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„Ein kleines Geschenk habe ich nur für Dich-, Gertrud, aber nimm es hin: es hat eine Geschichte!"
Sie sah mich! in holder Frage an.
Ich nahm das welke TanneNreis aus meinem Taschenbuch.
„Kennst Du das?"
Sie hob das Gesicht und bot mir die Lippen.
„Ja, Hanuchen!" lachte der Förster, „mit der da ist heute nichts mehr aufzustellen; da wirst Du den Grog Wohl selbst machen müssen!"
Gertrud machte sich los.
„Nein, ich> Will immer meine Pflicht thun!" sagte sie in schönem Ernst; „aber erst singen wir das alte Lutherlied auf die Weihnachten, wie wir's daheim gethan."
Sie trat ans Klavier und schlug in vollen Tönen an.
Ich deckte die Hand über die Augen. „Gott sei Dank!"
„Der guten Mär' bring id). so viel, Davon ich singen und sagen will!" klang es jubelnd in den verschneiten Wald hinaus im Chor.
Da lachte es draußen gellend auf. —
Nein; es kam nicht aus dem Gewölbe des Ratskellers. Eine Eule, war's im Wald. Ich legte mein Gesicht auf Gertruds Schulter.
Ich war frei. Für immer. Gertrud glaubte an mich.
Weihnachten bei Fritz Reuter.
Von Karl Theodor Gaedertz (Berlin). *)
Nachdruck gestattet.
Johannis 1863 war der Dichter der „Ollen Kamellen" nach Eisenach übergesiedelt und fand ein trauliches „Hüsung" in einem am Fuße der Wartburg belegenen schmucken Schweizerhause, das mit seinen vorspringenden Giebeln, Erkern und Altanen gar anheimelnd aussah. Hier fühlten sich Fritz und Luise Reuter sehr wohl und behaglich. Ein günstiger Sommer und Herbst lockten sie viel yrnaus in die herrliche Natur, in den Wald und auf die Bergeshöhen.
Weihnacht kam herbei. Dies schönste Fest-zum ersten Mal in der Fremde, ohne „Julklappen", ohne „Dannen- bom" und ohne plattdeutsche Freunde zu feiern, schien dem Reuter'schen Ehepaar doch zu schmerzlich!.
„Wie, wenn wir uns zwei echte Niedersachsen verschrieben, Wiesing? — Ja, guck mich! nur erstaunt an! Litzen da nicht im nahen Koburg und Gotha die beiden „Lürwigs"?" rief Reuter lachend.
„Ach Gott, die armen alten Junggesellen!" sprach Frau Luise mitleidsvoll.
„Jawoll, die mein' ich, mein Wiesing, die laden wir uns zum Heilchrist ein: den ollen braven Ex-Rektor Ludwig Reinhard aus Boitzenburg und den wackern Lud- wig Walesrode aus Altona, der auch 'mal auf Festung Graudenz gesessen hat, wie Dein Fritz., Das sind ein paar Frohnaturen, trotz aller Schicksalsschläge frisch und fidel geblieben, die zaubern uns in Persona die liebe Heimat hierher, am häuslichen Herd Mecklenburg m Thüringen". ' r ,
Gesagt, gethan. Bald lagen zwer Zusagen auf dem Pult des Herrn Doktor, und Frau Doktorin nnrtfchaftete umher in Küche und Keller, und Lisette, das neue „französische" Faktotum, ein Thüringer Bauernmädchen, ehemals Kammerdienerin der Herzogin Helene von Orleans, ging der Herrin eifrig zur Hand, denn „es fern dos Stranges, za mö sät bokuh plösir!" Fritz themer selbst aber schrieb an Julius Wiggers nach Rostock: ,,^ch grüße Dich freundlich und wünsche, daß Du das Wechnachtssest froh 'hingebracht haben wirst, trotz Einführung der ritter- fchaftlichen Prügel. Für mich ein unschätzbarer Vertrag zu meiner Urgeschichte. Ich werde das Fest gewiß sehr froh genießen, da Lurwig Reinhard und Lurwrg Walesrode meine Gäste sein werden. Meine Frau hat schon allerlei kleine, schlechte Witze zu Julklappen für dre Verden
*) Aus dem eben erschienenen Schlnßband des Buches: „Ans Fritz Renter's jungen nnd alten Tagen" (Verlag der Hinstorfs schen Hofbuch-
ausgedacht, und morgen fange ich damit an. Reinhard kriegt von mir den neuen Hinftorff'schen Landeskalender für Mecklenburg; ich hoffe, er wird sich kindlich dazu freuen".
Damit sein guter, origineller Reinhard aber auch ja und ja nicht ausbleibe, richtete Reuter Noch rasch am 22. Dezember das folgende herzvergnügte Billet an den alten Knaben:
Lurwig!
Sös Spickgäus', drei Mettwüst un drei Ossen- tungen, vier Bratwüst, fiwuntintig Pund Hambörger Rokfleisch un 'denn noch all dat Anner; denn noch so beten Kanken, dat Du dormit äwer den Bolzer**) Meßhof en drögen Stig leggen kannst; einen groten Pumpernickel, 'ne Kist Wit Grabow'scheu Win un mit Mulderjahn, un so velen Brannwin, dat en Hund dorin swemmen kann — ist Di dat viellicht nich gaud genaug? — Kümmst Du den Dunnersdag mit den irsten Tog nich, — denn — denn kümmst Du mit den tweiten; äwer kümmst Du mit den tweiten nich, denn möt ick Di schieremang för Rothschildten sine Fru Gemahlin erklären, de sick vör sinen nigen Pahleh Up den Ballon fet'te, un tau de hei dünn säd: „'Blümche, Du verdirbst mir die ganze Fassade !" — Lurwig, Du weilst, mit Kleinigkeiten kann mem Kinner en grot Vergnäugen malen, un ick betracht Di noch ümmer as Lewerenzen sin Kind, wat grad' so as Du en beten lang geraden was; Du sallst för ditmal min Kindjes un Semmel- popp sin, de mi tau Wihnacht schenkt ward. — Hinstörp, „der Menschenfreund", befahlt allens; „mein Liebchen, was willst Du noch mehr?" — Also up jeden Fall den Dunnersdag? Walesrode kümmt des Nahmiddags Klock drei. Lurwig, ich grüße Dich! meine Frau grüßt Dich, und meine Lisette (französische Erzieherin bei uns, die diesen Brief zur Post bringt) empfiehlt sich Dir bestens. , _ ,
Rechte Feststimmung herrschte am Heiligabend. „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit'^ spielte und saug zu Beginn Luise,. und ihr immer noch voller Mezzosopran drang weich und weihevoll ihrem Fritz zu Herzen. Die beiden lustigen alten Brüder hörten still bewegt zn, nnd im Hintergründe flüsterte Lisette, mit der bunten Schürze sich die Thränen trocknend: „Ah, musicke dö uoel! jö swi aneor ön enfant!" Dann huschte die Hausfrau zur Flügelthüre, fie öffnend, — im Kerzenlicht erstrahlte der Mecklenburgische Tannenbaum, und nun gab's eine gegenseitige Bescherung unter, den guten Menschen, daß man nicht wußte, ob Geben seliger oder- Nehmen. Nur Lisette neigte entschieden und zufrieden der letzten Ansicht zu. — Abends beim Karpfenschmaus ließ Reuter zuerst denjenigen leben, bei welchem er gar manche Weihnachten gefeiert, seinen ‘ treuen Fritz Peters auf Siedenbollentin, wie er's ihm schon angekündigt hatte, damit ihm die Ohren klingen möchten: „Das erste Glas„ welches ich zu Weihnacht im Freundeskreise ausbringe, soll auf einen lieben Freund und Gutsbesitzer fein, der fein Pomuchelskopp ist!" Darauf wandte er sich in launigen Knittelreimen zu den beiden „Ludwigs" und wünschte, sie möchten sich ehrlich in ein Päckchen teilen.
Auf Frau Luiseu's Wink hatte inzwischen Lisette ein Paket hingestellt: und während jetzt hell die Glaser klangen, konnte die brave Person sich nicht enthalten, den Herren verständnisinnig zuzuraunen: „Musjös, drinnen sein Rauchfleisch de Hambourg, Salat (Cervelat)- Wurst dö Gotha et likörs, möh fui!"
Mit lustigem Lachen wurde diese verlockende Mitteilung begrüßt. Ja, es war ein schöner Heilchrist. Reuter meldete denn auch an seinen alten Pastor Boll in Neubrandenburg: „Wir haben hier mit Ludwig Reinhard- und Ludwig Walesrode ein heiteres Weihuachtsiest verlebt". Das erste sern von der Heimat, für Fritzing und Luising, aber doch aus heimatliche Art und Werse gefeiert, im Herzen froh, mit zwei lieben alten Freunden, echt deutsche Weihnachten.
**) Bolz, Gut in Mecklenburg-Schwerin.
Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Mastvsthausftevung.
Handlung in Wismar».
Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und B-rlag der Brühl',ch-n UmverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in «ießeu.


