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.Noch immer verknüpft kein engeres Band das wilde Mädchen mit den andern Dreien; noch immer atmen Mutter und Großmutter auf, wenn die Pflegetochter auf Stunden für sie alle unschädlich gemacht ist, indem sie, seit sie die Schule verlassen hat, einer leichten Beschäftigung außerhalb des Hauses nachgeht.^ Nur Paul, obwohl ihn mit Nettchen kein Band innerster Sympathie vereint, ist in den Stunden ihrer Abwesenheit wie gelähmt, seine Lebensgeister er» wachen erst wieder, so wie sie das Haus betritt. Er wehrt sich gegen dies Gefühl, er schämt sich dessen — er weiß ja nicht, daß Nettchens gesunde und blühende Lebenslust die gleichende Kraft für seine eigne, kränkliche Natur ist. —
„Ich nehme mir Stub' und Küch'", hatte Nettchen als Kind zur Großmutter gesagt, und es kam der Tag, wo sie diese Prophezeiung wahr machte, und als junges Mädchen hinausging aus der kleinen Wohnung der Familie, um ein eignes Dasein zu beginnen.
Seitdem sie die Schule verlassen, hatte sie eine Stellung in einem Laden inne, und verdiente genug, um ohne Beistand durch die Welt zu kommen. Sofort war sie sich aber einig darüber, daß sie ihren Pflegeeltern schon viel zu lange zur Last gelegen habe, und nun endlich ihren Entschluß, sich los und ledig zu machen, durchführen müsse. Es war ihr längst zu still im Hause. Sie malte sich aus, da oben in der Dachkammer, die sie irgendwo finden würde, müßten allerlei unbestimmte Herrlichkeiten vorhanden sein, und wenn die Großmutter sagte, daß sie dort oben vor Hunger vielleicht einmal „Poten saugen" und „mit den Zähnen klappern" würde, so lachte sie nur vergnügt bei dieser Vorstellung, — nicht im Traume glaubte sie daran. — So heftig die beiden Frauen sich also gegen Nettchens Selbstündigkeitsprojekt auch zur Wehr setzten, — sie mußten endlich nachgeben. Wenn sie sich auflehnten, geschah es freilich nicht aus übergroßer Liebe zu dem „Waisenkind", es war ihr unerschütterliches, stilles Pflichtgefühl, das sie bewog, in dem wilden Wesen noch immer ein für sich unverantwortliches Geschöpf zu sehen. Aber Nettchen bat und schmeichelte so lange, und wußte ihren Willen so hartnäckig durchzusetzen, daß man sie endlich wider Willen gewähren lassen mußte.
So ging sie denn, — die zum letztenmal warnenden Stimmen ihrer Pflegerinnen überhörend, — eines Tages mit ihrem kleinen Koffer trotzig davon, um Stub' und Küch' im fünften Stockwerk einer dunklen Straße zu beziehen. Die Großmutter und die Mutter, die beide in Unfrieden von ihr schieden, da sie in ihrem Freiheitsdrange nur krasse Undankbarkeit erblickten, gaben ihr nicht das Geleit, und Paul war während des Abschieds auf den Boden gegangen, hatte die Thür hinter sich abgeschlossen und sich somit moralisch gezwungen, sein Gemüt mit männlicher Festigkeit zu wappnen.
Er saß auf einer Kiste und weinte. Nie war ihm das Leben so trübe und grau erschieueu wie heut, wo das Haus von Nettchen verlassen wurde, und er zurückblieb mit den beiden stillen Frauen, denen Nettchen nicht fehlen würde wie ihm, und die vielleicht im Innersten erleichtert waren, daß sie ging.
Ein Strom von Liebe ergriff ihn, wie er auf der alten Kiste einsam saß. Er hörte die Thüren unten im Hanse gehn, er rannte ans Dachfenster, blickte hinaus und „Nettchen! — Nettchen!" rief er wie außer sich hinunter. Aber Nettchen, die aus dem Hause trat, vernahm ihn nicht, die Wagen rasselten, die, Menschen wogten hin und her und Übertönten den Schrei, und Nettchen ging eilig weiter, ihren Koffer mit Leichtigkeit tragend, ihn fast schwenkend in der unruhigen Freude der Erwartung.
In der langen, engen Straße, durch welche sie Jahre lang tagaus, tageht geschritten und gesprungen war, wo sie alle Ladenschilder kannte, — denn alle hatte sie schon mit Schnee oder Erde bombardiert, — alle Hausflure, — denn in alle hatte sie schon hineingeschrieen, °— in dieser wohlbekannten Straße stimmte sie nichts so abschiedstrüb, daß sie auch nur ein einziges Mal stehen geblieben wäre, oder zurückgeblickt hätte. Außer den Erinnerungen an ein Par Kußhände, welche ihr einige Offiziere zugeworfen hatten, und an eine Ohrfeige, die sie einmal von einer fremden Dame erhielt, weil sie ihr auf die Schleppe trat, wurden keinerlei Erinnerungen in ihr beim Abschied von dieser alten Straße wach, .ja sie eilte fast, als brenne sie
das Pflaster unter den Füßen, und ihr Sinn war erfüllt von lebhaften Gedanken an das neue Heim.
Paul verbrachte die kommenden Tage in tiefster Niedergeschlagenheit, aber es fiel ihm nicht ein, diesen Zustand vor den Frauen zu verraten. Nur im Alleinsein überließ er sich seiner trüben Stimmung, und jetzt gewährte ihm das Versenken in Bücher, früher sein Trost für alles, keine Beruhigung mehr. Ja, aus den Dichterwerken, die vom Liebesleben der Menschen, von großen Leidenschaften nnd edlen Neigungen in glühenden Worten sprachen, zog er einen stechenden Dorn mehr für seine Wunde, und jetzt erst begann er Verständnis und Ahnung für alles das zu bekommen, was ihm früher nur schöne und fremde Worte gewesen waren.
Der einzige Wechsel in feinem Leben war nun fein Eintritt in ein Geschäft, wo ihm seine guten Schulkenntnisse einen Platz verschafft hatten. Für diese Daseinsveränderung hatten seine Mutter und die Großmutter die weitläufigsten Vorkehrungen getroffen, ihn neu eingekleidet, mit Wäsche und Strümpfen und Utensilien versehen, als ginge er in ein fernes Land auf Reisen, — und doch war seine Reise nur zwei Straßen weit, bis an das lang- gedehnte, in der Vorstadt liegende Fabrikgebäude, wo er in einem kleinen Komptoir einen Schemel erhielt, und über blaues Kontopapier hinweg in freundliche, trotz Rauch und Ruß voll Blüten stehende Gärten sehen konnte.
Fortsetzung folgt.
Die weiße Fra» - Wahrheit oder Sage?
Nachdruck verboten.
Bor wenigen Jahren wollte man im alten Schloß zu Stuttgart wieder die „weiße Dame" gesehen haben. Bald darauf starb die Königin Olga von Württemberg. Als Junge bin ich oft in die alte Eberhardsburg gekommen. Ich habe den Arkadengang oft durchschritten, in dem sich die merkwürdige Erscheinung als Vorbotin großer Ereignisse zeigen soll. Ob die Mär wahr sei, frug ich damals oft den Kastellan. Er schwieg bedächtig, geheimnisvoll. Ob er den romantischen Jüngling auf seinem Glauben belassen wollte, ob er an die „weiße Fran" selber glaubte — was weiß ich?
Ueber die „weißen Frauen", die da und dort in den Schlössern umgehen, las man schon viel. Einiges erzähle ich hier wieder:
Die berühmteste derselben ist unstreitig Bertha von Rosemberg, welche im 15. Jahrhundert lebte, und die sich zu allererst im Schlosse Neuhaus, wo sie ihr Leben verbracht halt, alsdann in den Residenzen verschiedener anderer hervorragender Familien, die mit jener von Rosemberg in einem Verwandtschaftsgrade standen, besonders aber bei den Hohenzollern sehen ließ.
Der lateinische Voltaire, Erasmus von Rotterdam, schrieb: „Das merkwürdigste von unserem lieben Deutschland ist vielleicht die weiße Fran, die sich regelmäßig sehen läßt, wenn der Tod an das Haus eines Fürsten anklopft, und zwar gilt dies nicht nur von Deutschland, sondern auch von Böhmen. Dieses Gespenst ist zum größten Teil auch ckhatsüchlich bei dem Tode derer von Rosemberg und Neuhaus erschienen, und zeigt sich auch heute noch. Wilhelm Slavata, der Kanzler dieses Reiches, erklärte, daß die weiße Frau nicht aus dem Fegfeuer herauskommen könne, solange das Schloß Neuhaus noch im Unglück sitze. Sie erscheint dort nicht nur, wenn jemand sterben soll, sondern auch wenn jemand eine Ehe eingeht ober ein Kind geboren wird. Daher zeigt sie sich auch je nachdem in verschiedenem Gewand. Erscheint sie schwarz gekleidet, so bedeutet dies einen Todesfall; will, sie aber ein freudiges Ereignis ankündigen, so läßt sie sich in einem weißen Gewände sehen. Gerlaines versichert, von Baron von Ungenauen, dem kaiserlichen Gesandten bei der Pforte, erfahren zu haben, daß diese weiße Frau immer in einem schwarzen Gewände erscheine, wenn in Böhmen einem der Mitglieder der Familie von Rosemberg der Tod drohe. Da Herr Wilhelm von Rosemberg mit den vier zu Braunschweig, Brandenburg, Baden und Pernstein regierenden Familien nach und nach verwandt wurde, und auch besonders große Hosf- I nungen auf die Hochzeit der Prinzessin von Brandenburg!


