Sonntag den 25 März
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Utriui
»MS!
ollt nicht stets das gestern loben, Nicht Vertrau'n auf morgen setzt! Herz im Busen, Gott da droben, Handelt im lebendigen Jetzt.
L o n g f e l l o w.
Nachdruck verboten.
Das Wegekind.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
' (Fortsetzung.)
Der Knecht blickte scheu in das erregte Gesicht. „Na, denn mag's losgehen", sagte er.
Er setzte die Laterne an die Erde, warf seine Nachtjacke ab und fuhr in seine wollene Joppe. Dann holte er aus einer Ecke des Stalles einen Ballen Schnur, hing die Laterne an einem Haken unter der Decke auf, ivarf noch einen prüfenden Blick über die schlafend am Boden liegenden Pferde, packte eine alte Schiebkarre, deren Gurte er sich über die Schulter legte, und folgte Nettchen auf den dunklen Hof hinaus.
Eilig, doch leise schritten sie den vom Hause etwas entfernt stehenden, grünen Artistenwagen zu, ächzend unter der Last von Korb und Karre.
„Durch den Hof können wir mit der Karre nicht zurück", sagte der Knecht. „Das Quietschen der Räder würde 'unsere Leute aufmerksam machen. Halten Sie mir, wenn Sie so gut sein wollen, einen Augenblick die Stricke. Ich will nur Licht machen". — Er zog Streichhölzer aus der Tasche, die er an seinem Beinkleid rieb, und erleichtert sah Nettchen auf das Aufblitzen, das einen schwachen Lichtschimmer verursachte.
Der Knecht steckte nun die am Kutschsitze der Arche Noah angebrachte Wagenlaterne an. Sofort erhob das Geflügel, in deren enges Verließ durch die Wandspalten der fahle Schimmer hindurch drang, ein lebhaftes Geschnatter; in der Meinung, es sei bereits Morgen und die Zeit des ersten Frühstücks gekommen, begann in dem im Wagen befindlichen Ställchen ein wildes Flügelschlagen. „Wir müssen uns eilen", sagte der Knecht, „und ste beim Kopf kriegen, sonst schreien sie den ganzen Hof in Aufruhr'.
Nettchen hatte bereits die Thür des Stallverschlages geschlossen. „Ruhe!" rief sie mit unterdrückter Stimme in das Gefängnis hinein. „Wer hier noch schnattert wird aufgehangen. Geht, seid vernünftig, wir reisen letzt zu Besuch bei Großmama'n". Und beschwichtigend, als spräche sie zu kleinen Kindern, überstürzte sie sich in gütlichem Zu
reden, während sie Vogel um Vogel beim Schlafittchen erfaßte, und in den Korb warf, den der Knecht ihr aus dem Verschlage heruntergelangt hatte.
Karl stand da, und sah mit offenem Munde zu. Das kindische, lebhafte Geplapper, das die thörichten Tiere in der Thal zu beruhigen schien, setzte ihn in das größte Erstaunen. So hatte er noch nie jemanden mit dem lieben Vieh verhandeln hören, und feine Sympathie für dieses schöne, fremde Fräulein wuchs. Auch er war ja gewöhnt, sich und seinen vierbeinigen Freunden die Stunden der gegenseitigen Einsamkeit durch Plaudern zu vertreiben!
„So!" sagte Nettchen, als der letzte Zögling mit einem Schrei des Widerspruchs in den Korb geflogen war. „Nun etwas Stroh zwischen Korb und Deckel schieben, daß die Gesellschaft Luft behält. Dann den Strick ringsherum. Binden Sie fester, Karl, meine Täubchen sind glatt und flink wie die Mäuse, die drängen sich durch die engste Luke". —
Endlich standen die beiden Körbe auf der Karre. Karl wand die Stricke fest um die Bagage, und befestigte die Schnur am Hinterteil des Gefährts. Darauf schlang er sich den Gurt um den Leib und zog an.
Sie traten auf die Landstraße hinaus. „Noch den Hof abschließen", sagte der Knecht, „dann mag's vorwärts gehn". Es war ihm eigentümlich zu Mute. An Stelle der Zaghaftigkeit war ein seltsamer Frohsinn in fein Herz gezogen. In dieser Reisegesellschaft, mit dem schönen Mädchen und ihrem Korbe fröhlich schnatternden Geflügels hätte er jetzt bis an's Ende der Welt gehen mögen.
Eilig bewegte sich der kleine Zug auf der Landstraße vorwärts. „Wir wollen den Weg durch's Gehölz", sagte Karl, „das ist näher zum Bahnhof, und wir brauchen da nicht durch's Dorf". Und sie bogen in den Wald ein.
„Wir wollen ein Lied fingen", sagte Nettchen, als sie aus der Nähe der Häuser waren, und auf dem einsamen, mondbeschienenen Waldwege fürbaß schritten. Ihre Augen blitzten, die alte Abenteuerlust erwachte in ihr. „Singen Sie mit, Karl!" sagte sie lächelnd. Und mit ihrer frischen Stimme begann sie halblaut:
„Das Wandern ist des Müllers Lust, Das Wandern ist des Müllers Lust, Das Wa—au—-dern".
Der Knecht war mit seinem heiseren Basse eingefallen. Er wußte nicht, wie ihm war. Ihm schien es', als ginge er nicht durch den Wald, durch den er allmorgendlich die Kühe zur Weide trieb, sondern als sei er in ein Stück Märchenland verirrt. Ab und zu fuhr er mit lautem Räuspern in seinen Gesang hinein, um ihn glatter und hell zu machen, dann tönten die beiden Stimmen wieder zusammen, und nur der Aufschrei einer Gans, oder das Kollern des Truthahns, dem es ungemütlich im Korbe wurde, unterbrach zuweilen für einen Augenblick das Duett.


