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Die Kaffeekanne dampfte auf dem Tisch, und Witwe Pilz, trotz des Sommertags in Jacke und Mütze verpackt, wie ein Lappländerweib, rüstete sich zu ihrer Marktfahrt. — „Js jarnichs zu danken", wehrte sie die Worte Nettchens ab, die ihr auf den Hof gefolgt war, um der Abfahrt 6ei« zuwohnen. „Un is auch nix zu helfen, det macht sich die Pilzen schon älleen. Nu man rasch mit Ihnen noch: ne Weile in't Federnest, und denn wird die Hedwig Sie nach Berlin mitnehmen. Die hat en Schnabel für Zwee. Da wär't doch en Wunder, wenn sich für Sie nischt finden sollte".
Der Gaul vor dem Bretterkarren griff aus, das Federvieh rückte mit lautem Gackern durcheinander, und die Vieh-Equipage setzte sich in Bewegung.
Nettchen stand int Hofe und blickte dem altbekannten Gefährte nach.
Ja, Gott hatte es gut mit ihr gemacht.
Freundliche Menschen, freundliche Worte, und eine Ruhestätte für ihr Haupt, und die Hoffnung auf Arbeit und neues Leben!
Sie blickte über die Felder hin, die rings herum int Morgensonnenglanze lagen.
Eilt Berliner Zug flog vorbei, dem Schöneberger Bahnhof zu, und in seinem schrillen Pfiff lag etwas wie fröhliche, ermunternde Aufforderung. —
Als Nettchen wieder das Haus betrat, war Hedwig aufgestanden; Neugier und Mitteilsamkeitsbedürsnis hatten sie schließlich nicht mehr schlafen lassen.
„Kommen Sie von außerhalb?" fragte sie und ohne eine Antwort abzuwarten setzte sie verständnisvoll hinzu: „Dann suchen Sie wohl Arbeit hier?"
Nettchen nickte stumm und setzte sich an den Tisch. Um einen Gefühlsaustausch mit dem fremden Mädchen war's ihr nicht zu thun. Mechanisch blickte sie den häuslichen Verrichtungen zu, die Hedwig nunmehr unternahm, dem Herumstoßen und Schieben der Stühle, Tische sowie dem polternden Zurechtrücken aller Gegenstände. Und während sie dieser kleinen, wichtigen Person zusah, deren possierliches Zwergengesicht bei diesen Beschäftigungen von so heiligem Ernst erfüllt war, mußte sie zum ersten Mal seit Langem lächeln.
„Ich bin bei Renzen, int Zirkus, als Garderobiere", sagte Hedwig, während sie geschäftig einen alten Lehnstuhl iti den Rücken stieß. „Dort sollten Sie auch Ihr Heil versuchen. Arbeitspersonal wird dort immer gebraucht. Und wenn ich Sie befürworte, kann's Ihnen nun und nimmer fehlen".--
Mit der Großbeerenstraße war int Laufe der letzten Jahre eine Wandlung vorgegangen: der Ausläufer dieser Straße, der Kreuzberg war zu einem prachtvollen Schmuck- und Schaustück umgewandelt worden, herrliche saftiggrüne Abhänge warfen ihren sanften Schatten auf die sonnenglühenden Trottoirs, Kaskaden sprudelten über groteske Felsblöcke, und schattige Parkwege zogen sich im Gürtel des reichbebauten Hügels hin. Ruheplätze in friedlichen Grotten, Blumenflor, seltene Bäume und Pflanzen, eine ganze Miniatur-Alpen-Szenerie lockte alltäglich seit „Eröffnung" der Berglandschaft die schaulustigen Berliner in Völkerströmen an diese neugegründete Erholungsstätte, die mit einem Schlage der öden und abgesonderten, südwestlichsten Vorstadt einen heiteren, beinah glänzenden Charakter verlieh.
Im Nu steigerten sich die Mietspreise in den Wohnungen der anliegenden Straßen, der reiche Menschenverkehr brachte neue Verkehrsmittel mit, und auch für die Geschäfte der vernachlässigten Gegend eröffneten sich günstigere Chancen.
— Nur in Prechtler's Drogenhandlang war der Geschäftsgang verhältnismäßig flau und kein besonderer Fortschritt gegen die vorhergehenden Jahre zu bemerken. E. Prechtler, der das Geschäft vor einigen Jahren gegründet hatte, war in Konkurs geraten; von diesem hatte Paul Brinkmann den Laden übernommen, jedoch auf dem Ladenschilde die Firma Prechtler weiter bestehen lassen. Nach dem großen Brande, der das gesamte Lager zerstörte, hatte sich der neue Besitzer vom Geschäft zurückgezogen, und führte nun der bisherige Hausdiener immer noch unter der Firma Prechtler, den Handel fort. Man wußte nicht, — war er der nunmehrige Besitzer, war er Pächter oder nach wie vor Angestellter? Außer den Behörden, die ge
schäftlich mit Ladeninhabern zu thun haben, kümmerte sich niemand weiter darum. Der verschlossene und schweigsame Mann, der hinter der Ladentafel waltete, forderte niemanden zu besonderer Anteilnahme heratts.
Karl, der einstige Knecht war's, der seit dem großen Brandunglück in Vertretung seines Prinzipals das Ladengeschäft leitete. —
Der Keller, in welchem seinerzeit die Flammen so wüst gehaust hatten, war zu einer Wohnung hergerichtet worden, und in der Fallthür, die zu ihr hinnnterführte, erschien mitunter eine blonde, etwas bäurisch ausfehendc Frau, die freundlich nach dem Begehr ihres Mannes fragte. Dann reichte er ihr die Flaschen herab, die Töpfe oder Kruken, die er aus dem „Vorrat" gefüllt haben wollle, und sie verschwand wieder in der Versenkung, um das Gewünschte aus dem Lager herbeizuholen.
Das Lager war auf den kleinen Ratun beschränkt, der früher zum „Laboratorium" gedient hatte; es enthielt nur die allernotwendigsten Bedarfsmittel, denn Karl war ein fast geizig sparsamer Verwalter, und besann sich tagelang, ehe er eine neue Bestellung unternahm. Aus dieser Sparsamkeit erwuchsen natürlich mitunter ziemlich arge Verlegenheiten, aber wenn Anna freundlich mahnte: „Laß neuen Vorrat kommen, Karl", schüttelte er nur hartnäckig den Kopf: „Nein, Anna, erst müssen die alten Posten beglichen fein". —
Mitunter, wenn er die Treppe zum Keller hinunter- stieg, in dem er sich sein Heim geschaffen, und sein Blick auf die Aushöhlungen in den Treppenstufen fiel, die noch von dem Brande herdatierten, überkam ihn die ganze Erinnerung an das Unglück; wie sich Kugeln an eine Kette reihen, trat ihm die ganze Folge von Vorfällen, die dem Ereignis nachgefchritten waren, vor das geistige Auge: Seine Einlieferung in's Krankenhaus, die Verwüstung, die er int Geschäft vorgefunden, wie er nach einem Monat als geheilt entlassen, die Unglücksstätte wieder betrat; der Anblick, welchem ihm der „Wohnraum" bot, — Paul gedanken- abwesend, gebrochen in dem alten Ledersofa sitzend,, wäh^- rend das Kind zu seinen Füßen spielte, und die Großmutter hinter der Ladentafel den Verkauf besorgte. — —
Wie ein Blitz war ihm der Gedanke durch den Sinn gezuckt: Die junge Frau ist tot!!
Da kam das Sümmchen des kleinen Paul aus der Ecke und gab ihm in ahnungslosen, sanften Kinderlauten die schreckliche Gewißheit. — „Karl, Mütterchen ist gestorben ! Abends wenn id), bete, kommt Mütterchen immer und deckt Paulchen im Bette zu".
Schluchzend, zitternd wie ein Kind, hatte Karl dem jungen Manne die Hand geschüttelt. Mer Paul hatte nur kraftlos erwidert: „Schon gut — schon gut, — totr wollen nicht davon sprechen." Und plötzlich, wie ein Quek ausbricht aus vereister Decke, waren verzweifelte Worte über seine Lippen gedrungen: „Nehmt mir diese Last ob, dies Geschäft, das mich foltert und quält. Ich kann nidjt rechnen und feilschen, mein Kopf ist wirr, ich habe meine, Frau begraben, mein Glück — ich will nichts mehr wisse« vom Leben."----
So war Karl wieder in das Geschäft eingetreten, und nahm vom ersten Tage an alle Lasten und Verpflichtungen, bereit Paul so rasch überdrüssig geworden, allein auf seine Schultern. Bald gestaltete sich das Verhältnis so, daß Paul nur täglich einmal erschien, um pflichtgemäß nach dem Rechten zu sehen. Aber immer schwerer wurden Paul diese notgedrungenen Gänge, immer unlieber löste er sich aus der Einsiedelei, die er sich und den ©einigen geschaffen, los, um sich den verhaßten Geschäften zu widmen. Die schlechten Resultate, die Karl ihm trotz aller Vorsicht nicht verhehlen konnte, ließen ihn kalt. Der pekuniäre Niedergang, der ihn immer mehr bedrohte, beunruhigte ihn nicht. Eine traurige Veränderung war mit ihm vorgegangen. — Anteillos ließ er das Leben an sich vorüberziehen.
(Fortsetzung folgt.)
Moderne Wundeckinder.
(Nachdruck verboten.)
Unter der großen Zahl von Streikführern und sozialistischen Agitatoren in Amerika befindet sich ein vierzAn- jähriger Knabe Namens Samuel Gladstone, von dessen Em-


