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entbieten. Auch diesmal that der Schah unseren gallischen Nachbarn den Gefallen, als Reklamestück für ihre Ausstellung zu dienen, die sich nickt gerade mit einem zahlreichen Besuch wirklicher, waschechter Monarchen wird brüsten können, und auch diesmal wird die Hauptstadt des deutschen Reiches ebenso wie die Kapitalen der meisten anderen europäischen Großstaaten der hohen Ehre teilhaftig werden, den Träger der Diamanten geschmückten Lammfellmütze in ihren Mauern zu sehen. Muzaffer-Eddin wird nun zwar für und durch seine Person nicht das gleiche Aussehen erregen wie sein von fanatischen Sektierern hingemordeter Vater, als er zum Entsetzen einiger höheren und niederen Bedientenfeelen auf den spiegelblanken Parketts des Kaiserschlosses an der Spree die für die Mahlzeit der persischen Majestät bestimmten Hammel höchsteigenhändig von der Last ihres schafsköpfigen Erdendaseins befreite; denn auch im Palaste zu Teheran ist die Uhr der Zeitgeschichte nicht ganz stehen geblieben, wenngleich der Perpendikel derselben dort viel' langsamer schwingt als anderswo; indes das heutige Persien, welches seit Jahrhunderten den Dornröschenschlaf schlummerte und dabei langsam, aber unaufhaltsam von der stolzen Höhe vergangener Jahrtausende herabgeglitten ist, steht heute im Mittelpunkte des politischen Tagesinteresses. Es ist der Puffer geworden zwischen jenen beiden Staatskolossen, die so oft mit Bär und Walfisch verglichen werden und welche endlich einmal doch auf dem Festlande und zwar gerade auf den Hochebenen Irans zum entscheidenen Ringen um die Herrschaft über Asien aneinandergeraten werden. Genügt schon dies allein, das allgemeine Interesse auf den orientalischen Herrscher, der jetzt zum ersten Male in Europa weilt, und auf sein Land hinzulenken, so kommt für uns Deutsche noch ein zweites Moment hinzu, daß gerade Deutschland an der Entwickelung der Dinge in Persien ein besonders lebhaftes Interesse hat, seitdem der Deutsche Bahnbau von Konstantinopel nach dem persischen Meerbusen einer für uns hoffentlich sehr ersprießlichen Entwickelung des deutschen Handels nach jenen fernen Ländern die Wege zu öffnen, berufen zu sein scheint.
Als Nasr-Eddin am 1. Mai 1896 sein Leben durch den meuchelmörderischen Pistolenschuß eines Mitgliedes der nihilistischen Babis aushauchte, bestieg von seinen sechs Söhnen der am 25. März 1853 geborene Muzaffer-Eddin den Thron als ein Mann, der zwar durchaus nicht mehr jung an Jahren, aber so weltunkundig und autoritätlos war, daß man allgemein die Ansicht hegte, er werde seinen Thron in blutigem Kampfe gegen eine große Anzahl Prätendenten verteidigen müssen, wie es in der Geschichte Persiens schon oft der Fall gewesen war. Zum großen Erstaunen aller politischen Propheten erfolgte nichts dergleichen. Die Geistlichkeit schlug sich auf seine Seite; damit war der Thron nach Innen gesichert, und die orientalische Verwaltungsmaschine ging ihren altgewohnten jämmerlichen Gang weiter. Um so schlimmer aber sah es auf dem Gebiete der auswärtigen Politik aus; Muzaffer hatte als Prinz wiederholt um die Erlaubnis zu einer europäischen Reise nachgesucht, dieselbe jedoch von seinem mißtrauischen Vater, der davon unbequeme moderne Regungen in seiner Umgebung und Verwandtschaft befürchtete, nicht erhalten können. So führte er denn bis zu dem Augenblick, wo ihn der jähe Tod seines Vaters auf den Thron sdes „Königs der Könige" rief, ein thatenloses Prinzendasein in Täbris, der zweiten Residenz des Landes, wo man ihn geflissentlich von allen Regierungsgeschäften fern hielt, und wo er von europäischen Dingen nur das aus Büchern zu schöpfende und das wenige thatsächliche kennen lernte, was die zumeist österreichischen Instruktoren in den letzten 20 Jahren auf den Gebieten der Verkehrsanstalten (Posten, Telegraphen) und des Militärwesens geschaffen hatten.
Die Prinzipien, nach denen Muzaffer-Eddin das „Reiche der Sonne" regiert, sind daher die des ausgesprochensten orientalischen Despotismus, und in diesem Sinne handelte der neue Schah auch- als er bald nach seinem Regierungs- -antritt die Ratgeber seines Vaters, die sich mit Staatsgeldern doch schon einigermaßen die Taschen gefüllt hatten, entließ und sich mit neuen Leuten, seinen Günstlingen aus der Zeit in Täbris umgab, die natürlich die Gelegenheit, sich auf allgemeine Unkosten zu bereichern, mit Begier ergriffen. Von einem anderen Teile der Beamtenposten
das letztere ohnehin Regel, weil sie alljährlich neubesetzt werden und in diesem Lande, wo das Geschick eines jeden höchst unsicher ist, die kurze Spanne eines Jahres, während dessen man für die Zukunft der Familie sorgen kann, gründlich ausgenutzt werden muß.
Im Innern hat sich also unter dem neuen Regiments nichts zum Besten gewandt, und der Schah wird von einem Heer von Parasiten nach wie vor in der gröbsten Weise bestohlen. Hinsichtlich der äußeren Politik aber ist Muzaffer-Eddin anscheinend zu der Ansicht gekommen, die er mit manchem anderen asiatischen Herrscher teilt, daß es im Hinblick auf den unvermeidlichen Zukunftskampf zwischen England und Rußland, der schließlich doch mit dem Siege des letzteren enden muß, klüger ist, zum weißen Zaren zu halten, unter dessen Herrschaft das Perserreich, langsam, aber ebenso sicher hinabgleitet, wie die Chanate von Chiwa, Khokand und Buchara, von denen letzteres dank der freiwilligen Parteinahme für Rußland doch wenigstens einen Schein von Unabhängigkeit gerettet hat. Auf diese Weise wird Persien allgemach eine russische Satrapie und im Interesse der allgemeinen Zivilisation kann man sich bei dem unleugbaren kolonialen Geschick Rußlands in asiatischen Angelegenheiten mit dieser Aussicht abfinden; denn die Interessen der Eingeborenen wie der dort handeltreibenden Europäer werden dabei besser gewahrt fein, als wenn das beutegierige England seine anerkannte Kunst betätigt, auch dieses Land wie so viele andere erbarmungslos auszupressen und sodann wie Indien der Hungersnot zu überlassen.
Der europäische Reisende, welcher von Süden oder Südwesten nach Teheran kommt, empfängt den Eindruck eines prächtigen Landschaftsbildes. Weit ausgebreitet auf der Hochebene, auf der es im Winter ebenso unerträglich kalt wie im Sommer heiß ist, liegt die Stadt, welche erst seit 120 Jahren Residenz ist und mit einer Raumverschwendung gebaut ist, als ob es gälte, statt der thatsächliche vorhandenen 200 000 Einwohner deren eine Million, zu beherbergen. Hinter dem grauen Häusermeer aber erhebt sich der Gebirgswall des Elburz, dessen etwa 4000 Meter hohe Kämme von dem stolzen, in ewigem Schnee gehüllten Demawend überragt werden. Beim Näherkommen ist man aber doch arg enttäuscht; denn Teheran leidet unter einem bemerkenswerten Mangel an monumentalen öffentlichen Gebäuden; keine Moscheen mit hochragenden Wölbungen und schlanken Minarets zieren das Stadtbild, und auch die Industrie verkriecht sich in die Winkel der Häuser. Um das ganze aber zieht sich ein nur teilweise mit Mauerung versehener Lehmwall mit davorliegendem tiefen Graben, die Karrikatur einer Befestigung, in welcher die Eingeborenen nichtsdestoweniger eine Garantie für die Uneinnehm- barkeit ihrer Stadt erblicken. So unansehnlich und schmutzig die Häuser von außen sich, präsentieren, so behaglich ist deren Anblick von innen. Jeder etwas Wohlhabendere mag in dem mit einem Säulengange geschmückten Hofe Springbrunnen und Wasserbecken nicht entbehren, und selbst die Armen schmücken ihre Höfe mit Ziersträuchern und Blumenanlagen und schaffen sich lauschige Ruheplätzchen, wo sie, geschützt vor dem Straßenlärm die Stunden der Erholung verbringen. Hervorragende Baulichkeiten sind dagegen die einen ganzen Stadtteil einnehmenden Bazare, in deren prächtigen, stolzen und reich ornamentierten Hallen der Europäer auch immer noch um ein erträgliches • Geld wirklich schöne Dinge, namentlich Waffen, Seidenstoffe und Teppiche, kaufen kann, wenn er Geduld hat, mit dem Händler halbstundenlang auf das hartnäckigste zu feilschen.
Die Paläste des Schahs liegen in der Citadelle in großen schattigen Parks, zwischen deren Bäumen sich Harems und Kioske verbergen. Sie sind in ihrem Aeußeren stark vernachlässigt und entsprechen auch im Innern nicht überall den hochgespannten Erwartungen. In einzelnen Teilen freilich entfaltet sich die orientalische Pracht in ihrer ganzen berückenden Schönheit und dieses gilt namentlich von dem großen Spiegelsaal im Hauptschlosse, welcher an Glanz innerhalb der Grenzen der mohamedanischen Welt kaum irgendwo übertroffen werden dürfte. Um die Citadelle und in den beiden großen Boulevards, welche nach h-m Europäerviertel „Schemiran" führen, giebt es sogar traßenlaternen und auch eine etwa 12 Kilometer lange


