- 647 -
wichtig und vielleicht noch weitaus schwerer zu lösen ist die Aufgabe, wie es den europäischen Mächten gelingen wird, sich eine annehmbare Sühne und den Schadenersatz für die Familien ihrer ermordeten Staatsangehörigen und für die Kosten der umfangreichen nach dein fernen Osten entsandten Expeditionen zu verschaffen. Obwohl es die Regierungen in Deutschland und auch in anderen Staaten noch nicht für nötig befunden haben, den friedlichem Sommerschlaf ihrer Volksvertreter durch die Mitteilung der Summen jäh zu unterbrechen, was jeden Tag oder Woche oder Monat die entsandten Expeditionen kosten, so kann man sich doch aus dem Umstande, daß, die Miete eines einzigen Handelsdampfers für eine Chinafahrt zwischen 100 000 und 180 000 Mark kostet und daß schon für mehr als 50 Fahrten Schiffe gechartert sind, daß ferner zwischen 25 000^und 30 000 Soldaten und Matrosen auf vorläufig unabsehbare Zeit unter den erschwerendsten Umständen zu, verpflegen sind, und daß serner unendliche Mengen Kriegsmaterial verbraucht oder unbrauchbar werden, einen ungefähren Ueberschlag machen, daß die für Deutschland aus einer auch nur einjährigen Dauer der Unternehmung erwachsenden Kosten mit 100 Millionen Mark gewiß nicht zu hoch veranschlagt sind. Andere Staaten, wie Rußland, Japan und England werden sich zu noch weitaus größeren Ausgaben gezwungen sehen, und so kann man sich wohl den Begriff bilden, daß die Rechnung, die den Herren Zopfträgern präsentiert werden wird, jene des Gastes im Schwarzen Walfissch zu Askalon, die doch wenigstens auf drei Ziegelsteinen Platz hatte, noch um ein Erkleckliches übertreffen wird.
Da erhebt sich denn natürlich die Frage, ob China bei seiner heutigen Finanzwirtschaft in der Lage ist, diese horrenden Summen zu bezahlen, und es dürfte nickst ohne Interesse sein, den Nationalwohlstand und die Geldkraft dieses Landes einmal nach europäischem Maßstabe abzuschätzen.
Es ist ein längst, überwundener Standpunkt einer fast vergessenen volkswirtschaftlichen Doktrin, den Reickstm eines Volkes nach seinem Besitz an Edelmetallen und sonstigen umlaufenden Werten zu bemessen; wenn es sich aber darum handelt,- in kurzer Frist große Summen tzu zahlen, so kann nur das Land wirklich leistungsfähig sein, welches ein geordnetes Bankwesen und eine eben solche Geldwirtschaft besitzt. Von alledem ist nun in China keine Rede. Im gewöhnlichen Kleinverkehr dienen als Zahlungsmittel jene kleinen viereckig durchlochten runden aus einer Komposition von Kupfer und Zinn bestehenden Scheidemünzen, deren 700 bis 2000 auf einen amtlichen Haikuau Tael Silber gehen, der einen Wert von 6,41 Mark darstellt. Der deutsche Tourist, der mit einem Kostenauswand von vielleicht 600 Mark im Sommer eine Schweizerreise unternimmt, müßte also an dieser Geldsorte, dem sogenannten Käsch oder Li, Tangtisan oder Pitie, einen Vorrat von 70 000 bis 200 000 Stück mitnehmen, eine recht angenehme Beigabe in einer Zeit, wo jeder sich bemüht, sein Gepäck möglichst wenig umfangreich zu bemessen. Thatsächlich werden größere Beträge natürlich nie in dieser Geldsorte gezahlt; zum Ausgleich dienen vielmehr Barren von Gold oder namentlich Silber, von denen eben so viel abgeschnitten! wird, wie gerade erforderlich ist. Wenn sich nun auch eine recht erhebliche Menge Edelmetall in Privathänden befindet, welche, wie überall int Orient, Gold und Silber und andere Kostbarkeiten lieber anfspeichern und sorgfältig vor ihren Nachbarn und besonders vor den Mandarinen geheimhalten, als zinstragend anlegen, in der nicht unberechtigten Voraussetzung, daß sie diese so besser den Raubgelüsten des diebischen Beamtengesindels entziehen, so dürfte es doch gerade aus dem vorerwähnten Grunde der chinesischen Regierung sehr schwer fallen, selbst aus einer der reichen Provinzen im Thale des Iangtsekiaug, wie Kiang-Lu, Hn-Nan, Szetschuan oder aus einer der gesegneten Küstenprovinzen wie Kuang-Tung oder Tsch^e- auch nur ein Paar Dutzend Millionen Mark herauszuziehen und eine Leistung, wie sie int Jahre 1870 die Stadt Paris vollbrachte, welche die von ihr geforderte Kontribution von 200 Millionen Mark in lächerlich kurzer Frist erlegte, ist für das Viertelhundertmillionenreich einfach ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Schuld an diesem finanziellen Elend trägt einzig und allein die über alle Begriffe jämmerliche Verwaltung, die es in Jahrhunderten.nicht verstanden hat, ein; einigermaßen annehmbares Steuersystem aufzustellen, welches im stände wäre, die Summen aufzubringen, welche für die Bedürfnisse eines solchen Riesenreiches erforderlich sind. Es soll damit keineswegs der sinnreich erdachten Steuerschxaube Miguels und anderer Finanzminister ein Loblied gesungen werden; aber die Finanzwirtschaft unserer europäischen Staaten hat die beiden unbestreitbaren Vorzüge, daß sie große Summen herbeischafft und, abgesehen von den verrotteten südromanischen Ländern und den interessanten Staatengebilden auf der Balkanhalbinsel, auch im Interesse des Staates und der Bürger auf größtenteils nützliche oder doch wenigstens notwendige Dinge verausgabt, während im Lande des Zopfes erstlich, das Äeuererträgnis an fichi ein klägliches ist und andererseits die Verwendung desselben nichtsnutzig, ja fast frevelhaft genannt werden muß.
Das Budget Chinas schloß im Jahre 1897 in Ausgabe und Einnahme mit je 269,5 Millionen Mark ab. Allerdings ist das nur der Etat der Zentralregierung in Peking, während die vizekönigliche Verwaltung der Provinzen iJjre eigenen Einnahmen und Ausgaben hat, so wie neben dem Reichsetat bei uns noch derjenige der Einzelstaaten, Provinzen und Kreise nebenherläuft. Nehmen wir zum Vergleich hiermit die Verhältnisse des größten deutschen Mittelstaates, nämlich Bayerns, so er- giebt sich daß die Einnahmen und Ausgaben dieses Landes im Etatsjahre 1898/99 je 379,4 Millionen Mark betrugen. Dieses genannte knapp 6 Millionen zählende deutsche Staatswesen verfügt also über 110 Millionen Mark Einnahmen und Ausgaben mehr als China, dessen auf 250 Millionen geschätzte Einwohnerzahl jene Bayerns um das 42fa,che übertrifft.
Unter diesen Einnahmen erscheinen in erster Linie die Seezölle mit etwa 66 Millionen Mark, und diese, deren Erhebung von europäischen Beamten geleitet wird oder wurde, sind auch der einzige sichere Posten int chinesischen Budget; seit dem Kriege nut Japan sind aber davon 40 Millionen Mark für die Verzinsung der auswärtigen Schuld verpfändet, sodaß nur etwa zwei Fünftel des Gesamterträgnisses der Staatskasse zu gute kommen. Daneben gießt es noch- eine Reihe von Zöllen, welche wie derjenige amf Opium und Salz von rein chinesischen Behörden erhoben werden, und hier beginnt der ungeheure, zur chronischen Krankheit des Riesenreiches gewordene Betrug und Diebstahl von Staatsgeldern, der weit alles übertrifft, was in den in dieser Beziehung doch genugsam berüchtigten muhamedanischen Ländern geleistet wird. Die Steuer auf den unentbehrlichsten Verbrauchsartikel, das Salz, brachte im Jahre 1897 nur etwa 42 Millionen Mark, belastete also den Kopf der chinesischen Bevölkerung nur mit etwa 15 Pfennig pro Jahr. Aus dem Zoll auf Opium, welches int Interesse der Volkskraft überhaupt nicht hoch genug besteuert werden könnte, flössen der Staatskasse im gleichen Jahre nur wenig über 6 Millionen Mark zu. Die Grundsteuer, für welche der Normalsatz von 2 Mark für den Acker von 40 Ar festgelegt ist, brachte bei einer steuerbaren Ackerfläche von 12 Milliarden Ar nur die Kleinigkeit von 35 Millionen Mark. Lizenzen, Stempel, Eintragung und die Steuer auf den in China in großen Mengen getrunkenen Reisbranntwein ergaben zusammen nur etwas über 47 Millionen Mark. Die lästigste Staatsabgabe ist das Likin, eine Steuer, welche auf dem Transport aller Waren int Innern des Landes liegt, insofern sie nicht durch Entrichtung des vom fremden Zolldienst erhobenen Transitzolles bereits von weiterer Besteuerung befreit sind. Diese Steuer, welche nur einstweilen während der Taiping- rebellion zur Deckung außerordentlicher Bedürfnisse eingeführt wurde, ist nach'Herstellung der Ruhe bis heute bestehen geblieben und bedeutet eine wahrhafte Knebelung des Verkehrs int Innern. Sie steht in ihrem nach- teiligen Folgen in keinem Verhältnis zu ihrem geringen Erträgnis von etwa 4Q Millionen Mark. Noch geringfügiger sind endlich die verhaßte Getreidesteuer und die Abgaben, welche auf deyi Thee und dem Betrieb her Pfandhäuser ruhen.


