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Karaffe und Glas zu Boden. Mein Taschenbuch lag im Wasser auf den Dielen. Es hatte da auf dem Tisch ae- legen Ausgespreizt lag es da, den Einband nach oben. Ich bückte mrch es zu greifen. Da fiel mir ein Seiden- paprer herab und ins Wasser. Ein dürres Tannenreis zeichnete sich ab auf dem durchweichten Papier. Ich nahm es auf und küßte es. Mit einem Male war's stille und klar in mir geworden. „Das thust du!" sagte ich laut.
Ich nahm den Brief Lenorens und warf ihn in Den Ofen: „Ich will Frieden haben! Laß fahren dahin!"
Ich war auf der Flucht. Vorbei flogen die Felder und Walder und Dörfer. Vorwärts — nur vorwärts — der unleidliche Aufenthalt! Hier auf der Kreuzstation zehn Minuten. Ich saß und schaute in die Zeitung. Da legte sich eine Hand aus meine Schulter. Ich blickte auf. Lenore stand neben mir. Schlank, bleich seltsam, mrt großen, dunklen, flackernden Augen: „Hast Du meinen Brief bekommen?"
Ich sah ihr ins Gesicht: „Ja!"
„Und Du bist hier?"
„Ja!"
„Ist das Deine ganze Antwort?"
„Ja!"
Aus ihren Augen schoß ein Strahl:
„Hast Du vergessen?"
„Ja!"
„Einsteigen nach Gernrode — Halberstadt — Qued- lrnburg! Erster Bahnsteig links!" gellte Klingel und Stimme des Pförtners durch den Saal.
Ich stand auf.
„Arnold!" schrie sie leise auf, und ihre kleine Hand faßte meinen Arm.
„Leb' wohl, Lenore!" Ich reichte ihr die Hand hin.
Sie ließ meinen Arm los. Ihr Gesicht war schneeweiß geworden bis in die Lippen.
„Leben Sie wohl, Herr Doktor!" kam es zwischen ihren blinkenden Zähnen hervor. Sie wandte sich um, griff ruhig nach ihrer Tasche und ging langsam dem Ausgang zu.
Ich war ganz ruhig. Nur etwas wie ein leises Frieren ging durch meine Glieder. Und dann, wie der Zug sich in Bewegung setzte, den Bergen zu, kam mir eine Reminiscenz: „Der Strick ist zerrissen, und wir sind frei!" So stand's in den Psalmen. Und nach dem Text ging die Musik der Räder.
„Darf ich rauchen?" fragte mein Gegenüber höflich „Gewiß, hier ist ja Rauchcoupee!"
, „Sie sehen so blaß aus! Ich glaubte, es wäre Ihnen nicht wohl!"
„O, sehr! Rauchen Sie nur!" Ich holte tief Atem.
Da lag der Eisenhammer. Der Tag war im Sinken. Leise begannen die weißen Flocken wieder zu fallen. Es war so feierlich und schön und festlich. Der Amselwirt empfing mich mit offenen Armen: „Das ist recht, Herr Doktor! Schauen's, da steht der Baum, den die Herren vom Werk anzünden. Werden sich freuen, daß Sie mitmachen !"
„Schön, schön, Herr Wirt! Erst noch einen Marsch .durch den Wald! Hier, mein Köfferchen! Adieu!"
Kirchenstill der Wald. Die Tannen schwer verschneit. Gelb das Laub der welken Hagebuchen. Der Schnee tief auf dem Wege. Eine Krähe, die schreiend über den Wald .hinflog zum Horst. Ich nahm den Mantel ab. Mir war warm. Der niederrieselnde Schnee kühlte mir das Gesicht. Vorwärts — nur vorwärts!
Es wurde dunkel. Dichter fielen die Flocken. Der Wald lag da in stiller jungfräulicher Herrlichkeit; verschleiert in Nacht. Nun fernes Hundegebell. Ich stand still. Mein Herz klopfte, daß ich es hörte in der großen Einsamkeit. Ich faltete die Hände um den Stock. „Friede auf Erden!" betete ich
Ich ging weiter. Da leuchtete vor mir ein gelbes Licht auf. Das war die Försterei. Die Hunde bellten lauter. Jetzt wurden sie still. Ich hatte des Försters Stimme gehört, die ihnen rief. Da lag das Haus in seinem Wald- und Winterfrieden.
Aus zwei Fenstern brach heller Glanz. Leise trat rch heran , und schaute hinein. Da stand Gertrud und zündete die Lichter an. Das liebe, fromme, schöne Ge
sicht war ganz in Licht gebadet. Ein wehmütig Lächeln lag um den seinen Mund.
Auf dem Hof murrten die Hunde.
Nun brannten alle Kerzen mit mildem, feierndem, stillem Glanz. Gertrud war allein im Zimmer.
Da hob ich den Finger und klopfte an die Scheiben.
„Ja, ja!" rief sie mit heller Stimme; „ich bin fertig; komm nur herein und hilf mir, — Karl —"
„Bitte, komm Du heraus, Gertrud!" antwortete ich von draußen.
Sie eilte ans Fenster und riß es auf: „Wer ist denn da draußen?"
„Gertrud, der Waldpilger ist's; komm heraus und mache mich los!"
Die Hunde heulten laut auf. „Ich bin durch die Nacht gekommen, um Frieden zu haben!"
„Um Gottes willen, mein Schwager und meine Schwester hören uns —"
„Gertrud, komm! Um aller Barmherzigkeit willen!"
Da eilte sie stürmend durchs Zimmer, daß die Lichtlein hell aufflackerten; die Hausthür ging, und die Pforte klirrte, die Hunde rasten, und vom Stall her scholl die zornige Stimme des Försters:
„Zum Donnerwetter, was haben die Köter denn heute!"
• Gertrud stand vor mir, die Hände über die Brust gekreuzt. Der Lichtschein aus dem Fenster siel auf ihr süßes Gesicht, wie damals, nur voller und heller.
„Herr Doktor!" flehte sie mit stockendem Atem, „was soll das heißen?"
„Gertrud, um Ostern stehen die Toten auf, und zu Weihnachten gehen sie um, wenn sie keine Ruh und. keinen Frieden fanden. Sieh, hier stehe ich vor Dir in kalter Winternacht, ein Mann, der nach Frieden lechzt — nein — sieh! ich; kniee vor Dir im Schnee und bitte Dich: löse mich von Fluch; und Bann! Und Du hast ja gesagt: es kann's nur eine, meine Frau: so sei meine Frau, sei mein Friede auf Erden! Gertrud!"
So lag ich vor ihr kniend im Schnee und streckte meine Hände nach ihr aus. Um uns wirbelten die weißen Flocken.
„Und die andere?" fragte sie leise und ernst.
„Ist tot und ich; bin au s er st and en!" rief ich laut. „Ich will's Dir alles erzählen!"
„So wahr Dir Gott helfe?" kam ihr Wort zurück. „Ich will nicht teilen und dann zu Grunde gehen; denn ich; habe Dich lieb!"
„So wahr mir Gott helfe! Nun leg' die Hände auf mich und sprich mW los! Sprich zu mir das Wort vom Frieden!"
Sie trat dicht heran, recht in den vollen Schein
' des Lichts und legte ihre Hände in meine:
„So sei los!" sprach, sie laut und fröhlich und neigte sW über mich.
Ich; drückte mein Gesicht in ihre kühley Hände.
„Gott sei Dank!" sagte ich nur. Und wieder floß es rieselnd durch meine Glieder.
„Steh' auf und komm herein!" bat sie und neigte sW tiefer und küßte mich auf die heiße Stirn.
„Nun schlag einer aber lang hin!" klang da die Stimme des Försters: „Was geht denn hier vor? — Da sollen denn doch gleich —"
Ich war aufgesprungen und hätte den Arm um Gertrud gelegt:
„NWts weiter, Herr Förster; ist nur einer losgesprochen aus Baun und Acht und bittet nun, mit Ihnen Weihnacht feiern zu dürfen."
„Ja, wenn dies verschlagene Mädel, die Gertrud, auch ihr Wohlgefallen daran hat, dann bleibt mir wohl nur übrig. Ja und Amen zu sagen. Verstehen thu' ich. vor der Hand die ganze GeschWte noch nicht! Ungewöhnlich. ist die Sache. Aber ich schlage aus Gesundheits- rücksWten vor, daß wir das übrige drinnen abmachen. Hannchen!" rief er hinein, „erschrick nWt zu sehr und laß den Grünkohl nWt anbrennen; aber komm schnell 'mal her!"--
Ich. stand mit Gertrud unter dem duftenden, leuchtenden, strahlenden Baum. Sie lehnte an mir und sah Mr mir auf mit ihren blauen Augen.


