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gesetzt hatte, so hielt sich die Weiße Frau zu diesen Häusern und zu einigen anderen, die mit ihnen verwandt waren.
Was die Art ihres Auftretens betrifft, so eilt sie zuweilen von Zimmer zu Zimmer — mit einem an ihrem Gürtel hängenden großen Schlüsselbund öffnet und schließt sie sodann die Thüren, und dies sowohl bei Tag und auch bei Nacht. Wenn jemand sie grüßt, so nimmt sie einen Ton in ihrer Stimme an, welcher die trauernde Witwe verrät, und eine Haltung wie die einer Edelfrau; nachdem sie sich dann ehrerbietig verbeugt hat, verschwindet sie. Niemals fällt von ihren Lippen ein böses Wort, stets tritt sie allen gegenüber mit Bescheidenheit und einer gewissen Beschämtheit auf. Allerdings erzürnt sie sich häufig, und wirft sogar mit Steinen gegen diejenigen, welche sich erkühnten, mit ruchlosen Reden sich gegen Gott oder gegen sie auszulehnen. Den Bettlern gegenüber zeigte sie sich wohlthätig und bedauerte sehr, ihnen nicht derartig behilflich sein zu können, wie sie es gern möchte. Hiervon gab sie einen Beweis, als die Schweden ihr Schloß eingenommen hatten, und den Aremn nicht mehr die Portionen von gekochtem Fleisch zukommen ließen, eine Veranstaltung, die sie getroffen hatte, als sie noch im Leben stand. Sie machte alsdann einen solchen Lärm und tobte derart, daß die Soldaten nicht wußten, wie sie sich verbergen sollten. Selbst die Generäle waren vor ihren Angriffen nicht sicher, sodaß einer derselben endlich in Erinnerung brachte, daß man Fleisch kochen lassen müsse, um es an die Armen zu verteilen; nachdem dies geschehen war, kehrte die frühere Ruhe zurück".
Zahlreiche Fälle werden berichtet, daß das Erscheinen dieser weißen Frau den Tod deutscher Fürsten angekündigt habe. Für die Hohenzollern zeigte sich dieses Gespenst zum ersten Male zu Berlin im Jahre 1598, acht Tage vor dem Tode des Kurfürsten Johann Georg, und dann im Jahre 1619, 23 Tage vor dem Hinscheiden des Kurfürsten Johann Sigismund, ferner im Jahre 1667, kurz bevor Prinzessin Luise Henriette die sterbliche Hülle ablegte, und im Jahre 1688, einige Tage vorher, ehe der große Kurfürst aus dem Leben schied. In diesem Jahrhundert wurde sie dann unter anderem gesehen vor dem am 22. Mai 1850 erfolgten Attentate gegen Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, und zuletzt am Abend vor dem Tode des Prinzen Waldemar im Jahre 1878.
Der interessanteste Fall einer Erscheinung ist vielleicht der, den der Temps vom 11. Juli 1893 berichtet:
„Das letzte Heft einer in russischen Hofkreisen viel gelesenen Monatsschrift veröffentlicht einen französischen Bericht einer höchst interessanten Geistererscheinung, die trotz der vielen ähnlichen vor allem den Vorteil bietet, historisch zu sein, und zwar im engsten Sinne des Wortes. Es handelt sich dabei um eine doppelte Erscheinung der weißen Frau, die sich dem Prinzen Louis Ferdinand und der Wache zeigte. Dieser fand tags darauf seinen Tod in der Schlacht bei Saalfeld. Zeuge dieses Ereignisses war der Gras Gregor von Nostiz, ein Deutscher von Geburt, der 1813 in russische Dienste trat und 1838 als Generaladjunkt des Kaisers Nikolaus starb. Kaiser Alexander II. sandte im Jahre 1869 den Sohn dieses Grafen von Nostiz, welcher im Rang eines Generalmäjors stand, nach! Berlin, um König Wilhelm das Großkreuz des St. Georgsordens zu überbringen. Während nun Graf Nostiz in Berlin weilte, bat ihn der damalige Kronprinz und spätere Kaiser Friedrich III., ihm den französischen Text jenes Berichtes zukommen zu lassen, den sein Vater (der alte Graf Nostiz) über jene Erscheinung der weißen Frau im Jahre 1806 abgefaßt hatte. Gras Nostiz sandte dem Kronprinzen nun später eine Abschrift von der Aufzeichnung seines Vaters zu, und der Kronprinz von Preußen schrieb sodann von Potsdam unterm 11. Juni 1870 nachstehenden Dankesbrief:
„Mein lieber Graf!
Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die Aufmerksamkeit, die Sie mir durch Zusendung einer Abschrift bet Aufzeichnungen Ihres seligen Vaters, des Generaladjutanten Nostiz, erwiesen haben, welche Sie mir während Ihres Aufenthalts in Berlin versprochen hatten. Das Manuskript wird unseren Archiven einverleibt und stets als ein interessantes Dokument be
trachtet werden, da es einen bedeutsamen Abschnitt aus der Geschichte meiner Familie behandelt.
Ich bin, lieber Graf, Ihr ganz ergebener Friedrich' Wilhelm, Kronprinz von Preußen".
Die Urkunde lautet wie folgt:
„„Im Jahre 1806 war Graf Gregor von Nostitz, der Vater, Adjutant des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, der eine Division in dem vom Fürsten von Hohenlohe befehligten Korps kommandierte.
Am Tage vor der Schlacht bei Saalfeld (also am 9. Okt. 1806) befand sich der Prinz mit seinen Offizieren auf dem Schlosse des Herzogs von Schwatzburg-Rudolstadt. Desselben Abends versammelte man sich in einem Saale des Schlosses. Der Prinz war von dem Gedanken an einen baldigen Zusammenstoß mit den Truppen Napoleons ganz ' begeistert. Als die Uhr 12 schlug, wandte sich der Prinz an den Grafen Nostiz mit den Worten: „Wie fühle ich- mich glücklich! Unser Schiff ist endlich auf hoher See; der Wind ist günstig". —
Kaum hatte der Prinz den Satz vollendet, als der Graf zu seinem unbeschreiblichen Erstaunen bemerkte, daß der Prinz erblaßte, sofort emporsprang, mit der Hand über die Augen fuhr, den Kandeleaber ergriff und auf den Gang hinausstürzte, der zur Wachtstube führte.
Graf Nostiz folgte und sah, wie der Prinz in dem Gange eine weiße Erscheinung verfolgte, die plötzlich an der Mauer, welche den Korridor abschloß und keinen Ausgang hatte, verschwand. Der Prinz untersuchte die Wand, sie war ohne Ausgang (sans issue-. Als der Prinz hinter sich im Gange Schritte vernahm, drehte er sich um und sagte:
„Hast Du gesehen, Nostitz?"
„Jawohl, Hoheit", antwortete der Graf, „ich sah es." „So war es also kein Traum, kein Hirngespinnst!" rief der Prinz aus.
Auch noch ein dritter Zeuge war zugegen: der Wachtposten, welcher erklärte, daß eine Gestalt, in einem weißen Mantel gehüllt, ganz dicht an ihm vorbeigeschritten sei; er habe sie passieren lassen, da er der Ansicht gewesen sei) es wäre ein sächsischer Kavallerieosfizier. Der Gang hatte indes nur zwei Ausgänge, nach der Wachtstube und nach dem Saal, wo der Prinz und seine Offiziere sich aufhielten. Auf den Prinzen hatte die Erscheinung einen tiefen Eindruck hinterlassen: er äußerte dem Grafen gegenüber, daß er die Erscheinung als ein böses Omen ansähe; denn die „weiße Dame" zeige sich nur, wenn einem Hohenzollern ein gewaltsamer Tod bevorstehe.
Am nächsten Morgen wütete die Schlacht bei Saalfeld; die preußischen Truppen wurden in die Flucht geschlagen. Da sahen Prinz Louis Ferdinand und Graf Nostitz plötzlich wiederum die „weiße Frau", sie stand auf einem Hügel "und rang die Hände in wilder Verzweiflung. Graf Nostitz spornte sein Pferd an und sprengte die Höhe hinauf, aber die Erscheinung verfchwaud plötzlich. Ein in der Nähe stehender Trupp Soldaten hatte die weiße Gestalt gleichfalls bemerkt und konnte sich ihr Verschwinden nicht erklären. Wenige Augenblicke später erhielt Prinz Louis Ferdinand bei einem Angriff der französischen Reiterei die Todeswunde; Graf Nostitz versuchte, den Prinzen in Sicherheit zu bringen, wurde aber gleichfalls verwundet und sank bewußtlos zu Boden. Erst später erfuhr er, daß sein General von einem elsässischen Husaren des französischen Heeres getötet worden sei.""
Nach anderer Ueberlieferung soll die weiße Frau der Hohenzollern auch dieselbe sein, welche im Schlosse Bayreuth in Bayern umgeht. Dort erschien dieses weibliche Gespenst zum erstenmale im Jahre 1486 und zeigte sich auch im Laufe des 16. Jahrhunderts zu verschiedenen Zeiten. Zuerst offenbarte sie ihre Anwesenheit im alten Schlosse, von dem sie dann in das neue überging. Hier befand sich ein altes Originalgemälde, die Gräfin Kunigunde von Orlamünde darstellend, welche vor Liebesgram gestorben war, und deren Geist, nun ruhelos umherwandernd, eben jene weiße Frau sein sollte. Auf jenem Gemälde trägt die Gräfin ein dunkles Kleid, mit Pelz besetzt, und eine Haube


