Ausgabe 
25.10.1900
 
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die dunkelblaue, dann die kaffeebraune und zuletzt, als der Frack dem Schlußrock wich, die schwarze Farbe.

Dieser Frack feierte seinen größten Triumph zur Zeit des Kongresses in Wien. Auf dem bekannten Bilde sieht man Kaiser Franz, den Zar und alle Herrscher in Fracks, während heute bei einer ähnlichen Gelegenheit der gold­gestickte Frack der Diplomaten neben dem Glanze der Uniformen verschwinden würde. In den Zwanzigerjahren ist der Frack so sehr bürgerliches Kleidungsstück geworden, daß er im französischen Sprachgebrauch noch heuteHabit", nämlich alltägliches Gewand genannt wird. Und nun stieg er vom bürgerlichen Alltags- zum Galakleid empor. Ueber- all beugte man sich fortan vor dem schwarzen Frack; er war im wahren Sinne des Wortes ein Beherrscher der Welt geworden. Noch einmal tauchte der blaue Frack für kurze Zeit auf, und zwar im Jahre 1848, abermals als Freiheits-Sinnbild. Aber nachdem der Freiheitsrausch verflogen war, segnete er wieder das Zeitliche. Unter dem zweiten Kaiserreich wurde er am Tuillerienhof eine Zeit lang wieder geduldet. Die schöne Spanierin schwärmte für ihn. Blauer Frack mit goldenen Knöpfen, weiße Weste, schwarzseidene 'Kniehosen, Strümpfe und Escarpins galt als Hofkostüm auf ihren Bällen. Die Form glich damals jener aus den Jahren 1815 bis 1817 in der kurzen Taille und in den Schößen. Die Aermel, bis dahin fehr weit und an der Achsel glatt, zeigten wieder gerade das umgekehrte Verhältnis. Es waren die aus dem Anfang der Zwanzigerjahre bekanntenGigerlärmel" (Hammel­keulenform), an der Schulter faltig weit und nach der Hand spitz zulaufend. Der blaue Frack, von der Kaiserin Eugenie beschirmt, hielt sich bis gegen Mitte der Sechziger­jahre. Er verschwand zugleich mit dem Reifrock, diesem anderen Schützling der schönen Kaiserin. Mehr als zwanzig Jahre blieb er verschollen, dann begann er sich wieder zu rühren. Vor einiger Zeit entstand in Paris und London eine Bewegung gegen das schwarze Full-dreß (Staatskleid). Man trug blaue, grüne, braune, rote Fracks. Es war aber blos ein schüchterner Widerstandsversuch, keine grund­stürzende Reform. Der schwarze Frack ist die allgemeine Uniform des Kulturmenschen, der bedeutsame gesellschaft­liche Akte vorzunehmen hat. Er ist ebensowohl Berufs- als Feierkleid; er ziert gleicherweise Kellner, Lohndiener, Leichenbitter Neujahrsgratulanten, Bräutigams, Fest­redner und Stutzer aller Zonen. Er bleibt das äußere Zeichen von etwas Feierlich-Geheimnisvollem; er kann von der Mode wohl äußerlich beeinflußt, aber kaum in seinem Kern vernichtet werden. Auch das neue Jahrhundert wird ihm schwerlich den Garaus machen, dem ebenso beliebten wie verhaßten Schwalbenschwanz.

Gemeinnütziges.

Die Pflege unseres Alpenveilchens. Wenn dem Gartengehege die letzte Rose entflattert ist und rauher Herbst Staket und Strauch! mit Reif bemalt, dann kommt die Zeit des Alpenveilchens. Es erschließt sich bei ihm Knospe um Knospe, und bald flammt es auf, weiß, rosig und rot in den Wohnungen derer, die das Schöne lieben und die es verstehen, dem Alpenveilchen die richtige Pflege zu bieten. Tausende und Tausende, blütenbeladen, werden jetzt aus den Gewächshäusern in die Zimmer verpflanzt, aber Tausende siechen dort, ohne sich entwickelt zu haben, dahin, weil ihnen die richtige Pflege fehlte. Es wurde nicht genug gegossen, es wurden keine Vorkehrungen gegen den durch die Fensterritzen eindringenden kalten Luftzug geschaffen, es wurde auch nicht bedacht, daß das Alpenveilchen eine mäßige, 1012 Grad Reaumur hohe Wärme liebt. Wie man Alpenveilchen im Zimmer pflegen und hegen muß, wie 'm cm es aus Samen dort zur Ueppig- keit heranziehen kann, das hat ein begeisterter Liebhaber und inniger Pfleger des Alpenveilchens in Nr. 30 des Erfurter Führers im Gartenbau" beschrieben. Ta wir die Pflege hier nicht so ausführlich schildern können, ver­weisen wir chm so lieber auf diesen Artikel, als unseren Lesern diese Nummer kostenfrei zugeschickt wird, wenn sie sich mittelst Postkarte an dieRedaktion des Erfurter Führers" in Erfurt wenden.

Litterarifches.

Die chinesische Heimtücke ist durchaus nicht so neuen Datums, wie man wohl im allgemeinen anzunehmen geneigt ist. Schon im Anfang des letzten Jahrhunderts hatte der damalige Statthalter von Kanton auf den Kopf einesfremden Teufels" einen Preis ausgesetzt, was natürlich Anlaß zu einem erbitterten Kriege mit Europa gab. Es ist gerade jetzt hochinteressant, einen geschichtlichen Rückblick über Europas Kriege mit China zu lesen, wie ihn Dr. A. Ernst in dem neuesten. Bande derIllustrierten Hausdibliothek", aus dem Verlage von SB. Vobach u. Co., Berlin und Leipzig, giebt. Allein dieses Artikels wegen lohnt es sich schon, das elegant gebundene Buch, dessen Preis nur 75 Pfennige ist, zu kaufen. Wir finden beim Durchblättern des 260 Seiten starken Bandes zahlreiche Illustrationen und äußerst interessante Artikel, wie z. B.Morganatische Ehen",Ans dem Staats­leben der Tiere" undAnwendung und Wirkung der Massage". Dann eine SerieRegimentsgeschichten des deutschen Heeres", beginnend mit dem Kgl. Preußischen 1. Gardercgiment z. F. Die spannenden Romane: Das Armband der Emigrantin",Venus als Siegerin", die Novelle Cupidos Rache", ferner viele Anekdoten und Gedichte sorgen in aus­giebigster Weise für das Lesebedürfnis des Mannes. Der dem Bande vorgeheftete Prospekt kündigt für die nächsten Bände weitere Serien- Artikel, wie:Ein Rundgang durch die deutschen Hochschulen" und Tragödien der Weltgeschichte" an. Auch wird auf ein Preisausschreiben, das 207 Preise im Werte von 3120 Mark verspricht und dessen bester Preis ein Herren-Fahrrad, dessen geringster ein Kistchen Wein ist, auf­merksam gemacht. Ein jeder, welcher auf diese Bibliothek abonniert, kann Konkurrent an dem interessanten Preisrätsel werden, dessen nähere Bedingungen in Band 2 veröffentlicht werden. Abonnements (14 Bände im Jahr) nehmen alle Buchhandlungen und Postanstalten entgegen.

Der Charakter. Bon Samuel Smiles. Deutsche, autorisierte Ausgabe von Fr. Sieger. Sechste Auflage. Preis 4 Mk. 50 Pfg. in Leinwand gebunden 6 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig.

Nicht allen kann geistige Größe beschicken sein, wohl aber sollte jeder nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Charakters streben. Erste und richtigste Schule des Charakters aber ist das Eltern­haus, das lebendige Beispiel von Vater und Mutter, das lehrt aufS eindringlichste der bekannte Moralphilosoph, dessen beherzigenswertes Buch über den Charakter in deutscher Ausgabe nun schon zum sechsten­mal bei jung und alt neue Freunde wirbt. Smiles feiert den Segen aller Arbeit, wobei selbst die mechanische Thätigkcit eine ihr oft versagte Würdigung erfährt; er fordert den Mut der eigenen Ueberzeugung, er mahnt zur Selbstbeherrschung und zum Pflichtbcwußtseiu, und spornt zur Wahrhaftigkeit an. Der modernen Streit- und Zweifelsucht, der lähmenden Schwarzseherei wird Fehde angesagt. Gute Bücher, werden als Schutzmittel gegen Verbildung des Gemüts empfohlen; auch das vorliegende Werk hat gerechten Anspruch darauf, besonders der Heranwachsenden Jugend als ein Schatz praktischer Lebensweisheit in die Hände gelegt zu­werden.

Schachaufgabe.

Von B. G. Laws.

(Nachdruck verboten.)

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abcdef g h

8

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6

6

5

3

Weiß. (9 + 6).

Weiß zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge matt. Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Nmwandlungsrätsels in voriger Nummer: Wachs, Mehl, Wind, Nagel, Blei, Eier, Kasten, Rest. Weinlese.

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.