Ausgabe 
24.3.1900
 
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1 titi

Mangel und Jammer gingen neben diesem freien Wanderdaheim her; ihr Leichtsinn hatte ihr wohl bisher über die Berge geholfen, aber der heutige Abend war wie ein Mahnruf für sch geworden; Spott und Hohn in einer Stunde, da sie so sehr des Trostes bedurft hätte. Teil- nahmslosigkeit bei allen diesen, welche kleinlicher Kon­kurrenzneid innerlich einander feindlich machte. Teil­nahmslosigkeit auch bei diesem Mr. Seitre!----

Wo blieben ihre Vorstellungen von den glänzenden, großen Bühnen, dem rauschenden Leben in reichen Städten?

Dörfer, Marktflecken, kleine Ackerbürgerstädte, das waren die Kreise, in die ihre Wanderung sie führte, und die große, bunte und glänzende Welt, von der sie geträumt hatte, lag noch immer, in unsichtbarer Ferne. Und wenn sie dereinst krank sein würde, matt, oder von Mißgeschick in ihrem Beruf betroffen, wie heute, dann würde man sie vielleicht unterwegs liegen und ihrem Schicksal ver­fallen lassen.

Wie weich und mild war die Nacht! In stillem Frieden lag die Landstraße da, eingesäumt von den weißen Steinen, die im Mondesglanz schimmerten. Diese weiße, schimmernde Reihe konnte man weithin verfolgen, bis sie in der Ferne vor einer dunklen ,Gebäudemasse Halt zu machen schien.

Das war der Bahnhof, auf dem die Truppe ange­kommen war. Nettchen hörte den schrillen Pfiff der Züge. Sie sah die Signale wie rote und grüne Blendlichter auf­steigen und wieder sinken. Abgerissene Töne drangen durch die Nacht zu ihr herüber das Läuten der Bahnhofs­glocke, das gelle Kreischen der im Rangieren begriffenen Wagen.--

Ein Gedanke blitzte in ihr aus, er trieb ihr ein glühen­des Rot der Erregung ins Gesicht. Fliehen den Zug besteigen! Nach Berlin zurück, in dieses Meer des be­wegten Lebens, wo es ihr jetzt endlich gelingen mußte, oben auf zu kommen! Sie hatte ihre Probezeit jetzt hinter sich, sie würde Engagement an einem der unzähligen, größeren Spezialitäten-Theater bekommen; ihren Vor­stellungen haftete nun nicht mehr das Dilettantenhafte an, das sie zu Stanioli und seiner Truppe getrieben hätte; sie konnte, das fühlte sie, auch vor einem anspruchsvollen Publikum bestehen.--

Und sie würde Mr. Seitre nicht mehr sehen! Ein heißeres Rot noch flammte auf ihren Wangen, ihre Hände krampften sich. Nicht mehr in diese kalten, verächtlich blickenden Augen sehen, die sie eben so gleichgiltig ge­messen hatten, nicht mehr dieses Herzklopfen empfinden, wenn die Trapezkünstlerin von drüben vertraulich zu ihm sprach, nicht mehr diesen ohnmächtigen Schmerz er­wachter Liebe!!!

Liebe!!! Sie sagte sich das Wort mit Zittern und Beben, mit Haß und Zorn und Verachtung gegen sich selbst erfüllt.Ich kann nicht bleiben, ich kann ihn nicht Wiedersehen!" schluchzte sie vor sich hin.

Sie schloß das Fenster, ging auf und ab, und sie fühlte, wie all die Gründe, die sie sich vorher für ihr Fliehen plausibel gemacht hatte, in nichts zerfielen, und daß es Angst war, unendliche Angst vor dieser plötzlich erwachten, hoffnungslosen Leidenschaft, was sie bei Nacht und Nebel ans Davonlaufen denken ließ.

Nein! Nein!" flüsterte sie erregt.Es wäre eine Schande! und so stolz bin ich noch, daß ich mich nicht mit den Gedanken an einen hänge, der mich nicht will." Trotzig, den Kopf zurückgeworfen, stand sie da.Aber ich kann nicht bleiben!" schoß es ihr plötzlich wieder heiß durchs Herz. Sie ging an ihren Reisekoffer, der schon für den morgigen Aufbruch gepackt stand, und schloß ihn energisch ab.Ob ich will oder nicht!" sagte sie laut, als spräche sie zu einer Anzahl Menschen,ich muß mir einen neuen Hahn besorgen, morgen abend würde ich nur von neuem Spott einernten für jeden Fall muß ich reisen." Und diese gegen sich selbst gebrauchte Ausrede setzte sich sofort in ihr wie etwas unumstößliches fest. Es wollte ihr einfallen, daß sie den noch in keinem Bildungs­gang begriffenen Hahn schlimmstenfalls auf jedem Dorfe unterwegs erhandeln könne. Aber rasch wies sie diesen Gedanken ab:Die Berliner Hähne sind doch ganz etwas besonderes", sagte sie sich eigensinnig;ein gewöhnlicher Dorfhahn hätte nie erlernt, was mein guter alter konnte.

Ich werde wieder zu meiner Federviehhändlerin geyM und mir dort ein Tierchen aussuchen."

Als fielen ihr Bergeslasten von der Seele, so frei ward ihr zu Mute, als sie nunmehr ihren Fluchtplan ins Werk zu setzen begann. Instinktmäßig fühlte sie, daß, wenn sie sich aus dieser Liebesasfaire noch zu rechter Zeit zu retten wußte, sie auch mit der Leichtheit ihrer Natur als­bald diese ersten Schmerzen vergessen würde. Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte sie aus die Warnung, die ihr besseres Ich ihr zurief; sie ahnte, daß sie in einer Gefahr stand, die größer und tiefer war, wie bisher jede andere in ihrem unbeschützt, n Dasein. Daß Mr. Seitre sie mit dem magnetischen Blick seiner kalten grauen Augen würde verderben können, und daß das einzige Heil in der Flucht zu suchen wäre.

Sie öffnete leise die Kammerthür und trat in den Hof hinaus. Den kleinen Reisekorb schleppte sie in beiden Armen.

Alles war dunkel, verschlossen und still.

Aber sie wußte, wohin sie sich zu wenden hatte. Mit dem Korbe am Arm, schlich sie sich am Wirtshause vorbei; durch die niedrigen Fenster sah sie ihre Kollegen und Kolleginnen beim Kartenspiel eifrig um den Tisch ver­sammelt Mr. Seitre war nicht mehr dabei.

Sie schleppte den Korb mit aller Kraft quer über den Hof, den im Hintergründe, schon ganz in Dunkelheit und Stille gelegenen Ställen zu. Durch einen der herz­förmigen Ausschnitte eines großen, schwarzen Thores schimmerte noch Licht. Sie näherte dem Spalt die Lippen:

Ist hier noch jemand wach?"

Sofort ertönte von innen das leise Klirren einer Halfterkette.

Zugleich hörte Nettchen die Stimme des Knechtes, die beruhigendhola! nur hola!" ries. Darauf kam das Schlürfen der ausgetretenen Lederpantinen auf die Thür zu, und der Knecht, der die Angewohnheit hatte, auf der Futterkrste beim Putzen des Riemenzeugs einzuschlafen, an­statt zur rechten Zeit sein Lager auszusuchen, erschien schlaf- trunlen im Rahmen der Thür.

Ich muß Sie aufstören", sagte Nettchen, indem sie eilig durch den geöffneten Spalt in den Stall eintrat. Und ich wollte Sie um einen großen Gefallen bitten, lieber wie heißen Sie doch?"

Karl", sagte der Knecht mit scheuer Stimme.

Also Karl!" nahm Nettchen in fliegender Hast ihre Rede wieder auf.Sehen Sie, Karl, ich bin gezwungen, heute Nacht noch von hier abzureisen, mit dem Zuge, der in anderthalb Stunden über Halle nach Berlin abgeht. Wer weil man mich nicht sogleich fortlassen würde ich habe Kontrakt mit dem Herrn Direktor muß ich mich heimlich entfernen. Wollen Sie mir nun behilflich sein, daß ich meine Sachen nach der Bahn bekomme?"

Der Knecht stand da, in blöder Haltung, das Licht der Laterne, die er trug, schwelte zu seinen roten Fingern auf.Das werde ich wohl nicht dürfen!" sagte er, indem er auf die Wand starrte.Es könnte mich meine Stelle kosten".

Ich gebe Ihnen zwei Thaler!" rief Nettchen, die vor Ungeduld zitterte.Mein Gott, Sie helfen ja doch bei keiner Missethat! Es ist doch nur das gute Recht jedes Menschen, daß er davon geht, wenn es ihm dort, wo ihn das Schicksal gerade hingetrieben, zu eng und zu angst­voll wird."

Etwas von der Herzensangst, die sie antrieb, war in ihre Worte getreten, hatte den Ausdruck derselben ge­steigert.

Der Knecht stand noch immer in derselben Haltung da. Ein blödes, traumhaftes Lächeln ging über seine Züge.

Ja!" sagte er,fort, wo's einem nicht mehr wohl ist. Wenn man das könnte!"

Und warum nicht?" rief Nettchen lebhaft aus.

Man soll nicht thun, was einen quält! Man muß nur den Mut zu allem haben, dann wird's schon gehn".

Dann wird's schon gehn", wiederholte mechanisch der Knecht, indem er nach der Halfterkette des immer noch unruhigen Pferdes griff, und langsam den Kopf des Tieres zu sich heran zog. Es lag etwas sanftes in dieser Be-