Ausgabe 
25.10.1900
 
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dargebotenen Etui bedienen. Auch die verheißenen Bilder des fernen Gatten wollten sich durchaus nicht finden, ob­wohl die Schauspielerin ein Album nach dem anderen heranschleppte, und nach Verlauf einer Viertelstunde war davon auch gar nicht weiter die Rede.

(Fortsetzung folgt.)

Der König der Mode.

Eine Jubiläumsskizze von Rudolf Kars.

(Aus derWiener Mode".)

Der Frack ist in diesem Jahre in sein hundert­fünfzigstes Lebensjahr eingetreten und hat somit un­leugbar ein ehrwürdiges Alter erreicht. Die ersten An­läufe zum Frack wurden zwar schon zu Anfang hes 18. Jahr­hunderts gemacht. Die Herrengarderobe bestand zu jener Zeit aus den Beinkleidern, dem Wams und dem Just- aucorps. Die Beinkleider, meist aus dunklem Stoff, waren fest anliegend und reichten bis unter die Knie. Der Strumpf, weiß, grau oder rot, lag knapp am Unterschenkel un und war unter dem Knie mit Bändern befestigt. Das Wams aus bunter Seide reichte bis zur Mitte der Ober­schenkel und war reich mit Spitzen, Borden und Gold­knöpfen geziert. Der Justaucorps, der Vater des Frackes, viel länger als das Wams, bedeckte die Beinkleider ganz. Er war mit Borden besetzt, erhielt andersfarbige Aus­schläge-und. an der Schulter leine Nestel aus vielen farbigen Bandschleifen. Die Aermel reichten nur bis zum Ellbogen, und aus den großen Aufschlägen quollen die weiten Hemd- ürmel mit feinen Falten hervor und ließen ihre langen Manchetten, mit Spitzen besetzt, über die Hand falleu Gewöhnlich hatte der Rock auch Taschen zu beiden Seiten, die auch mit Borden und Knöpfen besetzt waren. Ein seiner Shawl, bei Hofe aus Goldstofs oder Spitzengewebe, sonst aus Wolle oder Seide, diente als Gürtel über dem Rock, konnte aber auch fehlen. Das Halstuch aus feinem weißen Stoff wurde unter dem Kinn gebunden, und seine beiden Enden, mit Spitzen besetzt und in zierliche Falten gelegt, hingen auf die Brust herab.

In Frankreich wurden unter Ludwig XIV. die Schöße des kurzen Soldatenrockes ein wenig zurückgeschlagen, so daß sie auf der 'Seite auflageu Später, als der Soldaten­rock länger wurde, schlug man, wohl um das Ausschreiten des Mannes zu erleichtern, blos die vorderen, innen mit buntem Tuch ausgelegten Schöße zurück oder richtete die­selben so ein, daß sie nötigenfalls zurückgeknöpft werden konnten. Doch fiel es niemand ein, einem solchen Rock einen besonderen Namen zu geben.

Dies geschah erst im Jahre 1750, als ein leider un­bekannter deutscher Kleiderkünstler die Entdeckung machte, daß die vorderen Schöße eines langen Bürgerrockes, die er zum Zurückknöpfen einrichten wollte, ganz gut Weg­fällen könnten. Er schnitt sie dann auch weg, und der Frack war geboren. Aber nur sehr langsam gelang es diesem Kleidungsstück, das sichz heute zum höchsten Range erhoben hat, da es bei allen Feierlichkeiten unentbehrlich! ist, sich die Gunst der Menschheit zu erringen. Kühl, sehr kühl wurde der Frack ausgenommen. Infolgedessen spielte er damals in allen Farben. Im Jahre 1776 war er vor­wiegend blau, mit gelben Metallknöpfen oder, wie man sagte,goldenen" Knöpfen geziert. Er sah zu dieser Zeit überhaupt sehr imposant aus, zumal wenn er am Leib eines gestrengen Herrn Amtmanns saß und zu gelben, in Stulpenstiefeln verlaufenden Hosen getragen wurde. Um diese Zeit kam der Frack auch als englische Mode auf den Kontinent, nachdem er in England bisher die Rolle der Reittracht gespielt hatte. Stammt ja auch feiir Name von dem englischenFrock", Womit man einen Reitrock mit kurzen Schößen bezeichnete. Erst jetzt eroberte er sich auch! das Feld bei ben Bürgern, welche, die Emanzipierten genannt, ihn gerne als das Sinnbild ihrer Schwärmerei für englische Freiheit und englische Verfassung trugen. Was Rock an ihm ist, war zu jener Zeit, da die Mode vorschrieb, daß ein gutes Stück Weste unter dew Frack hervorsehen müsse, freilich von unendlicher Kürze, dafür aber fielen die Schöße bis auf die Fersen herab. Kein Wunder daher, daß der Frack seinen Träger größer er­scheinen ließ, als er wirklich- war. Auch verlieh er ihm

ein ebenso vornehmes als würdevolles Aussehen. Der blaue Frack ist dar Frack des jungen Weither.Gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste" fand man ihn nach dem Selbstmord. Im blauen Frack wollte er zur Ruhe gebettet werden; denn er war ihm geheiligt durch Lottes Berührung. In einem solchen Frack suhr der junge Goethe in Weimar ein; einen solchen Frack trug der junge Karl August. Damals schien die gelbe Weste Umsturz zu predigen, und man bekreuzte sich vor dem blauen Frack. Aus jenen guten alten Tagen hat sich folgende merkwürdige Ver­fügung Kaiser Pauls I. erhalten:

Herr wirklicher Geheimrat und Generalprokurator Fürst Kurakin!

Aus dem Uns durch den Generalauditeur Fürsten Schachowsky erstatteten Bericht, betreffend die Ange­legenheit des Obersten Schukow vom Apscheronschen Musketier-Regiment, haben wir von der liederlichen Aufführung des Stadtvogtes Pirch aus Brschech im lithauischen Gouvernement Kenntnis erhalten. Der­selbe ist, unter Mißachtung aller seiner dienstlichen Verpflichtungen und entgegen Unseren gesetzlichen Ver­ordnungen, öffentlich im Frack und rundem Hut herum­gegangen und hat durch diese unanständige Kleidung seine Sittenlosigkeit klar und deutlich bekundet. Da derselbe außerdem noch Staatsdiener in seinem eigenen Haushalt verwendet hat, so haben Wir besagten Stadtvogt Pirch aus dem Dienste gejagt und verordnet, daß er bei der Kirchenparade vor dem Oberst'.: Schukow auf den Knien Abbitte leisten soll. Sie haben diese Unsere Verfügung zur öffentlichen Kenntnis zu bringen mit allen näheren Umständen der liederlichen Aufführung des Stadtvogtes Pirch, damit auch alle übrigen sich nicht unterstehen, sich! einen derartigen Unfug und eine solche Unver­schämtheit und Mißachtung ihrer dienstlichen Stellung zu Schulden kommen zu lassen."

Daß der Frack zu jener Zeit überhaupt als Zeichen der Freisinnigen galt, erhellt auch daraus, daß bei der im Jahre 1787 stattgefundenen Notabelnversammlung der dritte Stand ausnahmslos im Frack erschien. Zur Zeit der Schreckensherrschaft war auch infolge dessen der Frack als bürgerliches Kleidungsstück gebräuchlich, während er beim Militär durch Ludwig XVI. als Uniform eingeführt ward. Unter dem Direktorium endlich wurde der Frack so sehr Gemeingut aller Stände, daß die Stutzer, um etwas Besonderes zu haben, die lange Redingote trugen. Das Direktorium war aber auch die Zeit der Muskadins, die infolge der damaligen Anglomanie, die an den Snobbismus des Jahrhundertendes erinnert, den farbigen, meist braunen Tuchfrack mit den großen Reversklappen, dem hohen weißen oder (wie in Angot) schwarzen Kollet, in dem das Kinn steckte, und den Zweispitz trugen. Unter dem Empire wurde der Frack das, was er heute ist: eine Galatracht, und blieb dabei auch! ein alltägliches Kleidungsstück.

Tie deutschen Offiziere erhielten gegen Ende des Jahr­hunderts einen kurzen, Don der Mitte an schön ausge­schweiften weißen Frack, ein Fräckchen sozusagen, die Sol­daten aber den gleichfalls in der Farbe der Unschuld prangendenUrfratf", d. h. den Rock mit den vorne und rückwärts zurückgeknöpften Schößen, ein Kleidungsstück, aus dem sich! bis 1806 so ziemlich- der Frack, wie wir ihn kennen, entwickelt hatte. Da aber das Offiziersfräckchen inzwischen wieder vom Schluß- oder Leibrock verdrängt worden war, erhoben sich auch im Zivilstand zahlreiche Stimmen, die zum erstenmal die Abschaffung des Frackes begehrten. Es fehlte auch! nicht an diesfälligen Thaten, indem man den Frack in Wort und Bild verspottete und dessen Ver­achtung öffentlich- zur Schau trug, allein das schadete ihm nicht im geringsten. Er blieb modern, nur daß die schon längst Schwalbenschwänze genannten langen Schöße, denen ein SpötterStrippen" anzunähen riet, damit sie gleich den Hosen an den Stieseln befestigt und vorFlatter­haftigkeit" bewahrt werden könnten, kürzer und kühner geschwungen, die Kragen aber nicht mehr so hoch gemacht wurden wie anfangs, da sie fast bis zu den Ohren hinauf reichten. Auch die Farben des Frackes wechselten. Im Grunde genommen aber gab es von den weißen Soldatenfracks abgesehen nur drei Modefarben: zuerst