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an muß in der Jugend Ordnung und Mäßigkeit als einen Zehrpfennig auf das Alter zurücklegen.
Plutarch.
(Nachdruck verboten.)
Die Heimat.
Von Ludlvig Theodor Hagen.
Auf das Nebengeleise des Bahnhofs zu Breitenstadt war der Keine Zug der Sekundürbahn eingesahren, die seitwärts von den Hauptschienensträngen hineinführt in die stillen Thäler zwischen den waldigen Bergen, in welche die Hast des modernen Verkehrs noch keinen Einzug gehalten hat.
Es waren nur wenige Menschen, die um diese Zeit, 2 Uhr mittags, einzusteigen pflegten — einige Marktfrauen, Händler und andere. Es fiel schon auf, wenn sich einmal jemand darunter befand, der dem Zugpersonal gar nicht bekannt war, wie heute der elegant gekleidete Herr mit dem umfänglichen und sorgfältig verwahrten Gepäck, das darauf schließen ließ, daß er schon eine weite Reise hinter sich hatte.
Mit einer Mischung von Neugier und Ehrerbietung trat der Schaffner zu ihm heran, als er um hie Fahrkarte bat. Ein Geschäftsreisender war's allem Anschein nach nicht, er hatte etwas Fremdländisches — dieser Mann mit dem üunkelgebräunten Gesicht, mit diesen grauen durchdringenden Augen.
Dann war der Fremde allein in seinem Abteil und alsbald, nachdem der kleine Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, zog er auf der beschatteten Seite den Vorhang zurück und ^0»^ sinnend hinaus. Er wär froh, als auch die letzten Spuren der Stadt verschwunden waren, auf einem Bretterzaun meterhohe Reklamen von „Choko- lade Suchard" und dem Breitenstädter Generalanzeiger mit 30 000 Abonnenten".
Denn jetzt kam das Land — und wie im Traum zogen sie wieder an ihm vorüber — die mit Blüten überschütteten rot schimmernden Aepfelbäume, die stillen, schattigen Dorfgärten, in denen die Hühner neugierig die Hälse reckten, als der Zug vorüberrasselte, in denen Kinder ihre einfachen Spiele spielten, mit einem alten Rad, einer bunten Leine. —
Es hatte sich so wenig verändert. An den Stationsgebäuden und den Bahnwärterhäuschen erschienen zum großen Teil noch dieselben Gesichter; nur die Bärte, waren etwas grauer, die Züge etwas furchiger .und verwitterter
geworden — aber sonst standen sie noch geradeso da, diese Männer mit der lederüberzogenen Signalflagge an der fSeite, wie damals — vor 12 Jahren, als er hinausfuhr -in die Welt. Als ob die Zeit hier unterdessen still gestanden .hätte, karn's ihm vor. Und doch, wie viel war seitdem an ahm vorübergegangen. Und er mindestens war sicherlich .ziemlich verändert. Sonst hätte ihn der Bahnwärter Peter Meißinger nicht so erstaunt, fast beleidigt, angesehen, ohne irgend etwas zu antworten, als er ihn im Vorbeifahren angerufen hatte. Sie hatten doch als Buben fo manchen Tag miteinander verbracht auf der Jagd nach Vögeln und Eichhörnchen. Aber freilich, wie war das alles schon so lange her. Es ist doch schon eine Zeit, — mehr, als ich seither gefühlt habe, dachte Ernst Erkner, als er sich' nun zurücklehnte und seine Blicke auf der Kartenskizze an der Querwand gegenüber hafteten, während er in Gedanken noch: einmal all das durchlebte, was seitdem an ihm vorübergegangen'. — — f
Auch ein Frühlingstag, vor zwölf Jahren, aber erst Ende März — die Luft so frisch, so kräftig — herb — 0, wie er sich noch an alles erinnerte, damals, als er das Maturitätsexamen bestanden und nun den ihm unsagbar unsympathischen juristischen Beruf ergreifen sollte, in dem sein Vater stand.
Dann her heftige Konflikt W'Hause, es war ja eigentlich nur der Unvermeidliche Ausbruch einer von lang her bestehenden Spannung, einer Verschiedenheit der Anschauungen zwischen dem Vater und ihm, eine Folge ihrer völlig entgegengesetzten 'Naturen. Aber man hatte sich in ihm verrechnet. Er ließ sich nicht „klein kriegen", — den Ausdruck hatte ja sein Vater so gern gebraucht. Er wollte nur einen solchen Beruf ergreifen, in den er seine besonderen Fähigkeiten, seine persönliche Eigenart, seine Begeisterung hineinlegen konnte; am liebsten Baufach studieren. Im Geiste sah er schon die kühnen Bauten, durch, welche er seineiM Namen Geltung verschaffen wollte, — aber nicht so etwas täglich Gleiches, an äußeren Zwang Gebundenes. - Und als sein Vater ihm einen unversöhnlichen Widerstand entgegengesetzt hatte, da war er nach kurzen, kühlen Abschiedsworten hinausgezogen — mit einigen Hundert Markin der Tasche, die er sich durch Privatstunden verdient hatte — starr und trotzig, um selbst ganz aus eigener Kraft sich sein Glück zu erkämpfen. Draußen, in der weiten Welt, wo er gar nichts mehr zu sehen und zu hören bekam von all den Vorurteilen daheim, von all den aufdringlichen, lächerlich praktischen, engherzigen Beratungen der Onkel und Tanten, die ihn oft zu einer Wut gebracht hatten — dort draußen in ungebundener Freiheit wollte er arbeiten und etwas werden.
Freilich, es war nicht so leicht gegangen, wie er sich's vorgestellt hatte, wenn er jetzt darauf zurücksah. Schwere,


