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(Nachdruck verboten.,
Ein Tannenreis.
Novelle von Gerha rch.W alter.
(Schluß.)
„Diese Tage hier im Walde, sie waren mir nötig Ivie die Sonne und die Luft dem Genesenden. Denn ich, war krank, sehr krank gewesen. So krank, daß ich am Leben verzagte. Es war um die Weihnachtszeit, da faßte es mich. Mit zermalmender Gewalt. Mit mir auf einem Flur wohnte ein junges Mädchen. Eine Malerin. Dunkel von §aar und Augen. Nicht schön; aber seltsam und von eigenartigem Reiz. Eine Teufelin, wie das Märchen sie malt, „hüten Sie sich!" lachten die einen; „wir kennen sie!" und die andern hoben warnend den Hinger: „das ist die hexe Loreley im nachtdunklen haar, und soll mancher Kahn ihr zu Füßen zerschellt sein!" Aber ich flog wie die Motte ins Licht. Und das Licht schien mir hell mit blendendem Glanz. Wir begegneten uns oft; dann sprachen wir miteinander. Erst wie gute Kameraden. Aber einmal war's kurz vor Weihnachten. Wir waren zusammen getroffen auf der Straße. Es war grimmig kalt. Ohne Absicht klagte ich ihr, daß ich noch Stunden lang warten müßte, bis mein schlechter Ofen warm werde. „Kommen Sie doch so lange zu mir!" sagte sie mit berückender Freundlichkeit; „bei mir ist's warm." Das Wort war mein Schicksal. Als ich spät hinüberging in mein Zimmer, war ich wie ein Trunkener. Fräulein Gertrud, wollen Sie nun die Beichte hören?"
Ich hatte die Hand nach ihr ausgestreckt. Sie legte die ihre hinein.
„Und dann sagen Sie mir, ob Sie ihn lösen wollen von Fluch und Bann! Oder wollen Sie jetzt fliehen und mich, allein lassen in meiner Not?"
Sie sah auf. Tiefernst blickten dis blauen Augen mich an. Leise schüttelte sie das Haupt.
„Es war Weihnachtsabend. Ich bin ein einsamer Mensch. Sind nicht viele, die sich um mich kümmern. Ein- sam saß ich auf meinem Zimmer. Ein kleines zusammenlegbares Bäumlein aus Blech und Flitter hatte meine Schwester mir geschickt, die selbst in Brot und Lohn bei Fremden war. Davor saß ich und starrte in die brennen- den Lichtlein. Und dabei war eine seltsame Unruhe in meiner Seele. Kein Weihnachtsfriede. „Wo soll das hinaus?" klang tief drinnen die Frage. — Wo war sie jetzt? Die Rast- und Ruhelose war mir den ganzen Tag nicht zu Gesicht gekommen. Und sie litt es nicht, daß man sie fragte um ihr Thun und Lassen. „Frei will ich sein!"
„Frei! Lieber tot als Sklave!" hatte sie an jenem
Abend gesagt, als sie mir in die Augen schaute; „Deine Gefährtin, Deine Genossin, Freundin, Gebieterin, Dein Kobold, Dein Schicksal, Deine Sonne und Dein Irrlicht — nur nicht Deine Magd! Darauf nimm mich hin als die Dir Herz und Liebe und Lippen bietet!" Da war ich; so trunken worden, daß ich noch jetzt im Rausch lebte. Und wie ich; so saß und dachte, da flog die Thür auf, und Lenore flog mir in die Arme: „Träumer! Komm mit! Im Ratskeller ist ein verborgen Gewölbe, da sind wir beisammen, gute Gesellen von der Kunst, und ich bin gekommen, Dich, zu holen; gber erst küß' mich, Träumer, und wach' auf zum Leben!" Ihre Lippen brannten heiß. Und heiß schlug mein Herz. Das dunkle haar hatte sie gelöst, und in mächtigen Wogen wallte die schwarze Flut Um ihre Schultern. Und mein Bäumchen brannte unbeachtet nieder! Hedwig, liebe Schwester; Du liebes Mädchen — ich hatte keine Zeit, Dein zu gedenken! — Lenore rang sich, los und stand vor mir, mit Mühe das Gelöst hebend und bändigend. Ihre weißen Zähne blitzten zwischen den brennend roten Lippen; „Gelt, dies Weihnachtsgeschenk hattest Du nicht erwartet", sagte sie mit tiefer Stimme. Es war fast dunkel im Zimmer geworden. Licht hob ihreGestalt'sich! ab,von dem Hintergrund/so dämonisch
Da kniete ich vor ihr und! umfaßte ihre Knie. Lachend sah fte auf mich herab: „So seh' ich Dich! gern! Aber Hute Dich und sei ein Mann, sonst setze iä)< Dir den Fuß auf den Nacken! Neige Dein Haupt, stolzer Sigambrer", spottere sie; „aber dann hasse ich Dich! Doch vielleicht küsse ich Deine Hand, die mich schlägt!" — „Ja, ich will vor Dir knien, wenn Du mir schwörst, daß Du mir gehören willst, immer, in Zeit und Ewigkeit!" ries ich außer mir.
Sre lachte melodisch auf. „Sei kein Strumpf! Ich glaube an keine Ewigkeit, nicht hier und nicht dort/ Komm' mit: der Augenblick ist Glück und Seligkeit! Du bist der richtige Deutsche. Glaubst Du, die andern ließen sich so lange bitten?"
Sie neigte sich herab; und plötzlich kniete sie nebey. mir und legte ihr Haupt an meine Schulter. „Sieh es ist Weihnachtsabend", sagte sie mit weicher Stimme, „und ich könnte Dir jetzt ein ganz böses Weihnachtsgeschenk machen, an dem Deine weiche Seele zu Grunde gehen würde:
Mich selbst! Aber dazu hab' ich Dich zu lieb, hörst Du? — Warum denn sonst nicht? Ich könnte Dir ja das Jawort geben! Aber ich will's nicht, weil ich es nicht halten kann. Ich, kann nicht treu sein. Betrügen würd' ich Dich nicht, aber eines schönen Tages liefe ich Dir weg, und Du würdest dann mit einem ungeheuer unglücklichen Gesicht dastehen. Also: sei zufrieden — und komm!"


