Ausgabe 
25.1.1900
 
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suchte sie zu beruhigen, und weinte zuletzt fast ebenso heftig, als Mildred selbst, wodurch Mildreds Groll auf Bella ganz entwaffnet wurde. Mit ihrer seltenen Treue war sie eines grollenden Gedankens über Arnold Binton nicht fähig. Er konnte von Europa geschrieben haben, und der Brief ver­loren gegangen sein. Es war besser so, denn wenn er diese ganze Zeit in Newyork gewesen wäre, und sich keine Mühe gegeben hätte, sie aufzusuchen, so hätte das wirklich herzlos scheinen können. An Robert aber dachte sie nur mit Groll. Er liest meine Gedanken, er hat mich beobachtet, und hält sich wahrscheinlich für sehr rücksichtsvoll, weil er sich im Hintergrund hält. Aber ich kann mich nach keiner Richtung wenden, ohne seinen Schatten zu sehen, oder zu bemerken, daß er wartet und wacht.

Während dieser Zeit bemühte sich Howell vergebens, im Süden eine Stellung zu finden. Der Süden war ver­armt und hatte sich noch nicht wieder erholt. Einige Leute ließen sich von Howells exaltiertem Wesen anfangs hin­reißen, bald aber sahen sie, wie unzuverlässig er war. Der größere Teil seiner Freunde hatte sich zerstreut, bald wurde auch bekannt, wie er sich auf dem Schiff benommen hatte, und man zog richtige Schlüsse auf seinen wirklichen Zu­stand daraus. Ein halb mitleidiges, halb verachtendes Benehmen der Leute, mit denen er in Berührung kam, machte ihm schließlich klar, daß alle ferneren Bemühungen durchaus nutzlos seien. Indessen hatte er noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, sich von seinem Laster loszureißen, Deshalb beschloß er, zurückzukehren und ohne Wissen seiner Familie seinen alten Arzt zu befragen, der ihn ohne seine Absicht in diese schreckliche Lage gebracht hatte. Dies er­schien ihm als die letzte Hoffnung.

Fortsetzung folgt.

Die Kulturfortschritte des letzten Jahrtausends.

(9001900.)

Eine Säkularbetrachtung von Friedrich Thieme.

------- (Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Erst das 15. Jahrhundert lieferte neben der geistigen Entwicklung jenes gewaltige Kommunikationsmittel, wel­ches bestimmt war, die Idee und den Fortschritt über die ganze Erde zu tragen: die Buchdruckerkunst, eine Er­findung, welche derjenigen der Buchstabenschrift würdig an die Seite gestellt werden kann. Die Entdeckung Amerikas (1492) und des Seewegs nach Ostindien (1498) erweiterte nicht nur den Gesichtskreis der Menschheit, sondern bahnte auch für Handel und Industrie neue Epochen an; wenn sich auch leider zunächst der Schwerpunkt des Handels ver­schob und an die Stelle der versinkenden Hansa die gün­stiger wohnenden Nationen, die Engländer, Niederländer und Spanier traten. Zugleich begann jene einzig da­stehende Geistes- und Kunstrevolution, die wir unter dem Namen derRenaissance" verehren; während unter dem Ansturm der kriegstüchtigen Türken das oströmische Reich zusammenbrach (1453), trugen griechische Flüchtlinge die Lichtfunken der alten griechischen Bildung in das Abend­land. Eifrig lauschten diese der halbvergessenen Weisheit, man lernte griechisch und erforschte gierig die alten Schätze. Der große Völkerfrühling begann, der halbverschüttete Tempel des Altertums wurde wieder ausgegraben und mit dem Weiterbau des alten Kulturgebäudes begonnen. Neues Leben blühte aus den Ruinen der Kunst und Wissen­schaft hervor, Petrarca und Boccaccio regten zum Studium des Griechischen an, Bibliotheken und Universitäten wuchsen aus der Erde, Handel und Gewerbe blühten mächtig empor, überall regte sich die Kritik des Alten, Falschen und Ueber- lebten. Ulrich von Hutten stieß seinen jubelnden Kriegs- und Triumphruf aus:Die Geister erwachen, die Wissen­schaften blühen, es ist eine Lust zu leben!" Mit siegreicher Kraft breitete der Humanismus sich aus. Die Wissenschaft rüttelte zuerst (Nikolaus von Kusa und Lionardo da Vinci) an der festen Stellung der Erde im Mittelpunkte des Alls. Die Mißstände und Irrtümer der herrschenden Kirche forderten den Protest der mehr und mehr auf­geklärten Menschheit heraus: die Ketzerverfolgungen nah­men ihren Anfang und schon am Anfang des Jahrhunderts (1415) mußte Huß auf dem Scheiterhaufen zu Costnitz den

Frevel", gegen den Papst und seine Mithelfer das Banner der Vernunft erhoben zu haben, büßen.

Da trat Martin Luther, der Mönch von Wittenberg, auf und verkündete mit heroischem Mut die Reformation der Kirche, die furchtbare Kämpfe kostete; unter ihrem Zeichen stand das 16. Jahrhundert. Die deutsche Sprache und Dichtung fanden eine mächtige Förderung. Das gigan­tische Werk der Bibelübersetzung ward unternommen und vollendet. 1530 erschien Kopernikus' berühmtes Werkvon den Umwälzungen der Himmelskörper". In England schrieb Shakespeare seine unvergänglichen Dramen, Cer­vantes begann seinenDon Quixote", Ariosto dichtete den Orlando furioso", Raphael Santi, Tizian, Correggio schufen ihre unsterblichen Meisterwerke. Benvenuto Cellini hob die Kunst der getriebenen Arbeit in edlen Metallen zu ihrem Höhepunkte. Der neu entdeckte Erdteil Amerika war das Ziel abenteuerlicher Eroberungsfahrten. Mexiko und Peru wurden erobert, die erste Erdumsegelung durch den Portugiesen Magelhans und seinen Begleiter Elcano ausgeführt. Eine der wichtigsten Kulturpflanzen wurde von den Spaniern nach Europa gebracht, und das Mikro­skop (1590) in Holland erfunden.

Im nächsten, dem 17. Jahrhundert, dauerten die Re- ligionskämpse fort, ja sie erreichten ihren Gipfel in dem furchtbaren 30 jährigen Krieg (16181648), der Deutsch­land fast zu einer Wüste machte. Trotzdem ist gerade dieses Jahrhundert, das auch in der politischen Geschichte be­deutende Namen aufweist, einen Cromwell, Peter den Großen, den Großen Kurfürst Friedrich Wilhelm, einen Gustav Adolph, Wallenstein u. s. w., eins der fruchtbarsten für die Wissenschaft. Kepler proklamierte seine drei Gesetze von den Bewegungen der Planeten, Galilei entdeckte die Jnpitermonde und Sonnenflecke, die Pendel- und Fallge­setze, die Mondberge, den Saturnring u. s. w. Snellius führte 161517 die erste Gradmessung aus, Newton ent­deckte (1666) das Gesetz der Gravitation, Harwey (1619) den Kreislauf des Blutes. Ferner brachte uns das 17. Jahrhundert noch an wichtigen Erfindungen: die Diffe­rentialrechnung (durch Newton 1666), das Fernrohr (Lippersheim in Middelburg), von Galilei sofort nach der Meldung nachgeahmt und zuerst auf den Himmel gerichtet, das Barometer (Torricelli 1643), die Luftpumpe (Otto von Guericke 1650), die Rechenmaschine (Pascal 1642), die La- terna magica (Kircher 1640), die Elektrisiermaschine (Guericke 1650), die Pendeluhr (Huygens 1655), die erste Webemaschiine (1676), die. Logarithmen! (1614), Der dänische Astronom O. Römer entdeckte die Geschwindigkeit des Lichts. 1699 führte Dampier die erste Entdeckungsfahrt zu rein wissenschaftlichen Zwecken aus, hauptsächlich der Erfor­schung der australischen Küste gewidmet. Die Dichtkunst wies Namen wie Mokiere, Milton, Racine, die deutsche solche wie Opitz, Günther, Logan u. s. w., die Malerei Namen wie Rubens, van Dyck, Rembrandt auf, die Philo­sophie rühmte sich eines Cartesius, Bacon von Verulam, Hobbes, Spinoza, Locke und Leibnitz.

Das 18. Jahrhundert setzte die Arbeit auf dem natur­wissenschaftlichen Gebiete eifrig fort. Die Chemie- und Elektrizikükslehre wurde begründet, die Erfolge der Dampf­maschine verbreitet. Linnee führte eine neue Methode der Namengebung in der Naturgeschichte ein, Büffon drang tief ein in die Erscheinungen der Natur, K. F. Wolff ver­öffentlichte schon 1759 eine Theorie der tierischen Ent­wickelung. Die Erfindungen des Porzellans, der Dampf­maschine, des Blitzableiters, des Luftballons, des Stein­kohlengases verkündeten bereits eine neue Aera der Natur­wissenschaften; Cook vollendete die Entdeckung Australiens, A. von Humboldt trat seine bahnbrechende südamerikanische Forschungsreise an. Die hervorragendsten Geister traten auf allen Gebieten hervor. Voltaire bekämpfte die Ge­brechen des politischen und kirchlichen Systems, Rousseau verkündete die Menschenrechte und das Evangelium einer neuen Erziehung. Die Encyclopädisten verbreiteten das System des Materialismus. Friedrich der Große schuf durch feine Wasfenerfolge die äußere Grundlage für die geistige nationale Erhebung Deutschlands; Lessing, Klop- stock, Goethe, Wieland, Herder und Schiller erschienen als leuchtende Sterne am litterarischen Himmel, der große Kant gab der Menschheit seineKritik der reinen Ver-