Ausgabe 
25.11.1900
 
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Sonntag den 25. November.

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Aum Totenfeste 1900.

Von Alwin Römer.

Nachdruck verboten.

Wie bist Du, Sommerlust, nun weit! . . . Dumpf rauscht das welke Laub im Hage, Und Schauer der Vergänglichkeit Durchbeben jäh die Spätherbsttage! Entblättert steht der Rosenstrauch, D'rin holde Lenzeslieder klangen. . . In des Novembers Nebelhauch Ist Duft und Glanz und Pracht vergangen! . .

Das ist die Zeit, die still das Herz An Stunden mahnt, die es vergessen: An herbes Leid und wilden Schmerz, An Kirchhofsthor und Grabcypressen! Und zu den Hügeln zieht's Dich hin, Daß an des Herbstes rauher Grenze Sie Deine Hand in frommem Sinn Mit Blüten noch einmal bekränze!

So mancher liebe Name blinkt Dort traulich von den kalten Steinen, Und lang verscholl'ner Jubel klingt Und längst gestilltes bitt'res Weinen- Ans Ohr Dir wieder, wie Dein Fuß Den schwermutbangen Gang vollendet, Und Deine Seele Gruß um Gruß Den Schläfern unter'm Rasen sendet!

So viele liegen dort vereint Im Schlummer, die sich oben haßten . . . Der Tod fragt nicht nach Freund und Feind, Gräbt er die Gruft zum letzten Rasten! Und schienen unerlöschlich auch Im Leben einst der Zwietracht Flammen: Wie Schall und Rauch, wie Hall und Hauch, Fällt alles hier in nichts zusammen!

Zur Tiefe sinkt, was falsch und schlecht. Des Hasses Glut, der Selbstsucht Triebe: Es bleibt ein dauernd' Heimatrecht Im Lichte einzig wahrer Liebe!

Der Liebe, die Dein Herz bewegt So sehnsuchtsvoll an diesen Hügeln, Und die auch Dich, empor einst trägt Auf nimmermüden Engelsflügeln! . . .

Die Totenuhr.

Zum Gedächtnis der Verstorbenen.

(25. November.)

Von F. Kunze.

Nachdruck verboten.

Der heutige Tag, welcher dem stillen Gedächtnis der Entschlafenen gewidmet ist, dürfte nicht ungeeignet sein, einen jener zahlreichenBoten des Todes" zu betrachten, der, obgleich unansehnlich, ja kaum wahrnehmbar, all­gemein gefürchtet wird: die Totenuhr. Was man ge­wöhnlich unter diesem seltsamen Worte versteht, beson­ders im naturwissenschaftlichen Sinne, ist nichts anderes als dergemeine Bohrkäfer" oderTrotzkopf" (Anno- bium pertinax), per meistensHolzwurm" heißt und von Dr. Leunis in nachstehender Beschreibung gekennzeichnet wird:Flügeldecken punktiert-gestreift, dunkel-schwarz­braun; Halsschild mit Gruben, an den Hinterecken mit einem gelblichen Haarflecke, zweineinhalb Linien (etwas mehr als die Stubenfliege) lang. Leben häufig in höl­zernen Hausgeräten, welche von ihren Larven oft ganz in Wurmmehl verwandelt werden. Bringen im Holzwerke unserer Wohnungen durch Klopfen mit dem Kopfe die bekannten, Totenuhrschlägen ähnlichen Töne hervor, welche man früher für Vorboten eines Todesfalles im Haufe hielt. Sie ziehen bei der leisesten Berührung die Beine dicht an den Leib und stellen sich hartnäckig tot, ohne sich zu regen, selbst wenn sie auf eine Nadel gespießt »m Licht gebraten werden; daher: Trotzkopf."

Der naturkundige Thomas Brown erzählt von dem harmlosen Insekt:Ich habe viele dieser Tierchen ge­fangen und sie in sehr dünnen Schächtelchen gefangen gehalten. Dabei habe ich, genau bemerkt, wie sie mit ihrer Schnauze gegen die Wand des Schächtelchens an­stießen und gewöhnlich 9 oder 11 Schläge nacheinander thaten. Am geschäftigsten zeigten sie sich bei warmer Witterung." Die willkommenste Werk- und Wohnstätte bieten dem bohrenden Käferlein alte Möbelstücke und sonstige morsche Holzgeräte. In diesen verursacht es ein nach rhythmischen Zwischenpausen aufeinander folgendes Ticken, das sich in stillen Räumen, besonders bei Nacht­zeit, deutlich vernehmen läßt und auf einen nahen Sterbefall deuten soll, sei es nun, daß dieses unheil­volle Geschick dem Hörer selbst oder einem seiner Ange­hörigen, Verwandten, Freunde rc. bevorsteht. Vor etwa 150 Jahren klagte schon der Nordhäuser Chronist Lesser über die thörichte Meinunggemeiner Leute", weiche wähnten, daß,wenn das Jnsect die Todten-Uhr genannt, in ein Haus kommt und mit seinem genau abgemessenen Nagen, welches wie die Schläge eines Perpendiculs an einer Taschenuhr klingt, sich hören läßt, so müsse in