auf dem Kopf, verwirrten ihn höchlichst. Aber die 'Großmutter- die hinter ihm her schritt, tröstete ihn: „Kuck' man ruhig hin, mein Pauleken. Die dürfen nich vor, und zu uns hin. Die thun auch man bloß so". —-
Paul der Jüngere konnte nicht fassen, daß sie bloß so „thaten", während doch die Ohrfeigen, die sie einander austeilten, ein lautes gefährliches Klatschen verursachten. Empörung und tiefes Mitleid malte sich in seinen Kinder- Augen, seine bewegliche Oberlippe zitterte, und in dem Maße als sich die rohen Ohrfeigen verstärkten und auf die kreideweiße Backe des kleineren Clowns hageldicht niederprasselten, verstärkte sich zugleich die Erschütterung in seinen Zügen. Plötzlich schreckten alle Umsitzenden auf. Ein lautes, bitteres schmerzliches Kinderweinen, das aus den hintersten Reihen kam, ertönte in die Späße der Ba- jazzi hinein.
„Um Gotteswillen — bring' ihn hinaus, Großmutter", flehte Paul der Aeltere, der sich umsonst bemühte, den aufgeregten Sohn zu beruhigen. „Ruhe da, — still doch!" tönte es zu der Ecke hinüber. Die alte Frau war aufgestanden. „Komm — weine nicht, mein gutes Kind", sagte sie laut und trotzig, indem sie mit feindseligem Blick die Umsitzenden inaß. Sie nahm den Kleinen, der noch immer unaufhaltsam schluchzte, auf den Arm und trug ihn hinaus. „Hast Recht, daß Du heulst", sagte sie- mit überzeugter Stimme, die voll Trost und Liebe war. „Das ist wie's liebe Vieh — für uns beide da ist das nichts". Sie führte ihn die Treppe hinunter, in den Rundgang, der sich rings uni die Manege, unter den Logen und Tribünen fort, hinzieht. Langsam schritten sie in der vereinsamten, schmalen Rundbahn auf und ab. „Wir gehn auch gleich wieder Nach! Hause!" flüsterte die alte Frau. Plötzlich stieß sie einen Schrei der Ueberraschung aus. „Nettchen!?" schrie sie laut, mit einer Stimme in der Fassungslosigkeit, Hoffnung und Zweifel zu gleichen Teilen kämpften.
Aus einem der Holzverschläge, welche zu den „Garderoben" führten, war Nettchen getreten. Ueber dem Arm trug sie eine Anzahl bunter, phantastischer Kleidungsstücke. Als traue sie ihren Augen nicht, starrte sie auf die Erscheinung der alten Frau. Doch nur einen Moment. Dann stieß sie einen jubelnden Schrei aus, und tote sinnlos warf sie sich der Greisin an die Brust. —
(Fortsetzung folgt.) )


