Ausgabe 
24.4.1900
 
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Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Eine halbe Stunde später wurde die Markthändlerin von ihrer Nichte Hedwig geweckt.

Hedwig war seit einem Jahre verwaist und von ihrer Tante in Kost mid Wohnung ausgenommen: sie war ein mageres halbverwachsenes Mädchen, mit einem energischen Zwergenkops und struppigen Locken.

Tante", flüsterte sie,es muß jemand in den Hof geschlichen sein. Der Pluto winselt wie toll".

Ärei Pfund schwerer", murmelte die Tante, die in festem Schlafe lag und sich in der Zentralmarkthalle glaubte.Kopf und Beine leg ich noch dazu als Gänseklein".

Tante, ich bin hier, die Hedwig", sagte das junge Mädchen unmutig,wach doch auf, s'ist jemand auf'm Hof".

Allein Witwe Pilz erwachte nicht.

Frau Pilz! Ach machen Sie auf! Der Hund wird so wild, er reißt sich am Ende noch los!" tönte eine zitternde weibliche Stimme von draußen. Hedwig warf ihre schwarzen Locken zurück, Erstaunen flog über ihr Gesicht.

Sie ging an die Thür und öffnete.

Nettchen stand vor ihr. Hedwig leuchtete ihr in»

Ach verzeihen Sie", flüsterte Nettchen, indem ,ie sich angstvoll hineindrängte.Ich ich bin eine alte Be- kannte von Frau Pilz, ich habe kein Obdach und

Man ruhig", sagte Hedwig begütigend,ich glaub s Ihnen schon, sowas kommt vor"

Mit stillem Hantieren ruckte sw der Erschöpften einen Stuhl hin, ging an das Bett zurück und rüttelte die Tante nun mit Anstrengung auf.

Frau Pilz erwachte, aber der Vorgang, die Augen aufzumachen und sich emporzurichten, hatte etwas ,o hrls- loses an sich, daß Hedwig noch weiter thatkrüftig eingreisen mußte, um die sonst recht robuste Tante völlig zu ermuntern. . ~ ...

Die Witwe war es noch immer gewohnt, in der Früh um 4 Uhr aufzustehen, und ihr Schlaf war gegen die

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er Arbeit Bürd' ist leicht, und schwer des Dankes Saft; Arbeite, daß du nur dir selbst zu danken hast.

Rückert.

Morgenfrühe hin deshalb ein so schwerer, als wolle sie sich in ihm für die Stunden entschädigen, die sie ihren Nächten stehlen mußte.

Ohne weitere, vorbereitende Worte nannte Nettchen ihren Namen, und erzählte leise ihr Schicksal. Die Frau im Bett, der wie ein hochgesträubter Hahnenkamm die Nachtmütze auf dem Kopfe saß, hörte schlaftrunken zu, und mußte sehr tief in ihr Gedächtnis zurückgreifen, um sich zu dieser müden Stunde des ehemaligen Zöglings zu erinnern. Aber Hedwig, die ab und zu ging, und im Nebenraum an der Erde inzwischen ein Lager zurecht ge­macht hatte, half ihr auf die Gedanken, indem sie dazwischen warf:Das Fräulein, von dem Du mir so oft erzählt hast, Tante. Die mit den dressierten Gänsen. Fräulein Nettchen, Tante, von damals, als Du noch in der Köpe- nickerstraße wohntest".

Endlich dämmerte es der Witwe der Rest der Ver­schlafenheit wich.Ach, die Nettchen aus der Köpe- nickerstraße jajajaja is et woll möglich!" Und nach der Schiffsühr schauend, welche die dritte Morgenstunde zeigte, wurde sie nun pflichtgemäß völlig munter.Na da jebt mer nur meine Röcke herüber und die Strümpfe, Mächens. Also Kettchen Brinkmann, sieh, sieh, sieh. Un wie ist denn nu so jejangen mit die Jänse und die Enten? Aber dat Sie sich mal umsehn kommen nach uns, bet is doch schön von Ihnen".

In dieser geschwätzigen, ruhigen Weise ging es eine Weile fort, während Hedwig sich wieder hinaus in ihr Bett in der Küche begab, und die Witwe die Spiritus­maschine bereit stellte und Kaffee zu mahlen begann. Keene Unterkunft nich jehäbr die Nacht? Tja, ja ja, so jeht's mit die armen Mächens, die nich Vater und nich Mutter haben, und en schlechten Mannsbild in die Hände fallen, und so war't ja auch mit Hedwigen, aber die is ja nu bei mich unterjekrochen". Nettchen sauste es in den Ohren. .Sie hatte geglaubt, eine Welt von Schicksal, Unfaßbares, Unaussprechliches erlebt zu haben, und diese einfachen Leute sprachen von allen diesen Thätsachen wie von etwas ganz Natürlichem, um das es sich nicht lohnte zu klagen. .

Nur nich den Kopf hängen lassen", sagte Witwe Pilz, Sie waren immer so en düchtijes Mächen, det renkt sick allens wieder in im Leben, und Arbeit Hilst über allens fort!"

Nettchen hörte auf die klaren, banalen, und doch so lebenswahren Worte. Sie sah in das gutmütige, von Mühe und rastloser Arbeit gleichsam durchfurchte Gesicht, und Ruhe senkte sich wieder in ihr Gemüt.

Die Sonne ging auf, und in dem kleinen Stübchen, dessen Fenster aufs grüne Ackerland blickten, irrte der erste, schwache Schein über den blankpolierten Eßtisch.