Ausgabe 
24.11.1900
 
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,Faß mich allein, Vater!" bat sie tonlos.Das muß ich mit mir selber auskämpfen."

Mein armes, geliebtes Kind! Den ganzen armseligen Rest meines jämmerlichen Lebens würde ich mit Freuden hingegeben haben, wenn ich Dir das hätte ersparen können. Aber es mußte ja sein! Ich durste Dich doch nicht blindlings in Dein Verderben rennen lassen."

Nein, das durstest Du wohl nicht. Und ich danke Dir, wenn Du mich! vielleicht auch etwas früher hättest aus meiner Blindheit reißen sollen. Nun, dem Himmel sei Dank, es war wenigstens noch nicht zu spät."

Sie duldete seine zärtliche Umarmung und den liebe­vollen Kuß, den er ihr auf ihre Stirn drückte; aber sobald er mit seinen müden Schritten das Zimmer ver­lassen hatte, sprang sie in leidenschaftlicher Wildheit empor und schüttelte ihre geballten Fäuste wie gegen einen un­sichtbaren Feind, während es zwischen den fest zusammen­gepreßten Zähnen hervorzischte:Nun habe ich Dich nun habe ich Dich! Und nun sollst Du mir alles, alles bezahlen!"

Viertes Kapitel.

Zwei Briefe für den Herrn Doktor, und einer füv das Fräulein! Wünsche gehorsamst guten Morgen!"

Mit seinem stadtbekannten freundlichen Grinsen, das niemals breiter und behaglicher war, als wenn ihm Doktor Ruthardts hübsches Töchterchen selber die Haus- thür aufthat, hatte der alte Postbote Margareten die eingelaufenen Briefschaften überreicht. Verwundert und neugierig betrachtete sie das für sie bestimmte Billet, dessen Umschlag von sehr feinem Papier, aber ohne jedes Abzeichen war. Die Handschrift, deren markige Züge nur von einem Manne herrühren konnten, war ihr völlig un­bekannt, und es ließ sich ihr unter solchen Umständen gewiß kein Vorwurf daraus machen, daß sie den Brief rasch uneröffnet in die Tasche schob, als sie den Schritt ihres Vaters hinter sich auf der Treppe vernahm.

Guten Morgen, Väterchen!" rief sie ihm entgegen, und ihr schlechtes Gewissen verriet sich in der großen Zärtlichkeit, mit der sie ihn auf beide Wangen küßte. Da sind zwei Sachen für Dich Hoffentlich stehen nur angenehme Neuigkeiten darin".

Der Doktor sah heute ungewöhnlich: ernst aus. Auf seiner Stirn war eine Falte, die er sonst nur mit nach Hans brachte, wenn ihm einer seiner Patienten gestorben war. Sachte schob er sein Töchterchen zurück.

Angenehme Neuigkeiten könnte ich brauchen. Wartet schon jemand im Vorzimmer?" ,

Nein, es ist ja erst sieben Uhr. Und Du hast doch wohl nicht schön so früty eine Widerwärtigkeit gehabt, lieber Vater?"

Keine, die Dich etwas anginge, kleiner Grünschnabel! Geh hinauf und mache Dich nützlich! Deine Mutter ist eben dabei, einen großen Korb zu packen. Ich fürchte, sie will sich wieder auf Krankenbesuche begeben. Sieh wenigstens zu, daß für uns auch noch eine Kleinigkeit zu essen übrig bleibt". ,

Er fuhr mit der Hand über ihren blonden Scheitel und ging weiter; aber bevor er die Thür seines Spreche zimmers erreuhf hatte, wandte er sich noch, einmal nach! ihr um. P

Hast Du Walther Sartorius kürzliche gesprochen, Margarete?" ,

Ob ich ihn gesprochen habe? Rem das heißt, ja auf dem Kostümfest habe ich! allerdings ein paar Worte mit ihm gewechselt."

Er hat sonst keinen Versuch, gemacht, die alten freundschaftlichen Beziehungen mit Dir oder mit Sigis­mund wieder anzuknüpfen?" . ,

Mein! Du hattest es ihm ja auch verboten".

Wenn ich es nicht schon gethan hätte, müßte ich es wohl jetzt thun. Du brauchst nicht gerade unfreund­lich: gegen ihn zu sein, falls er Dir einmal zufällig tu den Weg kommen sollte, denn gegen den jungen Menschen selbst hege ich nicht den geringsten Groll. Aberas wäre mir doch lieb, wenn solche Begegnungen nach Möglichkeit vermieden würden. Die Familie Sartorius ist für uns künftighin am besten nicht mehr vorhanden".

Er trat in sein Zimmer und Margarete stieg langsam zu ihrer Mutter hinauf. Sie wußte selber nicht recht,

warum ihres Vaters Worte, die ja keinesfalls unfreund­lich gewesen waren, sie in eine so betrübte Stimmung versetzt hatten. Wer die Niedergeschlagenheit mußte ihr wohl vom Gesicht zu lesen sein; denn Frau Ruthardt, die vor einem mit allerlei guten und kräftigen Eßwaren bedeckten Tische stand, erkundigte sich sogleich, was ihrer Grete denn übles widerfahren fei

O, es ist nichts", meinte Margarete mit er­heuchelter Gleichgiltigkeit, wenn auch mit unsicherer Stimme.Der Vater wollte mir verbieten, einen Verkehr mit Walther Sartorius zu unterhalten. Wer es war eju überflüssiges Verbot; denn von einem solchen Verkehr ist ja ohnedies keine Rede".

Das will ich hoffen", erklärte die Mutter sehr be­stimmt, und ihr gutmütiges Gesicht bewölkte sich zusehends. Es wäre wenigstens eine unerhörte Dreistigkeit von dem jungen Manne, wenn er sich, uns auch jetzt noch, auf- drängen wollte".

Margarete antwortete nichts und war ihrer Mutter eine Zeit lang schweigend behilflich, die einzelnen sorg­fältig ungeteilten Portionen in den großen Marktkorb zu packen, mit dem man des Doktors Dienstmädchen beinahe täglich hinter ihrer rundlichen Herrin ein­herschreiten sah. Dabei ließ es Frau Ruthardt nicht an den nötigen Anweisungen fehlen, und begleitete die meisten von ihnen noch mit einer beweglichen Schilder­ung des Elends, das sie da oder dort angetroffen.

Als alles beinahe fertig war, erinnerte sie sich, daß sie trotz allen Ueberlegens etwas vergessen hatte.

Richtig zu Tolzmanns muß ich ja auch einen Kuchen mitnehmen und irgend eine Kleinigkeit aus dem Spielwarenladen. Der zweite Junge hat heute fernen Geburtstag. Lieber Gott das arme Kind! Fünf Ge­schwister, von denen die beiden jüngsten noch nicht ein­mal laufen können' der Mann seit sechs Wochen kerne Arbeit, und die Frau krank am Gelenkrheumatismus! Es ist ein Jammer, daß so etwas in der Welt vorkommen muß. Weißt Du, Grete, den Rest von dem Schweinebraten könnten wir wohl lieber mit in das Paket für die Tolz­manns legen. Wickle ihn nur wieder aus, für dre alte Prippenow mit ihrem schwachen Magen ist er doch, vielleicht zu schwer".

Eigentlich finde ich es sehr ungerecht, Mutter", sagte Margarete schüchtern, während sie dem Befehl gehorchte. Er kann doch im Grunde garnichts dafür".

Verwundert sah Frau Ruthardt auf.Wer kann nichts dafür? Der Schweinebraten oder der Prippenow'n schwacher Magen?"

Ach, nicht doch! Sprachen wir denn nrcht eben von Walther Sartorius?"

Das war ja schon vor einer Viertelstunde es muß Dir sehr am Herzen liegen. Nun, ich will Dir etwas sagen, mein Kind! Wenn heute einer Deinen Vater auf der Straße hinterrücks überfiele und ihm einen Messerstich oder so 'was versetzte, möchtest Du dann mit einem solchen Schurken oder mit jemandem von seiner Familie noch irgend etwas zu schaffen haben?"

Nein, gewiß nicht! Wer das ist doch auch kein passender Vergleich. Bei dem ganzen Streit zwischen dem Stadtrat Sartorius und dem Vater handelt es sich ja blos' um eine Meinungsverschiedenheit wegen der dummen Wasserleitung".

So? Um eine Meinungsverschiedenheit? Weißt Du auch, was der Stadtrat Sartorius gestern gethan hat? Er war als Vertreter des Magistrats in der Stadt­verordnetensitzung, wo über das neue Projekt endgiltrg Beschluß gefaßt werden sollte. Und als sich die Gegner seines Planes auf die von Deinem Vater au§gearbeitete Denkschrift beriefen, da hatte er den Mut, mit versteckten, aber für jedermann hinreichend verständlichen Worten an­zudeuten, daß der Doktor Ruthardt wahrscheinlich für seine Agitation bezahlt sei und dies alles gegen ferne bessere Ueberzeugung geschrieben habe. Ist das nicht noch viel schlimmer, als wenn ein Strolch aus dem Hinter­halt über einen arglosen Spaziergänger hersällt? Nun, zum Glück waren in der Versammlung Männer, dre eine so schändliche Verleumdung Deines Vaters nicht st ni- schweigend duldeten. Nach dem Bericht, den uns einige