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kommen, es gäbe aus der Welt keine frömmere Stadt, als das „ewige Rom". Als wir uns des Morgens um 5 Uhr auf den Weg machten, konnten wir dies recht deutlich beobachten. Trotz der frühen Stunde und des nächtlichen Dunkels herrschte bereits das regste Treiben. Vor allem lenkten Unmassen prachtvoller Blumengewinde unsere Aufmerksamkeit auf sich. Palmen und Pinienzweige, Fichtenbäumchen, Moos, größere und kleinere Arrangements der erlesensten Kinder Floras, darunter besonders -Kreuze aus weißen und roten Kamellien und Rosen wurden eilends und möglichst geheimnisvoll vor- üb er getragen, und aus der Ferne schlugen leise gesungene fromme Weisen an unsere Ohren: in einer benachbarten Erziehungsanstalt war man eben im Begriffe, den Zöglingen, bevor sie vom süßen Schlummer, der aber gewiß in dieser Nacht ihre Augen geflohen hätte, erwachten, eine Weihnachtskrippe zu erbauen. So gelangten wir endlich auf die Höhe des Viminal, von der aus wir unser Ziel vor uns sahen. Die Lichtmassen, die säs Innere der Basilika erfüllten, strahlten durch die hohen Fenster in den aufdämmernden Morgen hinaus, und von allen Seiten trugen die milden Lüfte verlorene Glockengrüße zu uns, sodaß es uns war, als ob unsichtbare Chöre aus den Lüften uns die Weihnachtsbotschaft brächten: „Euch ist heute der Heiland geboren!" Bald Traten wir in die weiten Räume 'der Basilika ein. Das in großartigen Verhältnissen angelegte Mittelschiff mit feinen zweiuud- vierzig jonischen Säulen aus weißem Marmor und seiner in edelster Renaisfanee gehaltenen Holzdecke macht allerdings, wie fast alle derartigen Renaissaneekirchen, mehr den Eindruck' eines vornehmen Profanfestsaales. Allein wenn man die rechte Stimmung mitbringt, ■ setzt man sich leicht hierüber hinweg. Und das erleichterte uns stellte morgen ganz bedentend 'die wahrhaft großartige, ja, stilgemäße Illumination. Dieselbe schmiegte sich allenthalben eng an die architektonischen Linien an, sodaß nun die Bögen, Ornamente und 'sonstigen Zieraten erst recht in ihrer ganzen Schönheit zur Geltung kamen. Nur eines wollte uns nicht behagen: die blendenden Marmorsäulen, deren glänzendes Weiß das Lichtmeer des weiten Raumes gewiß auf das Effektvollste zurückgeworfen hätte, waren kirchlicher Sitte gemäß, die das Nackte bei festlichen Anlässen umkleidet, in roten, mit Goldborden verbrämten Seidendamast gehüllt, während mit gleichem Stoffe auch die Wände der 'Tribüne ausgeschlagen waren. Alles recht gut und schön! dächten wir. Wenn nur diese Hüllen nicht allzusehr verschossen und vom Alter mitgenommen wären! Inzwischen füllte sich das Gotteshaus mehr und mehr mit nichts weniger als andächtigen Besuchern, und um usts her summte es wie in einem Bienenhaus. Da alles offenbar auf den Beginn der Feier wartete, hatten wir genügend Muße, uns int Raume näher umzuschallen. Vor allem nahm der Hochaltar unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, eine antike Prophhrwanne, die den 'Leichnam des Apostels Matthäus und andere Reliquien umschließen soll. Heute wie meist stand er verwaist da. Denn nur der Papst darf an ihm die Messe ee'lebrieren. Von besonderem Interesse ist 'ferner die Kapelle Borghefe. Sonst 'durch eilt eisernes Gitter vom linken Seitenschiffe abgesperrt, war sie heute bett zahllosen Bewunderern geöffnet. Sie ist ein wahrhaftiges Kabinettstück von auserlesenstem Luxus und geradezu verschwenderischer Pracht: schlanke Säulen mit zierlichen Ka'pitälen, die den Eindruck feinster Filigranarbeit machen, Marmorreliefs, Statuen, Fresken von Guido Reni und Lanfraneo — kurz, ein prächtiges Gotteshaus für sich in einem nicht minder prachtvollen Tempel! Ihr größter Schatz besteht indessen nicht in all diesen herrlichen Erzeugnissen menschlicher Kunst, sondern in einem uralten, fast ganz geschwärzten Gemälde der heiligen Jungfrau, das von keinem Geringeren als dem (dritten) Evangelisten Lukas gemalt worden "fein soll. Ohne hier naher auf die Frage der Echtheit dieses Bildes einzugehen, fei nur kurz erwähnt, daß die Tradition, Lukas sei Maler gewesen — er gilt noch heute als Schuchheiliger 'der Maler! — auf äußerst 'schwachen Füßen steht. Wissen wir dpchl aus den apostolischen Schriften des neuen Testaments zur Genüge, daß dieser Evangelist, der Begleiter des Apostels Paulus auf der
zweiten und dritten Reise, "der in treuer Freundschaft selbst die Gefangenschaft des Apostels teilte, ein Arzt war. Trotzdem werden ihm, bent angeblichen Maler, so viele Gemälde zugeschrieben, baß man nicht begreift, woher er noch bie Zeit genommen haben soll, noch ein Evangelium unb bie Apostelgeschichte zu schreiben — auf Grund genauester unb eingehendster Forschung, wie er selbst 'im Eingänge ersterwähnter Schrift bemerkt. Gleich-- wohl steht bie „schwarze Madonna" hier in der "Kapelle Borghese im Gerüche besonderer Heiligkeit und wird gläubig verehrt, ja, wenn der „ewigen Stadt" Unheil droht, wird das Wunderbild in feierlicher Prozession durch bie Straßen getragen, um durch bie ihm innewohnenden Kräfte jenes abzuwenden, So geschah es zum ersten Male bereits im Jahre 690 unb dann öfter. Heute.am Christ- tage war bas wunberthätige Bilb von seiner Umhüllung befreit, unb zahllose Gläubige knieten vor ihm unb hefteten in stummer Andacht ihre Blicke unverwandt auf bie geschwärzte Fläche, auf ber mein spähendes Auge nur aus ganz ungewissen, verwischten Umrissen zu unter» scheiben vermochte, was hier eigentlich'bargestellt werben sollte..... Unb immer reger, immer mannigfaltiger,
immer lauter würbe bas Treiben um uns her unb verschlang die murmelnden Worte des an einem der zahlreichen Altäre amtierenden Priesters. Ein rastloses Kommen und Gehen, ein Grüßen und Händeschütteln, ein Neigen und Beugen! Und welch prächtige Volkstypen gewahrte das Auge hier! Einige dieser malerischen Gestalten, den spitzen Hut schräg auf dem krausen schwarzen Haar, den braunen, am Rande ausgefranzten Filzmantel mit keckem Wurfe um bie Schulter geschlagen, forderten geradezu bie Kunst des Zeichners heraus, wie benn gerabe bei solchen Anlässen Künstlern bie prächtigsten Mobelle ungesücht in bett Weg laufen. So mochten sicher weit über zweitausenb Menschen in der Kirche zugegen fein; gleichwohl blieb noch immer genügend Raum zum Promenieren übrig. Plötzlich ein andachtsvolles Schweigen, ein leises, nachdrückliches Zurückstauen der Menschenfluten: die Prozession nahte in feierlichem Züge, in der Mitte der Erzbischof, in ein ungemein reiches Ornat gehüllt, die höhe Mitra mit Perlen und Juwelen, Stola und Pallium mit erhabener echter Goldstickerei bedeckt. Die ihm zur Seite gehenden Prälaten hielten die Zipfel des schweren Mantels, ein kleiner Knabe trug die Schleppe. Die nun beginnende Messe vermochte uns kein sonderliches Interesse einzuflößen, und 'Chorgesang unb Orgelbegleitung waren höchst mäßig. Kein Wunder, da alles hier auf etwas ganz anderes Angeschnitten ist! Nach einiger Zeit, als bie Prozession längst an uns vorübergeschritten war, ein erneutes Drängen unb Schieben, Flüstern unb Köpfeheben. Eben kehrte ber Zug aus ber Taufkapelle zurück, aber viel zahlreicher unb glänzender als zuvor. Den Mittelpunkt aber, der wie ein Magnet unwillkürlich aller Blicke auf sich zog, bildete diesmal ein . goldgestickter Baldachin, dessen Stangen Geistliche im Ornat hielten, und unter dem auf einer mäßig großen Tragbahre ein . großes, massiv silbernes Gefäß, das reich verziert war, ruhte. „La fanta! eulla!" so flüsterte es andachtsvoll rings um uns her, unb 'unwillkürlich- sank alles im Kreise in bie Knies' unb stimmte betend 'in die Lobgesänge ein. Das ist sie also, die heilige Wiege, und zugleich war uns das' Rätsel der merkwürdigen Form des Gegenstandes gelöst, 'der weder Kasten, noch Vase, noch Schale, noch Terrine schien. Auf einige Fragen ersuhren wir, daß die fanta eulla d. h. heilige Wiege — fünf Brettchen aus der angeblichen Krippe Christi in sich! berge, die in ber Kapelle bei presepio aufbewahrt unb nur am Weihnachtsmorgen in ihrer silbernen Umhüllung bem gläubigen Volke gezeigt würden. °Die silberne Wiege, b. h. eben bie uns sichtbare Umhüllung ber 'kostbaren Reliquie sei, so versicherte man uns weiter, von unermeßlichem Werte. Die Prozession zog durch die ganze Kirche, und ihr Weg wurde 'durchs "die beweglichen Menschenmauern bezeichnet, die vor den nahenden "fünf Holz» brettchen andachtsvoll In den Staub sanken.....
Zwei Stunden waren vergangen, als wir wieder an "die frische Lüft, in den 'Hellen Tag hinaustraten. Ohrenbetäubender Lärm, eine weihraucherfüllte Atmosphäre lag hinter uns, und gierig sog die Brust die er-


