(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Um Georg Lengfelds dicke Lippen spielte ein selbstbewußtes Lächeln. „O, es! ist noch nicht aller Tage Abend. Wenn der Mörder wirklich gewagt hat, deutschen Boden zu betreten, so ist er rettungslos verloren".
„Sie besitzen also sein genaues Signalement?"
„Ja! Aber es ist nicht das, worauf sich meine Zuversicht gründet. Wir Kriminalisten messen solchen Personalbeschreibungen zumeist nur geringe Bedeutung bei. Jeder Halbwegs geschickte Verbrecher verfügt ja über tausend Mittel, sich innerhalb weniger Stunden vollständig unkenntlich zu machen. Und wenn er sich uns trotzdem früher oder später stets verrät, so geschieht es zumeist auf eine ganz andere Weise".
„Ah —und wodurch, wenn es erlaubt ist, zu fragen?"
„Haben Sie nie gehört, daß jeder Beruf denjenigen, die ihn ausüben, sein besonderes und eigentümliches Gepräge aufdrückt? Auch der Beruf des Verbrechers macht davon keine Ausnahme".
„Das ist sehr interessant. Und die Kenntnis dieses besonderen Gepräges betrachten die Herren Kriminalisten als eine Art von Geschäftsgeheimnis — nicht wahr?"
Der Staatsanwalt zuckte die Achseln. „Ein Lehrbuch läßt sich nicht darüber schreiben. Man muß viel praktische Erfahrung und vielleicht auch einen gewissen angeborenen Scharfblick besitzen, um einen Verbrecher unter allen Verhältnissen von einem ehrlichen Manne zu unterscheiden".
„Ein Talent, über welches Sie, Herr Staatsanwalt, natürlich verfügen".
„Nun ja — ich denke wohl! Nach einer Bekanntschaft von zehn Minuten habe ich bisher noch jedem den Platz zuweisen können, der ihm gebührt".
„Eine bewunderungswürdige Gabe!" versicherte San- dory im Tone aufrichtigsten Bedauerns. „Es muß ein geradezu schauderhaftes Gefühl für so einen armen Teufel
l.lUJUi?
(eilt, sich trotz aller Verstellungskünste innerhalb eines Zeitraumes von nur zehn Minuten durchschaut zu sehen".
Dora, der diese kriminalistische Unterhaltung offenbar ,ehr wenig Vergnügen bereitet hatte, flüsterte ihrem Vater emige Worte zu und erhob sich gleich darauf, um das Zeichen zur Beendigung des Mahles zu geben. Man ging in das Nebenzimmer, wo der Kaffee serviert wurde, und wo die Herren sich ihre Zigarren anzündeten. Die Tochter des Hauses plauderte jetzt fast ausschließlich mit dem neuen Bekannten, unbekümmert darum, daß sich der Staatsanwalt durch ihr Benehmen zurückgesetzt fühlen konnte, und es war zuweilen recht auffallend, wie verdrießlich und gelangweilt mit einem Male der Ausdruck ihres Gesichtes werden konnte, wenn sie durch eine Frage ihres Verlobten genötigt wurde, ihm Rede zu stehen.
Georg Lengfeld hätte ohne alles Feingefühl sein müssen, wenn ihm diese launenhafte Unfreundlichkeit ihres Wesens nicht sehr bald zum Bewußtsein gekommen wäre und die Art, wie er plötzlich erklärte, zum Aufbruch ge- notfgt sem ließ, denn auch deutlich auf eine stark gereizte Empfindlichkeit schließen. Natürlich durfte auch Sundorv jetzt nicht langer mit der Verabschiedung zögern, und als wolle er den beiden Verlobten dadurch Gelegenheit au entern letzten kurzen Alleinsein geben, trat er mit dem Hausherrn tn das Speisezimmer zurück.
~a erfaßte Franz Norrenberg mit ungestümer Bewegung seinen Arm und flüsterte ihm zu: „Nehmen Sie sich in acht! Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das Sie da treiben, -engfeld ist nicht so harmlos, daß man sich ungestraft über ihn lustig machen dürfte".
„Aber wer sagt Ihnen denn, bester Freund, daß ich mich über ihn lustig inache?" erwiderte Sandory mit seinem unbefangensten Lächeln. „Ich rechne im Gegenteil Mit Sicherheit darauf, daß sich noch die herzlichsten Beziehungen zwischen uns herausbilden werden".
Der Abschied des Brautpaares mußte sehr kurz qe- wesen sein; denn in diesem Augenblick erschien auch der Staatsanwalt auff der Schwelle des Spe.s z mmcrs. Sandory empfahl sich Dora mit einem sehr langen Hand- ruß, und sie dankte ihm noch einmal warm für die herrlichen Rosen. ’
'(Auf baldiges Wiedersehen!" rief sie ihm nach, und um ihre Lippen huschte ein Lächeln, als sie durch das Fenster den beiden Herren nachschaute, die Seite an Seite die Straße hinuntergingen.
„Dein Freund ist ein sehr geistvoller und liebenswürdiger Mann", wandte sie sich halb über die Schulter nach ihrem Vater zurück. „Du mußt ihn veranlassen uns recht häufig zu besuchen. Es giebt hier in Walden- berg nicht viele, mit denen sich's so angenehm plaudern laßt, tote nnt ihm".
ie kampflos wird dir ganz
Das Schöne im Leben geglückt sein;
Selbst Diamantenglanz
Will seiner Hülle entrückt sein;
Und windest du einen Kranz, Jede Blume dazu will gepflückt sein.
Friedr. Badenstedt.


