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1900. - Nr. 88.
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f s steckt Musik in Flut und Stein, In Feuer und Luft, in allen Dingen! Aber willst du vernehmen das Klingen Mußt du eben ein Dichter sein.
Seibel.
Nachdruck verboten.
Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Enger kettete es ihn von Tag zu Tag an die Stätte Erde, in der Johanne zur Ruhe gebettet war. Auf dem Tempelhofer Friedhof war ihr Grab, und au diesem stillen und dörflichen Ort mietete er dicht in. der Nähe des Kirchhofs eine Wohnung. Mühsam nur bekam ihn die Großmutter dazu, daß er von Zeit zu Zeit den Weg nach der Stadt hinüber antrat, um einen Blick ins Geschäft zu thun. Ihm war es, wenn er auf dem Rückwege der Chaussee wieder zuschritt, und von fern die Türme von Tempelhof winken sah, als lebe er dort drüben mit Johanne wie einst vereint, und üur in dem geräuschvollen, betäubenden Trubel der Stadt fühlte er in hilfloser Verzweiflung, daß sie geschieden war. —
Karl der Knecht war kein ungetreuer Haushalter. Er schaffte und rackste gleich einem Arbeiter von früh bis zum späten Abend, und war Prinzipal, Hausknecht und Ladendiener zu gleicher Zeit. Sein Weib, das er mit dem Kinde ams der thüringischen Heimat hatte nachkommen lassen, stand ihm dabei getreulich zur Seite; dennoch schien über dem Unternehmen kein günstiger Stern ^zu walten. Während sich die anderen Geschäfte in dieser Straße vergrößerten, hielt die Drogenhandlung nicht mit dem allgemeinen Fortschreiten gleichen Gang. Von den Einnahmen wurden kaum die Schulden bezahlt. Das wortkarge Wesen des Verkäufers war einmal nicht geeignet, die Kunden zum Wiederkommen zu bewegen, und nur die sprichwörtliche Häßlichkeit des armen Karl zog die Kinder der Straße diabolisch an. Sie kamen in Scharen, um für ihre Pfennige und halben Groschen Reglise und Lakritzen bei „Prechtlers Nachfolger" zu kaufen. Das rote, bäurische Gesicht mit den grellen Feuernarben, die wie ein mit Höllenstein ein^ gegrabenes Zickzack das Gesicht hinauf, und von der Stirn wieder hinunterliefen, beschäftigte die Phantasie der kleinen Pflastertreter aufs äußerste, und Karl war nicht erstaunt, wenn um zwölf Uhr, nach der Schule, die Ladenthür in unaufhörlichem Klappen ging. Er gewöhnte sich an die dreisten und doch unschuldigen Blicke, und während er den Allerkleinsten, die nur stumm von weitem standen, freunde
lich winkte, und sich zu ihnen hinabbeugte, hielt er ihnen sein Gesicht wie eine Landkarte entgegen, und sagte ohne jede Bitterkeit: „Faßt an, es ist nicht nur gemalt. Und sagt Eurer Mama, daß wir feine Toilettenseife haben, mit m' hübschen, kleinen Kuckuck drauf".
Denn gegen die Kinder war er nicht verschlossen, und sein geringes Talent, Propaganda für das Geschäft zu machen, entlud sich ihnen gegenüber in heiterer Natürlichkeit. Sein Wesen war wie umgewandelt, wie von weichen, zarten Händen berührt, wenn er mit ihnen sprach. Noch immer hatte er sich die Schwärmerei für zarte, liebliche Gesichter bewahrt, und wie einstmals Minja gegenüber, konnte er noch jetzt vor Glück erröten, wenn ein kleines Händchen sich vertrauensvoll in seine Hand legte, oder ein bittendes Kinderauge zu ihm aufschaute.---
Es war ein stiller, goldener Oktobertag. Draußen in den Vororten war der Zuzug von Sonntagsausflüglern längst im Abnehmen begriffen. Kein lustiger Gesang, kein zum Chor anschwellendes Johlen heimkehrender Natup- schwelger ertönte mehr an den bereits lang und kühl gewordenen Abenden in den Straßen; die Bahnhofswirtschaften bekamen einen Ausdruck von kleinstädtischer Verlassenheit und Langeweile. Die Pferdebahnen in den Berliner Vororten bimmelten langsam im Gefühl ihrer Ueber- flüssigkeit an den Biergärten vorbei, an denen sie sonst so unumstößlich zum Halten gezwungen worden waren. Gleichgiltige Kellnergesichter, welkende Blätter, verschlossene Fensterläden und festgerammelte Schaukeln und Karoussels kündigten die große Stille an, die sich „fern von Berlin" und doch so nah der großen, glänzenden Lebestadt, langsam auszubreiten begann. —
— In Tempelhof war die Stille nicht weniger fühlbar, und es gab Tage, wo der schmucke Ort, den die gerade, kahle Chaussee mit Berlin verbindet, wie ein abgeschnurrtes Spielwerk dalag, ohne Gerassel, ohne Musik und ohne Geräusch. Die Rentiers und Kleinbürger, die sich ihr Nest da draußen zusammengetragen hatten, saßen hinter den mit Blumen - Töpfen vollgepfropften Fensterbrettern und rauchten ihre Pfeife, oder blickten gelangweilt in den Vorgarten hinaus, wo die Rosenstöcke unter den Stroheinpackungen wie Vogelscheuchen auf die Straße drohten.
In der kleinen Hofwohnung bei Brinkmanns, die sich gleichfalls eines winzigen Gärtchens freuten, hatte die Großmutter bereits in allen drei Stuben Feuer eingelegt; denn es war neuerdings Pauls Angewohnheit, aus einem Raum in den anderen zu irren, niederzusitzen, wieder aufzuspringen und abermals den Rundgang anzutreten, als könne er nirgend Ruhe finden.
Die alte Frau machte sich gleichfalls ihre Gedanken über die Vergangenheit, aber sie waren abgeklärt und ruhig, wie das stille Herbstsonnenlicht, das draußen den


