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Die Mutter läßt die Rute sinken und ist ganz blaß. So erschreckt haben sie Nettchens Worte. Die Großmutter tritt rasch hinzu und nimmt die Rute fort. „Schlagt sie nicht," sagt sie, „es ist ja wahr, sie ist ein Waisenkind. Sie sollen uns nicht nachsagen, daß wir sie schlecht behandelt hätten."
So trägt Nettchen von vornherein den moralischen Sieg aus dieser Angelegenheit davon. Seit diesem Tage wagt keine der Frauen ihr noch einmal mit Züchtigung zu drohen. Ja, selbst zu dem kleinen Paul, der abends in seinem Bette über einige von Nettchen erhaltene Stöße sich weinend beklagt, sagt die Mutter, ganz unter dem Einfluß der gegen sie gerichteten Anklage:
„Schlag' sie nicht wieder, wenn sie dich schlägt. Sie ist ein Waisenkind." Dem Paul will zwar nicht einleuchten, was daran so Bedauernswertes sein soll; er, so schwächlich und klein, mit seinem kurzen Fuße kommt sich viel waisenkindmäßiger vor als das starke, kräftige Nettchen. Aber er nimmt die Worte der Mutter auf Treu und Glauben hin und gießt sich zufrieden.
Nach und nach gewöhnt er sich an die wilde Schwester, und bald ist sie ihm, so sehr sie ihn auch tyrannisiert, unentbehrlich. Die Frauen sehen das, sie atmen aus. Im Innern ist ihnen das allzukecke Ding, das den Paul so ganz in die Gewalt bekommt, fast zuwider, aber da sie den Jungen heiter und glücklich sehen, fügen sie sich.
Paul nimmt täglich seinen Weg ins Real-Gymnasium, Nettchen besucht die Gemeindeschule. „Wir sind einfache Leute", sagt die Mutter, „wir können kein Fräulein aus Dir machen." Aber Nettchen hat für die Rangunterscheidung, die zwischen Paul und ihr sich eröffnet, sofort die Pfeile der Vergeltung zur Hand. Sie muß mitunter der Pflegemutter, die keinen dienstbaren Geist besitzt, in der Küche helfen, abtrocknen, Teller spülen und dergleichen. An diese häuslichen Pflichten, zu denen sie herangezogen wird, knüpft sie ihre Vergeltungstaktik.
„Großmutter", sagt sie bei Tisch, als zum! Geburtstag der Mutter ein par Bekannte da sind, dürftige Beamtensrauen, die für ihr Leben gern dahinter kämen, ob der Luxus eines Pflegekindes nicht irgend welchen gewinnsüchtigen Absichten entspringe. „Großmutter, was bin ich bei Euch im Hause?"
Die Großmutter, die sich schon aus Angst vor Nett- cheUs Ueberfüllen einen Platz ganz außer ihrer Nähe gewählt hat, wird rot und blaß in Erwartung der kommenden Bosheit. Ach laß mich zufrieden", wehrt sie ab, „was sollst Du bei uns wohl sein?"
„Was bin ich bei Euch im Hause?" fragt Nettchen zum zweiten Male mit unerschütterlicher Ruhe.
„Was will das Kind?" sagen die Bekannten, die jetzt die Gelegenheit erspäht zu haben glauben, wo ihre Ahnungen sich bewahrheiten, daß dem Kinde irgend welche Ungerechtigkeit widerfahren wird, — „immer sprich mal, Kleine." —
„Kök'sche (Köchin) bin ich bei Euch im Hause!" ruft Nettchen triumphierend. „Die ganze Schule sagt, daß ich bei Euch im Hause Kök'sche bin. Aber ich thu' es gern. Ich kriege ja mein Essen und Trinken dafür."
„Gott, was 'ne Mariell!" flüsterte die Großmutter, ganz verstört. „Was müssen die Menschen wohl von uns denken."
Die Bekannten thun zwar, als hätten sie Nettchens Worte nicht ganz verstanden, oder ihnen nicht genügend Beachtung geschenkt; aber als sie sich verabschieden, drücken sie der Hausfrau rasch und scheinbar erregt die Hand. „Sie ist ein Waisenkind",flüstern sie. „Seien Sie nicht zu hart zu ihr." Und nach diesen Worten, gegen die sich die Sprachlose in ihrer Betroffenheit garnicht zu verteidigen weiß, gehen sie davon, ganz erfüllt von dem Gedanken an das unterdrückte Waisenkind. — — — —
Nettchen und Paul werden größer, und so oft die erstere auch noch eine Tracht Prügel verdient, dank ihrem Talente das Los eines Waisenkindes von vornherein dramatisch zu schildern, entgeht sie jeder häuslichen Exekution. Sie hat eine Art übernatürliches Gewissen in den seelen ihrer Pflegerinnen aufgeweckt, gegen das sich diese erfolglos wehren.
Bald entwickelt sich in Nettchen eine starke Neigung, nur Knaben ihres Umgangs zu würdigen, während sie
gegen Mädchen völlige Gleichgültigkeit an den Tag legt. In der That sind bald alle Jungen der Straße hinter ihr her, und bei deren wilden Spielen nimmt sie die Rolle einer Rädelsführerin ein.
Eines Tages hat Paul sehr vornehmen Besuch. Die Söhne des Majors, der int Vorderhause wohnt, sprechen bei ihm vor, im Grunde kommen sie jedoch Nettchens halber.
Sie schleppen ihren kleinen Bruder im Gefolge mit sich, der bereits ein starkes Bewußtsein seines militärischen Herkommens besitzt, und auf die Frage von Pauls Mutter, was er einmal werden wolle, vernehmlich antwortet: v
„Pottepeefähnris."
Inzwischen aber futtert er die ihm angebotenen gebratenen Aepfel, und auch seine Herren Brüder sind in diesem Punkt nicht unzugänglich.
Nettchen ist wie vom Schnürchen los. Die Gymnasiasten, das weiß sie, sind nur ihrethalben gekommen, und es schmeichelt ihr ungeheuer, an Stelle der Straßenjungens diese kleinen, pomadisierten Herren zu Verehrern zu haben.
Je abweisender Paul gegen die Fremden wird, desto ausgelassener wird sie selbst. Endlich geschieht das, was dem Paul ein Verrat an seinem ganzen Dasein denkt, die Jungens halten Nettchen fest un.d rauben ihr Küsse. In seiner atemlosen Angst läuft Paul zur Mutter und holt sie herbei. Die Angelegenheit endet für Nettchen mit den Ohrfeigen, die ihr im Buche des Schicksals von Anbeginn an bestimmt waren und sich nur durch die besondere Gunst der Umstände Jahre lang verzögert hatten. Die Majorssöhne machen sich kleinlaut davon, und folgen er- > rötend dem Portepeefähnrich, der bereits den Rückzug angetreten hat.
Fortsetzung folgt.
Kaiser Karl V.
Zur 400. Wiederkehr seines Geburtstags (24. Februar).
Von Dr. Walter Göring.
Nachdruck verboten.
Es ist eine der unglücklichsten und doch zugleich großartigsten Perioden deutscher Geschichte welche sich im Rahmen dieses Kaiserlebens abspielt. Das Deutsche Reich, zerrissen und gespalten, der Schauplatz von Aufständen und blutigen Kriegen, herabgesunken zu einer Art Provinz des habsburgischen Weltreichs — auf diesem traurigen Boden aber, machtvoll erstehend und sich entwickelnd, die gigantische Erscheinung der Reformation, von Luthers gewaltiger Persönlichkeit entflammt und getragen. Karl V. war der persönliche erbitterte Feind dieser Reformation, ilfrer Niederwerfung widmete er einen großen Teil seines unsteten, in ununterbrochenen Kämpfen dahinfließenden Lebens, ihr Sieg traf ihn in's Herz; denn nicht die römische Kirche allein war geschlagen, sondern er selber, der römisch- deutsche Kaiser.
Es gab wohl selten einen Monarchen mit so hochfliegenden Plänen und so geringen Talenten zu ihrer Ausführung. Obwohl unselbständig in allem feinen Thun, strebte er nach unablässiger Vergrößerung und Befestigung feiner Weltmacht. Er kannte nur zweierlei Interessen: die seines Hauses und die seiner Kirche. Enkel Kaiser Maximilian I. und Erbe eines ungeheuren Reichs, wurde er am 24. Februar 1500 zu Gent als Sohn Philrpps von Oesterreich, des einzigen Sohnes Maximilians, und Johannas der Wahnsinnigen, der Tochter Ferdinands II. von Spanien, geboren. Seine Erziehung empfing er in den Niederlanden, als Niederländer hat er sich immer gefühlt. > Sein Hofmeister war Wilhelm von Croy, der auch nach erlangter Mündigkeit Karls einen fast unbegrenzten Einfluß auf ihn ausübte.
Kaum 16 Jahre alt, übernahm er nach dem Tode seines Großvaters Ferdinand II. selbständig die Regierung Spaniens an Stelle seiner wahnsinnigen Mutter/ macht/ sich aber in kurzem seine neuen Untertanen, die ihn überhaupt als Fremdling betrachteten, durch ungerechte Begünstigung seiner niederländischen Untertanen derart zu Feinden, daß gegen ihn ein Aufstand (1520—22) ausbrach, den er blutig unterdrückte. Unterdessen wählten ihn (am 28. Juni 1519) die deutschen Kurfürsten einstimmig zum


