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Wohin alle diese Einnahmen kommen, ist keineswegs ersichtlich. Die innere Schuld Chinas ist kaum nennenswert und belief sich jährlich aus 30 Millionen Haikuan Taels, und auch die äußere Verschuldung, welche allerdings seit dem unglücklichen Kriege gegen Japan bedeutend gestiegen ist, beträgt wenig mehr als eine Milliarde Mark. Man muß daher annehmen, daß mindestens 180 Millionen Mark alljährlich für die diplomatischen Vertretungen im Auslande, die kaiserliche Armee — welche wohl von den Truppen der einzelnen Provinzen unterschieden werden muß — und für die kaiserliche Hofhaltung selbst aufgehen; denn für die Förderung! des Verkehrs geschieht rein gar nichts. Die öffentlichen Wege sind in einem grauenhaften Zustande, und nur das große Netz künstlicher Wasserstraßen auf welchen sich noch immer ein lebhafter Verkehr abspielt, sind die Schlagadern das dahinsiechenden Riesenorganismus; sie sind ein Werk vergangener, glänzvoller Zeiten, welches langsam, aber unaufhaltsam verfällt. Der berühmte, den Norden mit dem Süden verbindende Kaiserkanal wird von Jahr zu Jahr leistungsunfähiger und nicht einmal zur wirklichen Eindämmung des Hoangho und Yangtsekiang, durch deren Ueberschwemmungen schon viele Millionen Menschenleben elend zu Grunde gegangen sind, kann sich der chinesische Gemeingeist entschließen.
Würde nun die zu Recht bestehende Besteuerung gewissenhaft durchgeführt, so müßte die Grundsteuer allein mindestens 600 Millionen Mark, also das Doppelte der jetzigen Gesamteinnahmen einbringen; das Salzmonopol wäre mit Leichtigkeit auf ein Erträgnis von 200 Millionen Mark zu schrauben, und das Gleiche gilt von allen anderen Einnaheposten. Es ist nicht zu viel gesagt, daß eine gewissenhafte Finanzverwaltung die Einnahmen der Zentralregierung ohne schwere Belastung der Steuerträger auf 2 bis 3 Milliarden Mark steigern könnte. Dazu fehlt es aber an zweierlei, nämlich erstens an einer pflichtgetreuen Beamtenschaft und zweitens an dem Gemeinsinn des Volkes, für dessen Denkungsweise der Betrug eine Tugend, und Ehrlichkeit Narretei ist, und welchem das Gefühl der Pflicht gegen den Gesamtstaat saft völlig abgeht, und nur der Haß gegen den Fremden im Blute steckt.
An sich wären der Fleiß der Bewohner und die natürlichen Hilfsquellen des Landes groß genug, um China in eine wahrhaft glänzende Finanzlage zu versetzen, wie es ja auch in kurzer Zeit gelungen ist, das noch vor 25 Jahren total Zerrüttete Aegypten in geordnete Verhältnisse zu bringen. Was aber im Thale des Nils gegenüber etwa 6 Millionen Fellachen einem kleinen Beamtenheere gelungen ist, hinter welchem die zehnfache Anzahl englischer Truppen steht, ist in China ein Unding. Um die 4 Mill. Quadratkilometer des eigentlichen China ohne Mongolei, Mandschurei, Tianschanländer, Ostturkestan, Tibet und die Kukunorlandschaften nach europäischem Muster zu verwalten, wäre ein Beamtenheer von 100 000 Europäern nicht zu hoch bemessen. Wie groß aber müßte da die bewaffnete Macht sein, welche die ersteren gegen die Ausschreitungen dieses aus seinem liebgewordenen Schlendrian gerissenen, zahlreichsten Volkes der Erde zu schützen hätte.
Die Hoffnung -auf eine gründliche Reform Chinas ist daher fast aussichtslos, und wenn die europäischen Mächte früher oder später ihre Milliardenrechnung vorlegen werden, so werden sie trotz der jetzigen heiligen Versicherungen, das Reich durchaus unversehrt erhalten zu wollen, schließlich doch dazu kommen, sich Faustpfänder in Gestalt der See- und Grenzprovinzen zu nehmen, von denen jede einzelne den Umfang eines respektablen Staates und eine Bevölkerung von 10 bis 30 Millionen Menschen hat. Gegenüber dieser keineswegs in jeder Beziehung angenehmen Aussicht, nach Vogel-Strauß-Manier den Kopf in den Sand zu stecken, nützt nichts; denn niemals haben sich in der menschlichen Geschichte große Umwälzungen ohne Opfer an Gut und Blut vollzogen, und die hausbackene Moral des friedsamen Spießbürgers hat in ihrer Anwendung auf große Völker nie Früchte getragen. Wer Kuchen backen t will, muß Eier zerschlagen, und so ein Riesenei ist eben China.
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Gemeinnütziges.
Ein neues Mädchen he im errichtet der Ev. Dia- konieverein (Direktor Professor D. Dr. Z i m m e r in Berlin- Zehlendorf) in Gummersbach in der Rheinprovinz. In diesem Heim finden junge Mädchen von 14 Jahren an Aufnahme, die sich durch Arbeit in einer Wollspinnerei ihren Unterhalt verdienen, und die die Genossenschaft in jeder Beziehung schützt, denen sie z. B. durch Vertrag und gerichtlich festgelegte Sicherstellung die Bürgschaft dafür gewährt, daß sie ihre Arbeit nicht verlieren, daß der Arbeitslohn nicht herabgesetzt wird, und daß sie nach !6 Jahren Arbeitszeit mindestens 1000 Mark rein erspart haben können. In den Abendstunden erhalten sie Unterricht in allen Zweigen der Hauswirtschaft, sodaß sie in einigen Jahren alles das gelernt haben, was sie als Hausfrauen und Mütter gebrauchen.
Litterarisches.
Am 18. Januar 1901 blickt das Königreich Preußen auf sein 200jähriges Bestehen zurück, und dankbar wird das Volk der preußischen Könige gedenken, welche zwei Jahrhunderte hindurch bemüht gewesen sind, ihre Herrscherpflicht in segensreichem, landesväterlichcm Walten zu erfüllen. Oft und auf mancherlei Art haben Sang, Sage und Geschichte die Kriegsthaten dieser Herrscher verherrlicht. Doch ihr Heldentum zeigt sich nicht nur im Kriege, sondern auch in der rastlosen und gewissenhaften Friedensarbeit. Dieses Friedenswerk dem preußischen, dem deutschen Volke in kurzen Zügen zu schildern, hat sich ein Buch zum Ziele genommen, das soeben unter dem Titel: „Das Friedens- werk der Preußischen Könige in zwei Jahrhunderten. Festgabe für das deutsche Volk zum 18. Januar 1901 von Paul v. Schmidt" im Verlage der Königlichen Hofbuchhandlung von E. S. Mittler & Sohn in Berlin erscheint. Das Buch darf als ein Volksbuch im besten Sinne des Wortes bezeichnet werden; denn trefflich weiß es dem deutschen Volke das „Werk der preußischen Könige im Frieden" vor Augen zu führen, ein Werk, das zwar nicht so glänzend wie Schlachtenruhm und Sieges- thaten, aber um so nachhaltiger und segensvoller ist; ein Werk, nn» scheinbar in seinen Anfängen, aber stetig sich entwickelnd und reiche Frucht bringend zum Wohle des Vaterlandes. Um die Thätigkeit der Herrscher auf allen Gebieten ihrer Wirksamkeit zu würdigen, ist jeder Zweig der Regententhätigkeit in einem besonderen Abschnitt geschildert. So finden wir außer der Einleitung die Abschnitte; „Persönliche Regententhätigkeit — Kirche — Schule — Rechtspflege — Staatsverwaltung — Landwirtschaft, Landeskultur, Besiedelung — Städtewesen — Handwerk und Industrie — Verkehr, Handel, Kolonien —Fürsorge für die Arbeiter — Wissenschaft und Kunst — Heerwesen — Seemacht — im Dienst der deutschen Sache" vertreten. Ucberall beginnt die Darstellung mit dem Großen Kurfürsten, der Grundlage und Vorbedingungen des preußischen Königtums schuf. Wie und mit welchem Erfolge die preußischen Könige ihre Herrscherpflicht im höchsten Sinne erfüllt haben, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung, davon legen die vorliegenden Blätter der vaterländischen Geschichte beredtes Zeugnis ab. Das 261 Groß-Oktavseiten umfassende, volkstümlich geschriebene und durch ein Namenregister besonders erschlossene Werk ist mit 97 Abbildungen, worunter 12 Vollbilder, geschmückt, sodaß der Darstellung höchste Anschaulichkeit gesichert ist und dem Leser das Friedenswerk der preußischen Könige auch im Bilde entgegentritt. Das Werk verdient insbesondere auch die Beachtung der Schul- und Lehrkreise; es sollte in keinem Hause fehlen. Der in Anbetracht der sorgfältigen Ausstattung äußerst billige Preis von 3 Mark für das geschmackvoll gebundene Exemplar, der sich bei Partiebezügen noch ermäßigt, wird die Anschaffung für jedermann erleichtern. _______
Homonym- Nachdruck verboten.
Er trägt Titel, kann belehren, Kann der Langeweile wehren. Es kann halten, kann auch drücken, Kann auch flattern, kann auch schmücken.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummer: (Zweizüger: W. Kf7, Ba7, Td4, Sf2, d5, Bb4, d7.
Schw. Ke5, Dh2, Le3, Sei, g7, Bb7, fö, h5.)
1. Sd5-b6, Ke5-d4: (Le3-d4:); 2. Da7-al (b8) matt. 1. . . ., fö—54 oder beliebig anders. 2. Td4—d5 oder Sb6—c4 matt.
Das neue Quartal werden die Familien - blälter mit einem spannenden Roman von Reinhold Ortmann, betitelt:
Unter dem Schwerte der Themis
beginnen.
N«t»erMt8-Buch- und (Pietsch ttbsK) in Mchm.


