Ausgabe 
24.2.1900
 
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Kaiser. Der.Wahlkampf hatte diesmal auf das heftigste getobt, als Bewerber war nicht allein Karl als der Enkel des letzten Kaisers, sondern auch Franz I., der König von Frankreich, und der Kurfürst Joachim I. von Brandenburg aufgetreten. Der Brandenburger hatte keine Aussichten, auch Franz I. nicht, der als Franzose weiten Kreisen ver­haßt war; die Kurfürsten dachten an Friedrich den Weisen von Sachsen. Dieser lehnte jedoch ab, weil er der Meinung war, daß die schwierigen Verhältnisse, in denen Deutsch­land sich damals befand, einen Fürsten erheischten, der über eine größere Macht verüfge als er. Auf seinen Vorschlag wählte man den jungen Karl, der als Habsburger eine starke Hausmacht besaß, doch gebrauchte man, um dem herrMsüchtigen Gewalthaber das Reich nicht blindlings in die Hände zu liefern, die Vorsicht, ihn eine Wahl­kapitulation unterschreiben zu lassen, durch welche er sich an folgende Bedingungen gebunden sah: Besetzung aller Reichsämter durch Deutsche, Gebrauch der deutschen oder -ausnahmsweise lateinischen Sprache bei allen Verhand­lungen, Reichsversammlungen nur auf deutschem Boden, Zuziehung der Kurfürsten zu jedem Reichsakt, Fernhaltung fremden Kriegsvolkes aus dem Reiche u. s. w. Der neue Kaiser, der am 22. Oktober 1520 zu Aachen die Krone empfing, hat sich aber später durchaus nicht streng an die eingegangenen Verpflichtungen gehalten.

Mit Jubel begrüßten die deutschen Ritter und Städte den neuen Herrscher, man setzte große Hoffnungen auf ihn; er sollte den austzebrochenen Glaubensstreit schlichten, dem Reiche Schutz gegen den immer weiter vordringenden Halb­mond gewähren und das zerfahrene Land durch- eine starke mnd zielbewußte Regierung wieder aufrichten. Nur zu bald zeigte es sich, daß man sich schwer getäuscht hatte. Hatte doch Maximilian ihm und seinem Bruder Ferdinand nicht weniger als die Kronen von fünfzehn Ländern hinterlassen, wozu er noch Italien und sein Bruder 1527 Ungarn und Böhmen erwarb; außerdem gehörten dem Hause Habsburg -alle die ungeheuren Länder, welche seit 1492 in dem neu -entdeckten Amerika von den Spaniern erobert wurden. Wohl selten hat die Erde also einen mächtigeren Herrscher gesehen. Es war in der That ein Weltreich, größer als das Alexanders und Augustus, über das er regierte, aber er selbst war weder ein Alexander noch ein Octavianus. Auch offenbarte sich an ihm die alte Wahrheit, daß solche bunt zusammengewürfelte sogenannte Weltreiche nur mit Mühe zusammengehalten werden können, ihre Herrscher brauchen ihre ganze Zeit, um sie nur zu behaupten, an ein wirkliches Regieren und um die Regelung innerer Ver­hältnisse Bekümmern ist gar nicht zu denken, selbst wenn ein Interesse für die einzelnen Völker vorhanden wäre, was aber naturgemäß nicht der Fall sein kann.

Höchstens lagen dem jungen Kaiser die Niederlande etwas näher; waren sie doch seine Heimat. Spanien und Deutschland waren ihm völlig gleichgiltig, er verstand nicht einmal die Sprachen dieser Länder und mußte sie erst er­lernen, im Deutschen hat er es nie zu irgendwelcher Ge­läufigkeit gebracht. Vlämisch und Französisch sprach er am liebsten. Hervorragende Kenntnisse besaß er ebenfalls nicht, und auch durch seine Persönlichkeit vermochte er nie­mand zu imponieren. Unter mittelgroß, bleich und hager, mit rötlich-blondem, dünnem Haar, vorstehendem Kinn, fpärlichem Bart, scharfen stechenden Augen, machte er keinen besonderen Gndruck auf seine Umgebung. Teil- nahmlos, von schlaffer Haltung, war er doch außerordent­lich reizbar und zornig. Doch meldet die Geschichte auch manchen ritterlich-edlen Zug von ihm; so berichtet man von ihm, als er etwa ein Jahr nach Luthers Tode sinnend an der einfachen Gruft des großen Reformators stand und einer seiner Begleiter ihn aufforderte, doch die Gebeine dieses gefährlichen Ketzers ausgraben und verbrennen zu lassen, die schöne Erwiderung:Lasset ihn liegen, er har grien Richter gefunden; ich führe keinen Krieg mit den ten, sondern mit den Lebendigen". Dadurch, daß er dem Reformator in Worms das freie Geleit hielt, hat er sich auch ein Ehrendenkmal gesetzt, freilich darf nicht ver­gessen werden, daß er in seinen letzten Lebensjahren wieder­holt bereut hat, dem Ketzer damals das Wort nicht gebrochen zu haben.

Die Hoffnung der Humanisten und Anhänger Luthers Luf friedliche Schlichtung des Glaubensstreites konnte ein

Mann von so streng katholischer Denkart nicht erfüllen. Für ihn gab es keine andere Schlichtung, als die blinde Unterwerfung der Abtrünnigen. Er sah sich zu um so schärferem Vorgehen genötigt, als er der Unterstützung des Papstes für seine italienischen Absichten bedurfte. Stürzte ihn somit seine einseitige Stellungnahme in den Kirchenfragen von Anfang an in eine unabsehbare Reihe von inneren Kämpfen und Verwirrungen, so sorgte außer­dem seine Wahl an sich schon für genügende auswärtige Verwicklungen. Franz I. von Frankreich, der im Wahl­kampf unterlegene, war schon aus diesem Gründe sein natürlicher Feind, er fühlte sich gedrungen, dem zu starken Anwachsen der Macht Habsburgs entgegenzutreten. Wei­tere Difserenzpunkte zwischen den beiden Herrschern bil­deten Italien und Burgund; auf beide glaubte Karl An­sprüche zu haben, vor allem auf Burgund, das die Erb­schaft seiner Großmutter Maria von Burgund bildete, und das Frankreich bereits 1477 nach Karls des Kühnen Tod besetzt hatte. Hierzu kamen noch einige andere Kriegszüge, so daß das Resultat von alledem war, daß Karls V. ganze Regierungszeit eine ununterbrochene Reihe von Kämpfen war; der Kaiser kam niemals zur Ruhe, bald befand er sich in Italien, bald in Deutschland, bald in Spanien, bald in den Niederlanden; selten hat, wie schon eingangs gesagt, ein Fürst ein so bewegtes, unstetes Leben geführt.

Der Krieg mit Frankreich begann unmittelbar nach dem Regierungsantritt des Kaisers. Die Herrschaft über Italien bildete das Kampfobjekt. Im Bunde mit Hein­rich VIII. von England und Papst Leo X. gelang es dem Kaiser, die Franzosen zu besiegen, und schließlich (in der Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525) den König von Frankreich gefangen zu nehmen. Um seine Freiheit wieder zu erlangen, mußte Franz in dem Frieden von Madrid (14. Januar 1526) alle Ansprüche auf Mailand, Neapel, Genua und Burgund aufgeben, und die Verpflichtung zur Vermählung mit der Schwester des Kaisers, Eleonora von Portugal, eingehen. Kaum wieder in Freiheit, ließ sich der wortbrüchige Monarch indes vom Papste seines Eides entbinden, sodaß dem ersten Kriege (152126) sofort ein zweiter (1526-29) folgte. Von neuem unterlegen, überließ Franz dem Kaiser Italien, und heiratete die ihm auf- gedrungene Braut, blieb aber gegen Zahlung von zwei Millionen Thalern im Besitz von Burgund. Noch zwei weitere Kriege, und zwar im Bunde mit den Türken, führte der König von Frankreich gegen den Kaiser (153638 und 154244), in beiden blieb er im Nachteil, der Versuch zur Wiederherstellung der französischen Macht in Italien scheiterte, obwohl ihm Franz 30 Jahre seines Lebens und viele Millionen geopfert hatte.

Andere Feldzüge fielen dazwischen; 1535 unternahm er einen Zug gegen das seeräuberische Algier, eroberte Tunis und befreite 22 000 Christensklaven. 1540 unter­drückte er einen Aufstand in den Niederlanden, 1541 zog er zum zweiten Male nach Algier, doch nötigte ihn ein furchtbares Unwetter, das ihm einen großen Teil seiner Flotte kostete, zum Abzug.

Sofort nach der Uebernahme der deutschen Kaiser­würde beagnnen seine feindseligen Schritte gegen die Re­formation und ihre Anhänger. Er hatte in den Nieder­landen die Schriften des Mönchs von Wittenberg ver­brennen lassen, 1521 ließ er ihn vor den Reichstag zu Worms laden, und erklärte ihn durch das Wormser Edikt vom 8. Mai 1521 in die Reichsacht. Bekannt ist, wie Kur­fürst Friedrich Luther auf der Wartburg gegen die etwaigen Folgen dieses Edikts schützte und wie sich, allen Versuchen Karls zum Trotz, die Reformation siegreich entwickelte; mehrere Reichstage brachten keine Entscheidung der Kirchenfrage, zuletzt entschloß sich der Kaiser, durch seine auswärtigen Kriege bisher abgehalten, die imSchmal- kaldischen Bund" vereinigten protestantischen Fürsten mit Waffengewalt zur Unterwerfung zu nötigen, er erklärte sie in die Acht und besiegte den mächtigsten der Verbün­deten, den Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, in der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547. Sowohl der Kurfürst, als der Landgraf Philipp von Hessen fielen in seine Gewalt, wurden aber durch den früheren Verbün­deten des Kaisers, Moritz von Sachsen, dem Karl zum Dank an Stelle Johann Friedrichs die Kurwürde verliehen hatte, befreit. Der energische und schlaue Moritz kehrte nämlich.