Ausgabe 
25.2.1900
 
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Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Seit diesem Ereignis ist das Verhältnis zwischen Pflegeeltern und Pflegekind ein natürlicheres geworden, das Eis ist gebrochen, Nettchen erhält ihre Portionen in angemessenen Zwischenräumen von je zwei Bosheiten oder Wildheiten, sie nimmt diese Beweise verspäteter Strenge zuerst mit verblüfftem Erstaunen entgegen, entwickelt sich aber wie die Blume im Sonnenschein bei dieser neuen Art der Pflege. Ja, bald überfällt sie ein wahrer Fanatismus der Selbstzerknirschung, sie möchte nur immerfort gezüchtigt sein, weint bittere Thränen wenn die Frauen sie schonen, und setzt durch ihre herzbewegenden Bitten, es ihrrecht ordentlich" zu geben, ihre Umgebung in fast noch größere Verlegenheit wie vordem durch ihre zeternde Angst. Wenn sie der Pflegemutter ihre unschuldige Schulter hinhält mit der Aufforderung, ihreins drauf zu geben, daß es nur so knackt", so bringt sie die einfache Seele in tätlichste Ver­wirrung; denn obgleich Frau Brinkmann sichs geschworen hat, das Regiment der Strenge festzuhalten, um nicht wieder in den vorherigen Zustand der absoluten Macht­losigkeit zu geraten, wird es ihr sehr schwer, dieser kleinen Büßenden gegenüber ihre Prinzipien festzuhalten. Allein Nettcheus Talent, das Haus durch die ausgesuchtesten Keck­heiten in Bestürzung und Angst zu versetzen, ist trotz aller fanatischen Bußanfälle immer wieder so groß, daß sie selbst ein glückliches Gleichgewicht zwischen Frau Brink­manns Pflichten und Bedenken herstellt.

Großmutter", sagt Nettchen eines Tages zu der alten Frau, die ihr in einer Art Angst am liebsten aus dem Wege geht,was kost't bei Euch in Berlin Stub' und Küch'?"

Was Du man immer fragst", entgegnete die Groß­mutter ungemütlich.Du fragst die Menschen en Loch in'n Kopf. Was soll Stub' und Küch' denn kosten?! Doch an fünfzehn, achtzehn Mark."

Au das is mir zu teuer", sagt Nettchen nachdenk­lich,dann geht es nich. Ich hab' mir doch wollen Stub'

Lormtag dm 25. Februar

bist

Ä1900. r

rst schaffe den Götzen aus deinem Herzen, darnach brich seinen

Augustin.

Tempel ab.

Unserm Abgott bringen wir größere Opfer als unserm Gott.

Thomas von Kempen.

und Küch' mieten, denn ich bin Euch man bloß zur Last. Ich hab' gedacht, daß es so 'nen Thaler kosten würde, dann hätt' ich mir Stub' und Küch' genommen. Aber gleich fünfzehn Mark das is mir zu teuer. Dann muß ich noch warten bis es billiger wird."Sieh mal, Nettchen", sagt die Großmutter, und ihre Stimme zittert, wenn ich Dir nu eins versetzen möcht', dann wärst Du doch man schuld. Du treibst die Menschen, daß sie Dir eins langen müssen, sie mögen wollen oder nicht. Nun bist Du Kröt' erst dreizehn ein halbes Jahr, und hast ein Mundwerk für 'ne fünfzehnjährige. Ich weiß man garnich, wie das mit Dir werden soll. Für alles gute, was man Dir gethan hat, konlmst Du mit kecken Redensarten."

Ich nehme Stub' und Küch'" sagt Nettchen unbeirrt. Dann kommt Ihr Sonntag zu mir hin und trinkt Kaffi bei mir. Das ist doch nichts Schlimmes, Großmama?"

Ich red' nich mehr mit Dir," entgegnete die alte Frau erbost.Ich könnte ebenso gut in 'nen Stock 'reinsprechen. Ich glaube, Du machst Dich über uns lustig, Du."

Die Großmutter hat so Unrecht nicht. Je größer Nett­chen wird, je klüger und gewandter, je mehr sie über ihre Umgebung, über die beschränkte und gute Familie hinaus­wächst, desto stärker fühlt sie ihr geistiges Uebergewicht.

In der Schule ist sie die Wildeste- und Keckste, aber mit dem schmeichelnden Blick ihrer unruhigen, braunen Augen besticht sie die Lehrerinnen und mehr noch die Lehrer, daß die Strafen nicht zu hart ausfallen. Sie hat ein genaues Bewußtsein ihrer bestechlichen Macht, und Unschuld mit weiblicher Koketterie zugleich spricht aus ihr, wenn sie zu Haus von dem Hauptlehrer erzählt:Wenn ich ihn so recht ansehe, wird er ganz heiß im Gesicht."

Die Pflegemutter, die einfache, schüchterne Frau, deren Leben nie etwas anderes als ein anspruchsloses Vegetieren war, wird fast von Angst ergriffen gegenüber dieser selbst­bewußten, aus Unschuld und Raffinement zusammengesetz­ten Natur der Pflegetochter. Oft zieht sie in ihrem Innern den Vergleich, der Kuckuck habe sein Ei in ihr stilles Nest gelegt, und sie wünscht fast, der Großmutter wäre niemals der Plan mit dem Waisenkinde gekommen, und Paul wäre allein geblieben, unberührt von kindlichen Wonnen und Freuden, aber auch unberührt von Schmerzen, wie sie das Nettchen vielleicht noch einmal über ihn bringt.

Ich heirate mir den Kronprinz", sagte Nettchen wie sie kleiner war.Und wenn ich den nicht kriege, dann nehme ich Paul'n" An diese kindischen Worte muß Frau Brink­mann jetzt oft zurückdenken wenn sie die beiden größer werdenden Kinder beobachtet, und Bangigkeit krampft ihr Herz zusammen.

Die Jahre vergehen, und die Kinder wachsen heran; Paul nur vegetierend, Nettchen voller Lebenskraft, un­bezähmbar, vor Laune sprühend.