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Mß auf bie Leute Tit-Bits erstaunliches zu berichten weiß Er soll sehr gefürchtet sein und nicht gerade die Liebe der großen Arbeitgeber in ten Vereinigten Staaten genießen Wie er zu dem verantwortlichen Posten der Streikführer gekommen ist, weiß niemand zu sagen; doch half ihm dabei ohne Zweifel seine mächtige Beredsamkeit. Samuel Gladstone behauptet, geborener Russe zu sein; wie er nach Amerika und zu dem berühmten Namen kam, verrät er niemand.
Als Gegenstück zu Gladstone giebt es in Chicago einen zwölfjährigen, wenn auch älter aussehenden Knaben, Namens George Stern, der Werkführer in einer großen Fabrik ist, und etwa 80 Männer und Knaben zu beaufsichtigen hat. Er steht in hoher Achtung bei den Leuten, und seine Chefs haben alle Ursache, mit dem Erfolge ihres etwas gewagten Experiments, einen so jungen Burschen über so viele Erwachsene zu stellen, zufrieden zu sein.
Ein bedeutender Reformator in Amerika ist James Washington, der 1890 geboren wurde, also erst 9 Jahre alt ist. Er ist Neger und stammt aus dem Staate Arkansas, wo er auch zuerst predigte. Er soll fast ohne fremde Hilfe lesen gelernt haben, ist aber jedenfalls so begabt, daß er fast die ganze Bibel auswendig weiß und über jeden Bibeltext aus dem Stegreif reden kann. Das erste Mal, als er in der Kirche predigte, war er so klein, daß er aus einem Stuhl und einem dicken Buche stehen mußte, um über die Kanzelwand hinwegsehen zu können. Und doch besitzt er die Macht, seine Zuhörer zu Thränen zu rühren, und hat sehr großen Einfluß auf Negergemeinden, die überall zuströmen, wo er eine Ansprache halten soll. Vor kurzem bereiste er die größten Städte der Vereinigten Staaten und erregte überall Aufsehen durch seine Beredsamkeit und feine seltene Bibelfestigkeit.
Eine berühmte Pariser Schneiderfirma hat zur Beaufsichtigung und Unterweisung von 40 bis 50 geschickten Arbeiterinnen ein dreizehnjähriges Mädchen angestellt, das alle Direktricen in ähnlichen Stellungen durch seinen seinen Farbensinn übertreffen soll. Die Kleine hat volle Autorität über die Näherinnen, und es kommt kein Kleider- entwurf in das Geschäft, dessen Farben und genaues Material sie nicht bestimmt.
Amerika scheint mehr Wunderkinder hervorzubringen als die alte Welt. Bis vor kurzem lag das Geschick einer mehr oder weniger einflußreichen Zeitung der Vereinigten Staaten in der Hand eines fünfzehnjährigen jungen Herrn, der seine schweren Pflichten bewundernswert erfüllt zu haben scheint. Er behielt alle irgend wichtigen Daten im Kopf und führte eine ziemlich scharfe Feder. Als er nach elfmonatlicher redaktioneller Thätigkeit im Alter von 15 Jahren starb, verlor die Zeitung einen wahrhaft fähigen Herausgeber. Diese Mitteilung ist allerdings etwas stark amerikanisch.
Es ist merkwürdig, daß fast alle jugendlichen Prediger Amerikas, und es giebt deren viele, Neger sind. Der jüngste ist ein Negerknabe Namens Laurence Dennis und wurde in Georgia geboren. Er soll erst fünf Jahre alt sein, und doch schon eine große Macht über seine Mitbrüder besitzen. Als er in Nerv-Pork kürzlich eine Ansprache an eine Versammlung hielt, begeisterte er feine Zuhörer derart, daß einige Frauen sogar ohnmächtig wurden; es ist aber nicht ausgeschlossen, daß auch die drangvoll fürchterliche Enge und die schlechte Luft Schuld daran trugen. Wer Gelegenheit gehabt hat, mit ihm privatim zu sprechen, konstatiert, daß seine Bibelkenntnis und sein meisterhaftes Verständnis nicht geringer sei als die eines alten Theologen, der sein ganzes Leben religiösen Studien gewidmet hat. —
Der Tiefbrand, ein Rivale des Holzbrandes.
'Seit Bekanntwerden des Platin-Brennapparates hat derselbe eine ungeahnte Verbreitung, insbesondere in der Frauenwelt, gefunden.
Während die Frau außer Stickerei und Häkelarbeiten und sonstigen unter dem Sammelbegriff „Frauenarbeiten" zusammengefaßten Beschäftigungen auch die Zeichenkunst und Malerei auf Leinwand und Porzellan in den Kreis ihrer häuslichen Künste zog, strebte sie immer mehr auch darnach, bett vielen Hundert mehr oder minder nützlichen Gegenständen ihrer Umgebung ein künstlerisches, oder sagen wir wenigstens rin verfeinertes Gepräge zu geben. Indessen erwiesen sich Stift und Hinsel gar häufig als unzulängliche Hilfsmittel, zumal wenn eS sich
darum handelte, den mancherlei beliebten Geschenkgegenständen aus Holz malerischen Schmuck zu verleihen.
Kein Wunder also, daß sich der Holzbrand, kurz nach seinem Bekanntwerden, viele Freunde und Freundinnen erwarb; schien er doch eher halten zu können, was man von der Malerei so gerne verlangt hätte: Dauerhaftigkeit, auch im täglichen Gebrauch!
Es ist nun außerordentlich schwer, mit dem seither benützten Platina- stift, der die Form eines kurzen, etwas dicken runden Nagels hat, Gegenstände, besonders solche, die zum Gebrauch bestimmt sind, dekorativ so zu verzieren, daß sie auch von größerer Entfernung gesehen, einen ruhigen, geschloffenen Gesamteindruck Hervorrufen, da der Stift bei einem dahin zielenden Versuche gleich zu breite, plumpe und ungleichmäßige Striche liefert, die jedoch von geringerer Tiefe sind.
Verwendet man nun aber einen Stift, der die Gestalt eines kleinen Meffers hat, so ist es sehr einleuchtend, daß man mit einem solchen Instrumente leicht schneiden, (tiefe Linien ziehen), Einkerbungen machen tarnt, ohne von der Richtung der Holzfasern so sehr abhängig zu sein, als wenn man ein anderes Schneide-Werkzeug benützte. Auch daß die Arbeitsleistung eine ziemlich große fein muß, ist leicht vorauszuseheu.
Bon diesem Prinzip ausgehend, konstruierte der Maler Adolf Richter in Stuttgart seinen Tiefbrandstift, den er noch in mancher Hinsicht verbesserte, mit einer selbstthätigen Rauchabblasevorrichtung versah, und der an jedem seither im Gebrauch befindlichen Benzin-Holzbrenn- apparat angeschrauht werden kann.
Im Anfang suchte Richter allein durch tiefgebrannte Linien, die eine Tiefe von 3—5 Millimeter hatten und eine Breite von 1 Millimeter bis 3 Millimeter, zu wirken, dann kam das Ausbrennen des Grundes hinzu, der in verschiedener Weise hergestellt, eine ganz verschiedenartige Wirkung hatte. Diese Ausgründungen, die geschuppt oder gestreift nsw., die Zeichnung ganz besonders hervorhoben, verliehen den Arbeiten eine gewisse Aehnlichkeit mit der gotischen Flachschnitzerei, bewahrten aber doch dem Tiefbrand seinen ihm ausgesprochen eigentümlichen Charakter. Um aber diesen Charakter noch mehr zu betonen, kam R. auf die Idee, den Grund vermittelst des Brennstiftes völlig zu durchbrechen; dazu war die Konstruktion eines neuen Stiftes notwendig, den er in 2 Formen Herstellen ließ, — 3 und skantig. Mit diesen Stiften konnte das Holz, wo dasselbe den Grund einer Zeichnung darstellte, mit leichter Mühe und rasch durchbohrt werden, sodaß der ganze Grund netz- oder maschen- artig durchbrochen erscheint, und vor allem durch die 3kantigen Löcher, welche durch die Eigentümlichkeit ihrer Form immer an einander Passen und einander ergänzen, besonders reizvoll gestaltet werden. Hier erzielt der Tiefbrand Wirkungen, welche ihm von keiner anderen Technik streitig gemacht oder nachgeahmt werden können.
Damit ist aber der Tiefbrand noch keineswegs an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit angelangt, im Gegenteil, dies war der Anfang derselben, und auf diese Fähigkeiten baut der Tiefbrand seine vielseitige Verwendbarkeit auf. —
Wenn wir oben darauf hmgewiesen haben, daß der Brennstift als Messer verwendet werden kann, so nimmt es uns nicht mehr wunder, daß sich Ornamente, Blumen, stilisiert und naturalistisch, plastisch — als Hochrelief — durch den Brennstift darstellen lassen. Kommt noch der durchbrochene Grund dazu, so erhält man Prachtvolle Wirkungen. Diese erinnern an die wunderbaren Arbeiten indischer Kunst. Der Brennstift hat nun seine Eigenschaft als „Stift" (Zeichenstift) ganz ver. loren; man hat beim Brennen die Empfindung, als arbeite man, wie der Modelleur mit seinem Modellierholz, in Wachs oder Thon. —
War man bislang nur auf die Oberfläche des Holzes angewiesen, so hat man nun das befreiende Bewußtsein, etwas aus der Tiefe, dem Körper des Holzes, „herauszuarbeiten". Man „brennt" die Grundflächen tief heraus, bis 5 Millimeter und mehr, „unterbrennt" die Blätter und Blumen, um sie „freizulegen" auf dem Grunde, „modelliert" diese „durch", immer wieder mit einer rauhen Bürste die Kohle statt den Schnitzeln, wegschaffend. Etwas Wasser schützt vor dem Entflammen des Holzes und härtet dasselbe unter der Glut des Stiftes. Dabei bekommt die Arbeit einen schönen braunen Ton, deren erhabene Stellen sich wieder heller schleifen lassen um nachher beliebig gebeizt ein fchöues, der Natur des Holzes entsprechendes Kolorit annehmen, wodurch die Wirkung der plastischen Arbeit zu ihrem vollen Wert gebracht wird.
Es wird aber nicht Aufgabe des plastischen Tiefbrandes fein, etwa mit der Holzschnitzerei in Konkurrenz zu treten, ober biefe gar Verbrängen zu wollen. Der Tiefbrand hat seine Eigentümlichkeiten, eine gewisse flotte Ungenauigkeit, sagen wir — Unschärfe —, die Formen sind rundlich, weich, und dem Charakter des Holzes durchaus angepaßt; da die Modellierung der Formen auf einem ganz natürlichen Vorgang beruht — auf dem Wegbrennen des Holzes —, so ist dem Material absolut kein Zwang angethan, und die Arbeit verrät aus den ersten Blick den Stoff, aus dem sie besteht — Holz.
Arbeiten, die in Tiefbrand hergestellt find, verblassen nie, nützen sich auch nie ab, gestatten eine hohe künstlerische Vollendung, und erweisen sich für den Gebrauch äußerst praktisch.
Richter hat ganze Zimmereinrichtungen in dieser Technik hergestellt und den Beweis erbracht, daß man es hier mit keiner Spielerei, sondern mit einer neuen Kunstform zu thun hat, die sich sicherlich eine Zukunft erobern wird, und zu einem sehr beachtenswerten Zweig des modernen Kunsthandwerks sich entwickeln dürfte.
Bielen Leserinnen und Lesern wird es erwünscht und erfteulich fein, sich mit dieser neuen Technik näher bekannt zu machen, zumal sic sich auch ganz besonders für Liebhaberkünstler durch ihre große Ver»


