734
Sie schlang die Arme um mich: „Komm doch! Der Baum brennt schon, und die Bowle ist fertig. Saroti singt und Warnecke hat ein brillantes Transparent gemalt; die Krippe in Bethlehem mit den heiligen Engelein ist freilich nicht daraus —"
Mir grauste es mit einem Male. Es war mir, als ob Hedwig, meine Schwester, wie einst im Vaterhause, jetzt ganz in weiter Ferne sänge mit ihrer milden, ergreifenden Stimme:
„Es ist ein Ros' entsprungen Aus einer Wurzel zart", und hinter dem Weihnachtsbaum da stand das alte, Wichte Transparent:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!" Ich stand auf. „Geh' allein!" sagte ich, und ich wunderte mich> über meine eigene Stimme: „ich gehe nicht mit!" Sie lachte mich seltsam an.
„Wunderlicher Heiliger! Hast ja wohl zwei Semester Theologie studiert? Eben noch der feurige Liebhaber und nun der Asket —"
Sie richtete sich straff auf und trat dicht vor mich hin und sah mir auf zwei Zoll Entfernung in die Augen, daß W den warmen Atem ihres Mundes spürte:
„Ja — oder nein ! Ich Pflege nicht um Liebe zu Litten; aber etwas Dank möchte ich haben von dem Manne, dem W Liebe geboten!" Sie legte mir die Hände auf die Schulter.
Sie nickte und lachte leise; und ihre Lippen lagen an meinem Mund. „Komm!"
Mir schwindelte. Kein Klang mehr aus der Heimat — kein Klang von oben: „Ich komme!" rief ich und hielt mir die Stirn.
Sie warf den Mantel um sich und fegte mein armes Bäumchen achtlos zur Erde dabei.
Und auch ich achtete seiner nicht! — Am nächsten Morgen, am ersten Weihnachtstag, da sah ich's da liegen zertreten am Boden.
Und ich saß voll angezogen, wie am Abend, Uber vernichtet auf dem Stuhl neben dem kälten Ofen. Meine Zähne klapperten. In meinem Herzen Nacht; in meinem Hirn ein Chaos. Undeutlich! klangen die Kirchenglocken zu mir herein: „Friede aus Erden! Friede auf Erden!" hörte ich sie höhnend läuten. Aber mein Friede war für immer dahin.
Gertrud hatte ihre Hand los gemacht. Sie war leichenblaß.
„Bitte, lassen Sie uns gehen!" sagte sre mit matter Stimme; „es wird spät." Sie stand aus.
„Fräulein Gertrud", rief ich; und griff wreder nach ihrer Hand; „wollen Sie den Wäldpilger, der Buße ge- than, nicht lösen von Bann und Fluch? Sie können es, Sie Reine! Legen Sie die Hand auf meine —"
Sie sah mir gerade in die Augen. „Sie lösen von Bann und Fluch? das kann nur eine auf Erden: Eine, Ihre Frau!" — Ich hätte Ihre Beichte nicht hören dürfen. Nun gehen Sie in Frieden!" . '
Ich, wollte rufen: „Nun, dann sei meine Frau!"
Aber ein Blick lag auf mir, ein Blick, so voller Herzensangst und stillen Grauens, daß mir das Wort erstarb. Ich weiß es, sie hätte stumm die Hände vorgestreckt und mit dem Blick mich! hinausgetrieben in ewige Not.
Ich. stand vor ihr, den Hut in der Hand. „Leben Sie wohl!" .
„Leben Sie wohl!" sagte sie und reichte mir die Hand und wandte das Gesicht. Sie deckte die linke Hand schnell über die Augen, aus denen die hellen Thränen stürzten. Ich ließ ihre Rechte sinken und wandte mich traurig und ging. Meine Füße raschelten int dürren Winterlaub. Ich ging in den sinkenden Abend, in die dämmernde Nacht hinein. Alles totenstill. Kein Windzug in den Baumkronen; kein Hauch des Hoffens in meinem Herzen. Mochten sie sagen in der Försterei, was sie wollten von meinem Fortgang ohne Abschied. Was konnte mich! jetzt noch kränken, den Friedelosen? „Verklärte wenden ihr Antlitz von mir ab!" klang es mir int unaufhörlichen Gleichklang vor dem Ohr. — Es war mondlose Zeit. Dunkel umgab mich!.
Jchl watlderte denselben Weg, den ich! so oft gegangen. Ueber mir ein schwacher, undeutlicher Schimmer zwischen
den starren, ragenden Tannen. Aber kein Ktern in der Höhe. Fern aus dem Walde der Ruf eines Käuzleins. Und meine ^raschelnden Schritte. Ach, wenn hier die Welt zu Ende gewesen wäre! Ich stand auf dem Felsvorsprung, auf dem das hohe eiserne Kreuz ragte, fest eingelassen in den Granit. Ich lehnte daran und schaute hinab. Da Mteu iro der, Tiefe, däsprühte die Esse: des Eisenwerks und warf Garben von glühenden Funken in die Nacht. Und daneben hin und her zerstreut, hier und da ein Lichtlein aus einsamen, sriedevollen Menschenwohnungen. Wie stille Sterne leuchteten sie herauf, wandellos. Ach, einmal so sitzen am warmen Feuer des eigenen Herdes; ein Arm, der sich um meinen Nacken legt, ein Herz, ein Menschenherz, das mir gehört! Aber zwischen mit und dem Licht und dem Frieden ein dunkler, gähnender Abgrund. Ich hielt das Kreuz mit der Hand und beugte mich! vor. „Und wenn ich jetzt losließe?" raunte eine Stimme in mir. Aber fester krampften meine Finger sich um das kalte Eisen. Was war das? Was klang da herauf aus dem Thal? Ein hell hallender Schmiedehammerschlag — und nun, da wo das Licht herschien, undeutlich!, geisterhaft eine singende Menschenstimme. Was sang sie? Ich vernahm weder Wort noch Weise; aber ich! sank nieder am Fuß des Kreuzes, und das Herz zitterte in mir. O, meine Schwester Hedwig, wäre ich jetzt bei Dir! Ich habe keine Mutter mehr, die mich trösten kann! Aber ich! wollte, Du sängest leise über mir, und ich schliefe ein bei Deinem Lied in meinem Leid.
Da saß ich-, das Haupt an das Kreuz gelehnt. Wie lange, das weiß ich nicht. Als ich die Hand von den Augen nahm, war sie naß. Und die Lichter in den Häusern unten waren erloschen. Nur aus der Esse stieg wieder ein Funkenregen auf. Ich! stieg langsam zu Thal.
Die Schule war geschlossen. Der Weihnächtsschnee lag auf der Gasse, und von den Dächern wehte weißer Staub int Winde. Klar und blau lag der Winterhimmel über der Stadt. Ich! stand am Fenster und schaute hinaus auf das fröhliche Leben. Mir gegenüber war ein Stand von Weihnachtsbäumen. Ach ihr grünen Tannen im 23erg» Wald! - 'Und die stille Försterei mitten drinnen in stillen, grünen Tannen! Hatte nichts wieder gehört von dort. Hatte einmal an den Förster geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Hatte auch keine erwartet! War eine gar stille, einsame Zeit gewesen, dass Jahr hindurch. Und zwischendurch wilde, tobende Schlachten der Gedanken, die stürmend gegeneinander kämpften. Eine stille Zeit — aber keine Tage des Friedens! Tage der Sehnsucht, Tage des Leids, Tage wilden Erinnerns, Tage süßen Gedenkens !
Und jetzt char's Weihnachten! Wo sollte ich hm? Da ging unten der Briefbote und verschwand in den Häusern und tauchte wieder auf. Hatten alle jemand, der an sie dachte, und rüstete manch'er sich heut' früh zur Reise. Ich hatte ja auch eine: meine Schwester! Ob sie mir wieder solch Bäumchen schickte? "Ich lehnte die Stirn ans Fensterkreuz. — Ungelöst von Fluch! und Bann!
Ich! fuhr auf. Es klingelte. Da stand der Briefbote. Einen Brief. Von Damenhand. Um Gott! das war die Hand Lenorens, der Teufelinne! Alles Blut drang mir zu den Schläfen und hämmerte darin. Der Um- ■ schlag lag am Boden; ich stand am Fenster und las: „Hast mich nimmer zu Gast erwartet, gelt? Denkst Du an voriges Jahr? An den Weihnachtsabend? Du lieber, frommer Narr! War Dir zu viel Hölle in dem Possenspiel. Und als ich! am Morgen zu Dir kam, da warfst Du mich! aus der Thür. Ich schwor Dir Rache und ging. Und heute komme ich und löse mein Wort! Meine Rache soll sein, daß ich! vor Dir knie und Dich! bitte: Nimm mich in die Arme! Bin der Loreley müde und will gut werden. Hilf mir ! Ich habe Dich lieb, weil Du mich aus der Thür geworfen! Nun setz' Du den Fuß auf meinen Nacken, und ich will Deinen Fuß mit meinen Thränen netzen und ihn trocknen mit dem Haare meines Hauptes! Zieh mir noch einmal den Pfeil aus dem Haar, Arnold; Nimm mich auf! Ich komme!"
Ich griff hinter mich. Ich taumelte. Ich wollte eine Stütze suchen. Meine Hand fiel auf das Tischen unterm Spiegel. Es stürzte um, und klirrend schlugen


