Ausgabe 
25.1.1900
 
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schäftsmann. Er war so vernünftig, ihr eine Tasse Kaffee zu senden. Vielleicht war das Gutmütigkeit oder Rücksicht auf den Geschäftsvorteil, wahrscheinlich aber ein Misch­ling von beiden Gefühlen. Als Mildred nach Hause kam, war es ihre erste Sorge, ihrer betrübten Mutter die Wahr­heit zu verbergen.

Milli, rief die Mutter, Du siehst bleich und erschöpft aus, wie ist es Dir gegangen?

Du wirst es kaum glauben, erwiderte Mildred, ich bin bereits zu der Spitzenabteilung befördert worden, nahe bei der Thüre, wo die Luft frischer ist. Wenn die Waren so schlecht wären, wie die Lust im Laden, so würden wenig Käufer kommen.

Beinahe hätte Bella Mildreds Bemühung, die Mutter zu beruhigen, vereitelt. Nach Schluß des Geschäfts war sie nach dem Laden gegangen, top sie Mildred zu finden hoffte, und als sie erfuhr, daß Mildred in Ohnmacht gefallen und nach Hause gegangen sei, eilte sie fort und stürmte in das Zimmer.

Milli! Milli! rief sie.

Mildred aber machte ihr schnell ein Zeichen, welches Bella sofort verstand.

Was giebts, Bella? fragte Frau Howell ängstlich.

Ich muß wissen, wie Mildred den ersten Tag zuge­bracht hat! Bei uns war ein toller Zulauf und ich bin halb tot! Aber nun sind wir hier, Mama, bereit, ein gutes Glas Thee zu trinken.

Am anderen Morgen war Mildred zu krank, um auf­zustehen, aber sie ließ durch Bella sagen, sie werde jeden­falls am folgenden Tage kommen. Der folgende Tag war zum Glück so stürmisch, daß wenig Käufer kamen. Mildred hatte Zeit, ihre Pflichten kennen zu lernen und zuweilen etwas auszuruhen; denn weil sie krank gewesen und noch Anfängerin war, erlaubte man ihr, zuweilen zu sitzen. Ihr Aeußeres war so anziehend, daß die Geschäftsinhaber sich bemühten, ihr den rauhen Pfad einer Anfängerin etwas zu ebnen. So folgten sich die mühevollen, langen Tage, und nach und nach lernte sie zu stehen, wie die anderen. Es ist eine bekannte Thatsache, daß manche Menschen alle Folterqualen der Inquisition überdauert haben, aber es wäre interessant, zu wissen, ob die Jnquisitionsrichter schlau genug gewesen sind, um zarte, weibliche Wesen zu nötigen, den ganzen Tag über und zuweilen auch einen Teil der Nacht zu stehen.

So schleppten sich die langen Tage hin. Als ein be­sonders geschäftsreicher Tag sich seinem Ende näherte, war eine Dame in Begleitung ihres Mannes beschäftigt, Weih- nachtseinkäufe zu machen. Sie hatte schon viel gekauft, und der Geschäftsführer begleitete sie mit unerschöpflichen Höf­lichkeiten durch den Laden. Plötzlich siel es der Dame ein, Spitzen anzusehen, und sie näherte sich Mildred, welche sich in einem Augenblick der Muße an die Wand gelehnt und in unbeschreiblicher Müdigkeit die Augen geschlossen hatte.

Wollen Sie dieses junge Frauenzimmer aufwecken? sagte die Dame etwas scharf. Dies that der Geschäftsführer auf eine Weise, welche Mildred das Blut ins Gesicht trieb. Die Käuferin setzte sich auf den Plüschsessel vor dem Laden­tisch und hatte sich bald in die Betrachtung der Waren vertieft, "während ihr Mann hinter ihr stand und Seiten­blicke nach der hübschen Verkäuferin warf.

Himmel, wie hübsch sie ist! sagte er innerlich, nur ein bischen zu bleich! Wahrscheinlich ist sie in letzter Nacht auf einem Ball gewesen. Sie bemerkt nicht einmal, daß ein Herr sie bewundert, wahrscheinlich hat sie bis zum Morgen getanzt, wenn nichts schlimmeres. Was diese Mädchen für ein Leben führen! Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was man sich erzählt: Aber diese da möchte ich frisch und hübsch gekleidet sehen, sie würde in jedem Salon Aufsehen machen, wenn sie so vernünftig wäre, den Mund zu halten, um ihre Unwissenheit und ihren Mangel an Erziehung nicht merken zu lassen.

Endlich wurde er ungeduldig.' Nun komme doch, sagte er z-ui seiner Frau, komme, Du hast genug gekauft, um mich zu ruinieren, es ist Zeit, zu speisen.

Die Dame erhob sich widerstrebend und bemerkte, sie werde wahrscheinlich wiederkommen. Dann verließen sie den Laden.

Sie müssen flinker sein, sagte der Geschäftsführer

herrisch zu Mildred. Diese Leute gehören zu den reichsten der Stadt.

Kaum war jener Herr auf die Straße getreten, als seine Entrüstung erregt wurde durch einen Fuhrmann, der seinen Wagen überladen hatte, und sein Pferd mit Geschrei und Peitschenhieben antrieb. Bald sammelte sich eine Gruppe Menschen, welche für das Pferd Partei nahmen; unter ihnen war auch jener Herr, der das bleiche Ladenmädchen bewundert hatte, welches an diesem einen Tage mehr durchgemacht hatte, als das Pferd in seinem ganzen Leben. Der würdige Bürger sandte seine Frau in ihrem Wagen nach Hause, und erklärte in gerechter Ent­rüstung, er wolle nicht früher essen oder schlafen, bis der brutale Mensch arretiert sei. Und er hielt sein Wort. Viel später befand sich das gequälte weibliche Wesen, von dem er so übel dachte, und dem er höchstens eine cynische Be­wunderung gewidmet hatte, auf dem Wege nach Hause, mit schwankenden Schritten und schwer beladenem Herzen.

XXII.

Trügerische Hoffnungen.

Wenigstens einmal in der Woche führte Robert Bella abends nach irgend einem Erholungsort. Das Gefühl, von den Freuden der Jugend ausgeschlossen zu sein, ar­beitete nicht mehr wie ein böses Gift in ihrem Inneren. Die Unterdrückten und die Unglücklichen sind zehnfach mehr der Versuchung ausgesetzt, als diejenigen, welche fühlen, daß sie ihren bescheidenen Anteil an den Freuden des Lebens haben, und so war auch Bella, ehe Robert kam, sehr unzufrieden mit ihrem Schicksal gewesen. Nur wenige wissen den heilsamen Einfluß einiger Erholungsstunden in einem überlasteten Leben zu schätzen.

Für Mildred aber wurden die Tage immer dunkler und dorniger.

Die schöne Mildred, welche das feinste Haus in der Stadt zieren würde, sagte Bella oft, paßt für dieses Leben wie eine Gazelle, die man als Karrengaul anspannen wollte. Nicht die Arbeit ist das schlimmste, sondern die Brutalität, welche mehr Grausamkeit gegen die Mädchen zuläßt, als jemals gegen schwarze Sklaven! Wenn ich ein Dutzend von diesen Menschen skalpieren könnte, so würde ich heute besser schlafen.

Oft renne ich wütend durch die Straßen, wenn ich an Miß Mildred denke, erwiderte Robert, aber sprechen Sie mit ihr nie von mir, denn nur, wenn ich mich fern halte, kann sie mich überhaupt dulden.

Wie kann sie nur immer an diesen Schwächling, Arnold Vinton, denken? bemerkte Bella. Seit dem letzten Som­mer hat er kein Wort von sich hören lassen. Wie kann man nach einem solchen Schattenriß eines Menschen schmachten? Wenn er sich nur in die frische Luft ver­flüchtigen mochte, so würde sie ihn aufgeben! Vielleicht hat er sich schon verflüchtigt!

Nein, er ist in Europa, schon seit er das Hotel in Forestville verlassen hat. Ich habe das neulich erfahren. Er lebt in Luxus und Müßiggang, während das Mädchen, das ihn liebt, um sein Brot arbeiten muß.

Wie haben Sie das erfahren? fragte Bella rasch.

Auf ganz unbefangene Weise. Ich glaubte, es würde Sie interessieren, und Sie können es ihr auch sagen, aber lassen Sie sich nicht merken, woher Sie das wissen.

Wer hat Dir das gesagt? fragte Mildred rasch, als ihr Bella diesen Abend erzählte, was sie erfahren hatte.

Das ist gleichgiltig, wie ich das erfahren habe, er­widerte Bella etwas störrisch, aber es ist wahr. Er würde keinen Finger rühren, um Dich vom Hungertod zu retten.

Du thust ihm Unrecht! rief Mildred leidenschaftlich. Sprich nicht wieder so von ihm! Ich weiß, wer Dir das gesagt hat. Es war Robert Atword. Aber ich wünschte, er würde sich nicht um mich und meine Angelegenheiten kümmern. Es ist höchst einfältig, sich in solcher Weise ein­zumischen.

Er hat sich nicht eingemischt, erwiderte Bella entrüstet. Er dachte, es würde Dich interessieren, die Wahrheit zu erfahren. Auf der Straße hast Du immer nach Arnold ge­sehen, aber jetzt kannst Du ruhig sein, er ist nicht krank oder tot, er ist ganz gesund und vergnügt, und lebt alle Tage in Luxus. Solch einen Mann muß ich verabscheuen!

Mildreds Nervensystem wurde durch Bellas Worte er­schüttert, und sie brach in bittere Thränen aus. Bella