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„Da sind wir!" sagte Nettchen, als der Bahnhof sich vor ihnen zeigte.
Der Knecht richtete den Kopf unter dem Ziehgurt empor und blickte blöde auf diesen Gebäudekomplex, von dem er jeden Fußbreit kannte. Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte ihn, und hilflos zog er weiter.
„Nun will ich mir das Billet lösen — ich muß vierter Klasse fahren, weil ich die Körbe bei mir behalten muß", sagte Nettchen, indem sie mit ihrem neuen Freunde vor dem Eingänge zum Gepäckraum stehen blieb. „Siebleiben wohl so lange bei den Sachen, Karl".
Sie hatte ihre Hand ausgestreckt, und ehe er es verhindern konnte, ihm zwei Thalerstücke in die Tasche seiner Weste geschoben.
So flüchtig die Berührung auch war, den Knecht durchzuckte sie wie glühendes Feuer. Seine Hände griffen nach der Stelle auf seiner Brust, die Nettchen so flüchtig gestreift hatte, und starr blickte er ihr nach.
Nettchen war in den Bahnhofsflur getreten. Die Kasse war aber noch geschlossen.
Nun trat sie aus den Perron hinaus; niemand zu sehen, den sie hätte fragen können. Kurz entschlossen öffnete sie die Thür zum Wartesaal. —
Ein heißer Schreck fuhr wie ein Blitzstrahl durch ihre Glieder.
In der Nähe des Buffets, vor einem schwach erhellten Tisch saß Mr. Seitre.
Er erblickte sie sofort. Erstaunt sprang er auf, und kam auf sie zu.
Nettchen war blaß geworden bis in die Lippen. — Ihre Kniee zitterten. „Sie — hier?" stieß sie hervor.
„Ich bin im Begriff abzureisen", sagte Mr. Seitre; „man muß sich selbst nehmen die Freiheit, die andere einem nicht geben. Aber Sie, — was wollen Sie ter ?"
„Ich — wollte gleichfalls — heimlich" — stotterte Nettchen, ohne kaum zu wissen, was sie sagte. —
„Also doch, wie ich sagte", entgegnete lächelnd Mr. Seitre. „Sie wissen doch, wir sprachen davon. — Reiß- ausnehmen! Nach aus! Zu Mama und Großmama!"
„Nein!" rief Nettchen mit zitternder Stimme aus. Ihre Augen blitzten. „Es ist durchaus nicht wie Sie sagten — ich gehe nur, um mir neues Engagement zu suchen — um mehr Geld zu verdienen — nach Berlin an ein großes Theater".--
„Kommen Sie doch mit mir!" sagte Mr. Seitre. „Ich aben heut morgen eine telegraphische Nachricht von die Kölner Vaudeville-Theater hierher nachgeschickt erhalten, derzufolge ich reisen ab, um nicht zu aben morgen Schwierigkeiten mit unser Direktor. Man sichert mir ein guten Honorar. Und ich werden Sie dort anbringen, wenn Sie wollen. Ich aben gesehen eut Ihre Leistungen. Sie sind eine geniale, kleine Zauberer".
Das Lob, das in diesen Worten lag, mehr noch der Blick, der sie eine Sekunde lang begleitete, trieben eine warme Röte in Nettchens Wangen. Sie stand wie betäubt. Ihre Augen suchten den Fußboden, und dicht an ihrem Ohr hörte sie diese ruhige, bestechende Stimme, die in einem so warmen Tone, wie sie bisher noch nie gehabt, Bilder der Zukunft für die sich dem Zufall Ueberlassende ausmalte---
„Wollen wir das Geschäft machen in Compagnie?" fragte Mr. Seitre fast eindringlich. „Wollen wir unsere Leistungen verbinden zu eine Produktion — wie es mir ist, seit ich Sie aben sehn agieren auf der Bühne, den ganzen Tag durch den Kopf gegangen!? Ich aben bewundert in Amerika diese Doppelprogramm', wo verschiedene Artisten von verschiedene Metiers vereinigen sich zu einer Nummer. Sagen Sie ja, schlagen Sie ein! Undd ich will Ihnen erzählen unterwegs den ganzen Plan, was ich mir hab' ausgearbeiten".
„Ich kann doch nicht — mit Ihnen allein — so in die Weite hinaus" — — flüsterte Nettchen, schon halb widerspruchslos.
— „Sie können denken, ich sein Ihre Vater oder Ihre Bruder", sagte Mr. Seitre kalt. „Sie werden sehn, daß ich nicht bin, wie andre junge Herrn — ich lieben nichts als meine Metier. Wir machen zusammen die Reis' bis Köln, befestigen bei einen Agenten unsere artistische Vertrag, und darauf wir trennen uns, um uns zu suchen
jeder sein Logis. Ich werde mir nie erlauben, Sie zu belästigen mit mir, außer zu die Proben für unsere Produktion". —
(Fortsetzung folgt.)
Pariser Weltausstellung 1900.
Bier Wochen vor Eröffnung.
Nachdruck verboten.
Je näher der Tag der Eröffnung rückt, um so fieberhafter wird auf dem Ausstellungsterrain gearbeitet. Es ist, als ob jeder seine beste Kraft einsetzt, das ganze Werk bis zur bestimmten Stunde zu vollenden. Man hat sehr genau berechnet, welches Pensum noch zu leisten ist, und dieses jst so groß, daß man an jedem Tage so tüchtig arbeiten muß, als gälte es schon am nächsten die Pforten der Ausstellung dem Publikum zu öffnen. Es bleibt nichts anderes übrig, als Tag und Nacht ununterbrochen zu schaffen, um den Besuchern bei Eröffnung nicht ein halbes Werk zu zeigen. Andererseits sind die Arbeiten nicht .so weit im Rückstände, daß man nicht an eine festliche überaus glänzende Eröffnung glauben könnte.
Die letzten Apuren des ehemaligen Jndustriepalastes sind jetzt verschwunden; die mittlere Eingangshalle, die bis zuletzt bestand, sowie die letzten Trümmer, wurden nun auch beseitigt, und nun kann man von dem Champs-Elysees aus die prächtige AvenUe Nicolas II. in ihrer Gesamtwirkung beurteilen.
Wer das Recht erlangt, die Bauplätze zu betreten, wird sich überzeugen, daß die Nivellierung des Terrains am Grand und Petit-Palais jetzt vollendet ist; mit der Anlage der Alleen ist man beschäftigt, die Bürgersteige sind hergestellt und vor dem kleinen Palaste hat man die Blumenbeete bereits so weit hergerichtet, daß sie nichts weiter als Sonne und milde Witterung verlangend Rund um die beiden Paläste sind die Gärten vollendet, die Alleen vorgezeichnet und die Sträucher gepflanzt; man wartet in der That nur noch auf schönes Wetter, um hier die letzte Hand anzulegen; ist es aber so weit, so ist in acht Tagen alles gethan.
Der große Palast war bisher das Schmerzenskind der Baumeister. Dennoch behauptet man, die Fertigstellung sei jetzt gesichert. Die große Schwierigkeit lag in der Beschaffung der Eisenkonstruktion für die Bedachung; man mußte fürchten, daß es gar nicht möglich sein werde, in der kurzen Zeit so viel Walzeisen herbeizuschaffen. Man hat sich, um ganz sicher zu gehen, an die ersten Werkstätten, Daydö & Pill6, la Societä des Ponte et travaux en fer und Moisant, Laurent et Savey gewandt, und diese drei Firmen haben bei der Herstellung dieser Bedachung, die 6000 Tonnen Stahl beansprucht, und die in weniger als acht Monaten vollendet sein mußte, einen rühmlichen Wetteifer und eine außerordentliche Leistungsfähigkeit bewiesen. Acht Monate sind sehr wenig, wenn man bedenkt, daß die Maschinengalerie aus dem Marsfelde, die nicht einmal die gleichen Schwierigkeiten bot, fast zwei Jahre bis zur Vollendung beanspruchte, und wenn man berücksichtigt, in welcher außerordentlichen Weise die großen Eisenbauanstalten sonst noch für die Weltausstellung in Anspruch genommen wurden. Schon jetzt sind alle Gerüste aus dem Innern des Großen Palastes entfernt; das weite Schiff zeigt sich in seiner ganzen imposanten Schönheit. Die Fenster und Oberlichte, wie die Malereien sind fast vollendet, und man kann die innere Einrichtung jn Angriff nehmen. Auch die Fronten sind fertig bis auf einige Bildhauerarbeiten.
Wenden wir unfern Blick dem Petit Palais zu, so sehen wir, daß er sich gleich seinem Gefährten in wenig Wochen den Besuchern in seinem vollen Glanze zeigen kann; außer den Skulpturgruppen der Mittelhalle ist alles fertig. Die großen Fensteröffnungen der Fassade sind sogar schon mit Rahmen und Spiegelscheiben versehen. Treten wir in das Gebäude ein, so sind wir erstaunt über die wunderbaren, ganz mit Malereien und Ornamenten bedeckten Säle; es fehlt nur noch die Aufstellung der Werke, welche die historische Ausstellung bilden sollen.
Eine ziemlich ernste Unannehmlichkeit bildete der Ber-


