Ausgabe 
24.11.1900
 
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Ohrenzeugen noch gestern abend erstatteten, hat der Herr Stadtrat Sartorius mit seinem hinterlistigen An­griff sich selber schlechte Dienste geleistet. Denn er mußte es geschehen lassen, daß ihm sehr harte Dinge gesagt tvurden, und schließlich wurde auch sein Projekt mit großer Stimmenmehrh eit ab gelehnt. Aber seine That bleibt nichtsdestoweniger in ihrer ganzen Schändlichkeit bestehen, und die Herren, die es für ihre Pflicht hielten. Deinen Vater davon zu unterrichten, meinten, er solle den feigen Ehrabschneider ohne weiteres vor die Schranken des Gerichtes fordern".

Die kleine Frau hatte sich tüchtig in Hitze geredet, über auch auf Margaretens Gesicht flammte die Ent­rüstung.

Wird er es thun?" fragte sie in atemloser Spannung.

Nein, das entspricht nicht seiner Art. Als die Herren von der Genugthuung sprachen, die er sich unter allen Umständen verschaffen müsse- meinte er nur:Der Stadt­rat Sartorius hat soeben bewiesen, daß er ein Lump ist. Mit Lumpen aber lasse ich mich grundsätzlich nicht rin, weder im guten noch im bösen!" Den anderen mag es ja wohl den Eindruck gemacht haben, als ob die Sache damit für ihn erledigt sei. Auch zu mir hat er nicht weiter darüber gesprochen. Aber ich kenne sein Gesicht. Es hat ihn schwer getroffen, sage ich Dir, und es wird eine gute Weile dauern, ehe er es ganz verwunden hat. Denn der Stadtrat Sartorius war sein Freund, und wenn Dein Vater von einem Manne, den er .einmal für seinen Freund gehalten hat, sagen muß, daß er ein Lump ist, so kostet ihn das ein Stück von seinem Herzen. Warum er Dir aber verboten hat, mit jemand LU verkehren, der zum Hause des Stadtrats gehört, wirst Du nun hoffentlich verstehen".

Ja, liebe Mutter, und es ist gut, daß ich alles Erfahren habe. Nun weiß ich doch, wie ich mich zu verhalten habe, wenn er es noch einmal wagen sollte, sich mir zu nähern".

Der große Korb war bis zum Rande gefüllt. Frau Ruthardt hüllte ihre kleine behäbige Gestalt in einen alt­modischen Radmantel, unter dem sich am besten allerlei Pakete und Paketchen verbergen ließen; eilig trank sie noch ein Täßchen Kaffee und machte sich dann, von dem heimlich seufzenden Dienstmädchen gefolgt, auf den Weg in dieArmenpraxis", wie es Doktor Ruthardt zu nennen pflegte. (Fortsetzung folgt.)

Siegellack.

Von Fred Hood.

Nachdruck verboten. ^

Der Siegellack gilt als indische Erfindung und wurde tn europäischen Ländern im Mittelalter bekannt. Bis dahin siegelte man Briefe und Urkunden in Europa mit -Wachs. Dre mitelalterliche Bezeichnungspanisches Wachs" für Siegellack (französisch: cire d'Espagne, italienisch: cera oi Spagna) deutet darauf hin, daß die Verbreitung des Siegellacks in Europa von Spanien ausging; die Portu­giesen sollen das Produkt in Osttndien kennen gelernt und mit nach ihrer Heimat gebracht haben.

Die Grundstoffe des Siegellacks sind Schellack und Ter­pentin, doch finden für feinere Sorten bisweilen noch, andere Harze, wie Sandara, Benzoe, Mastix usw. Ver­wendung. Ganz geringe Sorten bestehen aus Kolopho­nium und etwas Terpentin. Alle übrigen Zusätze haben den Zweck, die Masse zu färben, ihren Umfang zu vermehren, sie dickflüssiger und schwerer tropfbar zu machen, den un­angenehmen Harzgeruch zu decken, bezw. dem Produkt einen Wohlgeruch zu verleihen und schließlich den Siegellack­stangen ein schönes elfenbeinartiges Aussehen zu geben.

Ter Schellack ist ein Harz, das sich auf den jungen Zweigen verschiedener Bäume und Sträucher bildet, welche -vorzüglich in Indien ihre Heimat haben. Das Ausfließen dieses Harzes erfolgt, indem das Weibchen der sogenannten Lackschildlaus in die jungen Zweige hineinsticht. Es fließt ein Saft aus, der die Brut des Insektes einhüllt und dann auf den Zweigen austrocknet. Später kriechen die karminhaltigen Insekten aus, lassen aber Reste des schönen roten Farbstoffes zMück, welchen man als" Färbelack be- .zeichnet. Das Harz wird von dem Farbstoff getrennt und

gelangt je nach- seiner Färbung, unter den verschiedensten Bezeichnungen in den Handel. Die Farben wechseln zwischen hellgelb und dunkelrotbraun; von Wichtigkeit für den Siegellackfabrikanten ist aber, daß sich das Produkt durch Chlorkalk bleichen läßt, und zwar zu einer schönen weißen, seidenartig glänzenden Masse. Man kann also dem Schellack seine natürliche Färbung entziehen und dann dem Siegellack beliebige andere Farben verleihen denn die Menschen wollen alles anders haben, als die Natur.

Der zweite Grundstoff des Siegellacks, der Terpentin, ist gleichfalls ein Harz; es fließt durch Aufbersten der Rinde verschiedener Nadelhölzer von selbst aus, oder wird durch Einschnitte in die Stämme derselben gewonnen. Das Hauptguantum einer sehr geschätzten Sorte des gemeinen Terpentins verdanken wir der Strandkiefer Frankreichs, während Amerika seine ungeheure Produktion selbst zu Harz und Terpentinöl in den üblichen Handelsfvrmen ver­arbeitet. Einen besonders angenehm aromatischen Geruch besitzt der venetianische Terpentin, der durch Anbohren des Kernholzes der gemeinen Lärche in den südlichen Alpen, hauptsächlich in Meran, Bozen und Trient gewonnen wird. Für die Siegellackfabrikation ist dieser wohlriechende vene­tianische Terpentin am besten geeignet.

Verwendet man als zweiten Grundstoff Schellack, so kann man den Terpentin ganz zweckmäßig durch ein Ge­misch von Kolophonium und Terpentinöl ersetzen, wodurch man noch den Vorteil genießt, die Flüssigkeit des Produkts durch einen größeren oder geringeren Zusatz von Ter­pentinöl regeln zu können. Nur den feineren parfümierten Sorten des Siegellacks werden Benzoe, Perubalsam und ätherische Oele zugesetzst

Färbende Substanzen werden in großer Zahl ver­wendet, ja es werden, um dem Luxusbedürfnis gewisser Leute zu genügen, auch; sehr kostspielige Färbungen ange- sttebt. Besonders groß ist die Zahl der roten Farbstoffe, welche Verwendung finden. So wird z. B. die schone Scharlachfarbe, welche feineren roten Siegellack aus­zeichnet, durch Zinnober gewonnen; sie ist durch billigere Farbmittel, wie z. B. durch Mennige, Engelrot und Bolus nicht zu erzielen. Vielfach wendet man den Wiener und Krapplack das sind Verbindungen verschiedener roter Farbstoffe mit Thonerde, Blei- oder Zinnoxyd für rote Färbungen an; es lassen sich mit ihnen die schönsten und mannigfachsten Schattierungen erzielen.

Zu gelben Färbungen bedient man sich des Chrom­gelbs oder Kasseler Gelbs, während der Ocker nur zu ge­wöhnlichen Sorten verwendbar ist. Zur Erzeugung grünen Siegellacks nimmt man grünen Ultramarin, oder mischt gelbe und blaue Farben; der echte grüne Zinnober und das Chromgrün dürften für die Siegellackfabrikation zu kostspielig werden. Für helles Blau verwendet man das billige Ultramarin und das Bergblau, für braune Farben Umbra, Terra di Siena, Kasseler Braun und andere be­kannte Erdfarbswsfe. Zum Schwarzfärben der Masse dient, feiner Ruß, welcher in der Farbstoff-Industrie, je nach seiner Herkunft, unter den Namen Kienruß, Lampen­schwarz, Beinschwarz, Rebenschwarz usw. bekannt ist. Am beliebtesten ist wohl das Rebenschwarz, das in den Ländern des Weinbaus zu wohlfeilen Preisen durch Verkohlen von Weinreben in geschlossenen Eisenblechröhren gewonnen wird. Natürlich kann man durch Mischen verschiedener Farben alle möglichen Nüancen erzielen, ja der'Siegellack- fabrikant kann seine Farben so mischen, wie der Maler auf seiner Palette. Zu diesem Zwecke bedarf der Fabrikant natürlich auch der weißen Farbstoffe. So werden weiße Stoffe der Masse zugesetzt, wenn es gilt, hellere Schattier­ungen zu erzielen. Aber natürlich wird auch klarweißer Siegellack verlangt, welcher möglichst dem schönsten weißen Email gleichen soll. Solche Farbmittel sind die Kreide, sowie feingemahlener gebrannter Gips, das Zinkweiß und das Pergamentweiß. Das Wismutweiß, das gleichfalls Verwendung findet, ist sehr kostspielig, liefert aber den schönsten emailartigen weißen Siegellack. Auch die kohlen­saure Magnesia wird, ihres geringen Gewichts wegen, hauptsächlich als Zusatz zu schweren Farbkörpern wie Zin­nober geschätzt. Dem Luxussiegellack wird Bronzepulver in allen möglichen metallischen Tönen zugesetzt oder auch', fein gepulverter Glimmer, welcher bei Verwendung einer durchscheinenden Grundmasse wie Metallflitter wirkt.