Ausgabe 
25.11.1900
 
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kurzem jemand in diesem Hanse sterben." Hierzu be­merkt er nach erläuternd:Alle diese berufen sich auf die Erfahrung. Allein aus nicht gegründeter Erfahrung etwas beweisen zu wollen, ist der allerelendeste Be­weis; denn wenn zwey Sachen in der Welt aufeinander folgen, woher weiß man denn, daß es eigentlich Gottes Wille gewesen, durch das erste das folgende anzudeuten? Zudem findet man, daß oft dergleichen Jnsecten gesehen oder gehöret werden, auf welche doch weder Krieg, noch Hunger, noch Pest, noch der Tod erfolget. Hat es sich je zu­getragen, daß dergleichen Zufälle wohl erst nach einigen Jahren, nachdem sich die Jnsecten haben sehen oder hören lassen und auch in anderen Ländern sich ge­äußert: so haben dennoch die Menschen geglaubet, daß diese Tiere dieselbigen angedeutet hätten."

Nun, so energisch auch hin und wieder gegen diesen beregten Aberglauben angekämpft worden ist, seine gänz­liche Vertilgung blieb ein Ding der Unmöglichkeit, um so mehr, als ja die eigentliche Musik des männlichen Bohr­käsers immer noch gehört wird. Er soll angeblich damit fein liebes Weibchen zu einem süßen Schäferstündchen an­bocken, und zwar in der Weise,daß, er Vorderbeine und Fühler einzieht und dann, hauptsächlich auf die mittleren Füße gestützt, mit Stirn und Vvrderrand des Halsschildes gegen das Holz schlägt und so ein rhytmisches, mit geringen Unterbrechungen lange anhaltendes Klopfen, ähnlich dem Ticken einer Uhr, hervorbringt." Es muß ja zugegeben werden, daß dieser pochende Trotzkopf bei seiner eben gedachten Klvpfthätigkeit nichts weniger be­zweckt, als den nahen Tod eines ihm völlig unbekannten und gleichgiltigen menschlichen Individuums anzumelden, dennoch bei einem solchen nicht selten die unbegründete Veranlassung einer derartigen, abergläubischen Vor­ahnung, deren zufällige Bestätigung vielleicht auch nicht immer ausblieb, abgegeben haben mag. In Thüringen betrachtet man fast allgemein diese unheimlichen Töne als eine Geisteruhr, die einen baldigen Todesfall im Hause ankündigt", und auch in anderen Gauen Deutschlands ist noch heute der seltsame Aberglaube heimisch, wie aus volkskundlichen Werken ersichtlich ist.

Bayerns ländliche Bevölkerung nennt das trotzköpfige Insekt poetisch dasErdschmiedlein", weil es allgemeiner Volksanschauung gemäß dem menschenmähenden Tode die gefürchtete Sense zu schmieden hat. AuchDengelmann" ist eilte häufig auftretende Nebenbenennung für den Anno- bium pertinax, eben weil er die bildlich bekannte Todes- hivpedengelt" (scharf klopft). Aus Schwaben berichtet Btrlinger:Der allgemein bekannte Wandklopfer, Dengel­mann, Dengelmändle in Oberbayern und bei Augs­burg Schmidle, Erdschmidle ist in der Riedlinger Gegend als Todtenührle gefürchtet. Wen's angeht, der hört's nicht." Ja, im leise klopfenden Bohrwurm hat man von jeher einen untrüglichen Tvdesboten wahrgenommen, der hammerbewehrt an die Thür pocht. Im Buch der Richter wird von Manoa, Simsons Vater, gesagt, daß der Engel des Herrn vor ihm anfing zu klopfen, und Bodinus gründet in seiner alten Geisterlehre darauf den Satz, man ver­möge die uns äbrufenden höheren Wesen wirklich zu hören,da sie wie mit einem Hammer schlagen." Während ejner verheerenden Pest im Jahre 1594 erließ die für­sorgliche Regierung von Luzern eine belehrendeVerord­nung", in welcher dem gemeinen Manne neben der Be­kanntgabe etlicher Vorbeugungsmittel empfohlen wird, beizeiten aufs äußerste gefaßt zu sein,daß wann der Herr gätt klopfen kommt, der mensch gerüst sye vnd sich in sm ervordern ergebe." Sebastian Brant ruft aus:

deßhalb gedenk vnd setz dir für der tob klopft all tag an die thür" und der mittelalterliche Kanzelredner Geiler von Kaisers­berg predigt:Wenn der tob an ber thüren rumpelt, wann der tob mit dir ringt, da breitet es."

Schon seit uralten Zeiten würbe nämlich ber mensch?- liche Körper als die Behausung ber Seele, alsTempel des Geistes" aufgefaßt. Wenn berlebenbige Obem" biese seine Wohnung verläßt, so geschieht das etwas gewaltsam. Wir sprechen heute noch in bildlicher Rede, baßbie Schwarte knackt", der Halskracht" und bas Augebricht", sobald es sich um das Eintreten des Todes handelt.

Wenn daher die holzigen Zimmerwände und Möbelstücke knacken, das Glas zerspringt und der Spiegel zerbricht, so muß bald jemand im Hause sterben", wie der alles umgarnende Aberglaube wissen will. Um nun einen solch gewaltsamen Abschied des ausfahrenden Geistes zu ver­hindern, muß man, wenn ein Sterbender in den letzten Zügen liegt, die Fenster öffnen.Totenuhr" ist jeoen- falls ein neuzeitlicher Name jenes klopfenden Käfers; denn in frühgeschichtlichen Zeiten kannte man nur Sonnen-, Wand- und Wasseruhren. Wenn Schiller den un­erschrockenen Tell sprechen läßt:

Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Bogt, Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen",

so ist hier mit Recht an das altbekannteStundenglas" zu denken, welches der abrufende Tod tn ber knöchernen Hanb trägt, um den heimzuholenden Menschenkindern zu zeigen, daß der seiende Sand zu rinnen aufgehört habe. Daß man mit der Zeit alle Uhrarten miteinander verwechselt hat, erhellt aus folgendem Werglauben der Wenden^:Die Taschenuhr (?) läßt sich hören, wenn jemand

Ursprünglich ist also wohl der Käfer Annobium pertinax seines pochenden Geräusches wegen in nahe Beziehung zum Tode gebracht worden, und als dann später die künst­lichen Uhren gingentick, tack", da nannte man das nied­liche Kerbtierchen, das in der Schweiz alsZirpe pippet und pöpperlet", kurzwegTotenuhr". Ja, nun übertrugen sich selbst aus die neumodischen Uhren jene abergläubischen Meinungen vom drohenden Todesgespenst. Man höre z. B. Birlingers Mitteilungenaus Schwaben" (I. S. 242): Im Rittersaal auf Zeil soll eine große Uhr sein. Sie fängt nur dann an zu gehen, wenn der Tod des Fürsten nahe ist. Lange Zeit ging sie nicht mehr, trotz aller Ver­suche und Mühe um sie. Auf einmal fing sie zu rasseln an mit einem Schlag: der alte Fürst starb." Auch die Meißener Rathausuhr stand jedesmal still, wenn eines Ratsherrn letztes Stündlein gekommen. Im Jahre 1750, bei der personalen Umgestaltung der magistratlichen Be­hörde, zerfiel der alte Zeitmesser und ist seitdem nicht wieder yergestellt worden.

Im unruhigen Jahre 1848 weilte ein hoher Militär in Berlin, um von dem berühmtesten Uhrmacher dort aus einer großen, altmodischen, aber ungemein künstlich er­bauten Spieluhr einen besonderen Mechanismus entfernen zu lafsen, welcher das musikartige, mehrere Minuten an­haltende Schlagen dieser Uhr bewirkte, ohne daß sie dadurch in ihren sonstigen Verrichtungen gehindert wurde. Nachdem Einzuge der siegreichen Verbündeten in Paris (1815) hatte sie der Besitzer von einem dortigen Künstler gekauft. Einige Jahre später hörte jedoch das bisherige Schlagen des künst­lichen Werkes auf, und kein Uhrmacher noch Mechaniker vermochte diesen Fehler wieder rückgängig zu machen. Plötzlich begann die Uhr eines Tages anhaltend zu spielen: einen Tag darauf starb die Frau des Besitzers. Von jener Zeit an verstummte die seltsame Musik, bis sie nach einigen Jahren, an dem Tage vor dem Tode des Sohnes ihres Inhabers wieder in der früheren Weise ertönte. Dieses bedeutungsvolle Spiel mit denselbigen Folgen wiederholte sich später nochmals und endlich wieder vor Ablauf des Jahres 1847, als das letzte Kind, eine auf­geblühte Tochter jenes hohen Offiziers, aus dem irdischen Leben dahinschied. Um nun nicht auch seine letzte Stunde aus dem lärmenden Zeitmesser schlagen zu hören, ließ der schwergeprüfte Eigentümer dessen verhängnisvollen Mecha­nismus durch fachmännische Hand beseitigen, ohne sich jedoch von der Uhr selbst zu trennen. (Vgl. Rork, Sitten und Gebräuche der Deutschen 1849. S. 152 ff.) Dieser verbürgte Fall zwingt uns das bekannte Wort auf die Lippen:Es gießt Dinge zwischen Himmel und Erde, die kein Sterblicher zu begreifen vermag." Uebrigens soll im Königlichen Schlosse zu Sanssouci eine alte Uhr jene Stunde anzeigen, in welcher Preußens berühmter Herrscher, Friedrich II. deralte Fritz" am 17. August 1786, aus seinem thatenreichen Leben schied. In dem­selben Augenblicke, als der große König seinen beseelenden Odem ausgehaucht, soll nämlich die alte Schloßuhr stehen geblieben sein. Indes, man nimmt auch an, daß einer seiner französischen Diener damals den schwerfällig pen-