Ausgabe 
23.10.1900
 
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durch feine eigene Ungeschicklichkeit ans Messer liefert. Ist das nicht auch Ihre Ansicht, lieber Norrenberg?"

Ter Bankier, der während der letzten Stunde kaum zwanzig Worte gesprochen hatte, fuhr zusammen, als hätte man ihn unsanft aus einem Traume geweckt.

Ich? Wie soll ich dazu kommen, ein Urteil darüber zu haben? Ich habe mich mein Leben lang nicht um solche Dinge gekümmert".

Seine Bestürzung war so augenfällig, daß sie das Befremden der anderen hätte erregen können. Sandory aber ergötzte sich daran, ihn noch ein wenig zu quälen.

Nun, Sie interessieren sich doch ohne Zweifel für die Geschichten von verwegenen Bankdieb stählen und großen Defraudationen, die man so khäufig in den Zeitungen lesen kann, und Sie werden mirzugeben, daß ein solcher Streich nur ein bischen geschickt angelegt zu fein braucht, um feine Urheber unangefochten davonkommen zu lassen".

In Franz Norrenbergs fahlem Gesichte zuckte es, und er zerknüllte die Serviette zwischen den Fingern. Sein künftiger Schwiegersohn aber überhob ihn der Mühe einer Erwiderung.

Sie sagen das im vollen Ernst? Und Sie glauben wirklich, daß die russischen Behörden geschickter seien als die unserigen? Nun, dann haben Sie wohl nichts von dem berühmten Fall Suworin gehört, der vor zwei oder drei Monaten in der ganzen europäischen Presse von sich reden machte?"

Rudolf Sandory dachte ein wenig nach. Daun schüttelte er den Kops.Nein, ich erinnere mich in der That nicht. Aber vielleicht haben Sie die Güte, meinem Gedächtnis ein wenig zu Hilfe zu kommen".

O, es ist eine ganz alltägliche Mordgeschschte", fiel Tora verdrießlich ein.Sie werden kaum etwas darin finden, das Sie interessiert".

Doch der Staatsanwalt brannte offenbar daraus, fein Erzählertalent leuchten zu taffen.Vergieb, liebe Dora", sagte er in überlegenem Tone.Es wäre doch wohl mög­lich, daß Herr Sandory und ich einen solchen Fall von anderen. Gesichtspunkten aus betrachten. Außerdem ist es rasch erzählt. Fürst Suworin war ein in der russischen Gesellschaft als reicher und verschwenderischer Lebemann bekannter Kavalier. Er starb ohne vorausgegangene Krank­heit und unter allen Anzeichen einer Vergiftung aus einer seiner ländlichen Besitzungen, nachdem er erst Tags zuvor von einem Ausfluge nach Sankt Petersburg zurückgekehrt war. Jenen Ausflug aber hatte er in der Gesellschaft eines Menschen eines angeblichen deutschen Barons unternommen, der schon vorher sein Gast gewesen war. Sie verkehrten zwar mit einander auf dem vertrautesten Fuße; der Fürst pflegte indessen so wenig wählerisch in seinem Umgang zu sein, daß er vermutlich auch von diesem sogenannten Freunde nicht viel mehr als den Namen ge­wußt hat. Schon beim Empfange war es der Dienerschaft aufgefallen, daß sie sich offenbar nicht mehr im besten Einvernehmen befanden. Nach dem Abendessen aber kam es zu einer erregten Auseinandersetzung, die mit einem vollständigen Zerwürfnis zu enden schien. Fürst Suworin selbst erteilte Befehl, den Baron am nächsten Morgen nach der Station zu fahren, und in der Thal verließ der andere in der Frühe des folgenden Tages ohne Abschied das Schloß. Wenige Stunden später fand man den Fürsten mit dem Tode ringend auf dem Fußboden des Speise­zimmers. Er hatte nach seiner Gewohnheit vor dem Früh­stück ein ganz harmloses, appetitreizendes Medikament nehmen wollen und mußte unmittelbar nach dem Genüsse in heftigen Krämpfen zusammengebrochen sein. Ehe man noch einen Arzt herbeischaffen konnte, war er tot".

Eine ganz romanhafte Geschichte", meinte Sandory, der mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte.Und der deutsche Baron? Man machte sich natürlich sogleich an seine Verfolgung?!"

Mit einem triumphierenden Lächeln strich der Staats­anwalt seinen Vollbart. »

Jeder untergeordnete Kriminalpolizist bei uns in Deutschland würde das bei einer so einfachen Sachlage ohne Zögern auf seine eigene Verantwortung hin gethan haben. Im Zarenreiche aber geht man, wie es scheint, etwas schwerfälliger zu Werke. Als man durch eine um­ständliche chemische Analyse endlich festgestellt hatte, daß

jener harmlosen Arznei in der Thai ein rasch Und unfehlbar wirkendes Gift beigemengt war, erwog man zunächst sehr ernsthaft alles, was für die Wahrscheinlichkeit eines Selbst­mordes zu sprechen schien, und verlor eine kostbare, un­wiederbringliche Woche mit zwecklosen Vernehmungen der Tienerschaft, unter der man vielleicht den Schuldigen suchte. Da endlich- als diö glücklichen Erben nach der Bei­setzung anfingen, sich ein wenig um die Geldangelegen­heiten des Verstorbenen zu kümmern, fiel ein Lichtstrahl der Erkenntnis in die dunklen Köpfe. Man stellte fest, daß der Fürst auf feiner letzten Petersburger Reise einen Betrag von hundertzwanzigtausend Rubeln erhoben halte, die zur Anzahlung auf gewisse kürzlich erworbene Ländereien dienen sollten. Die Anzahlung war nicht er­folgt und konnte ja auch nicht erfolgt sein, da Suworin schon am Morgen nach seiner Heimkehr gestorben war; von dem Gelde aber fand sich trotz des eifrigsten Suchens nirgend eine Spur. Nun endlich war man scharfsinnig genug, auf den Baron als auf den einzigen Menschen zu raten, der zu Lebzeiten des Fürsten etwas von dem Vor­handensein jener Summe gewußt hatte, und man fing an, den wahren Zusammenhang der Dinge zu ahnen. Aber jetzt war es selbstverständlich viel zu spät; denn ein Verbrecher von solchem Schlag weiß den Vorsprung einer Woche zu nützen. Bis nach Petersburg konnte man seine Spur mit Mühe und Not verfolgen; dann aber löste sich alles in vage Vermutungen auf. Die russischen Behörden nehmen an, daß sich der Mörder ans Umwegen nach Deutschland gewendet habe. Einen sicheren Anhalt dafür aber hatten sie ebensowenig,. als sie uns über dre Persön­lichkeit und die Vergangenheit des Menschen näheres an­zugeben vermochten. Nun, was sagen Sie zu diesem kleinen Muster von russischer Schlauheit und Schneidigkeit, mein verehrter Herr Sandory? Glauben Sie wirklich, daß dergleichen auch bei uns in Deutschland Vorkommen könnte?"

Ich fühle mich in der That beschämt durch Ihre Geschichte, Herr Staatsanwalt! Schadennr, daß der über­legenen deutschen Klugheit nicht auch der Triumph be- schieden gewesen ist, den gefährlichen Menschen innerhalb unserer Grenzen dingfest zu machen".

(Fortsetzung folgt.)

Unsere Jagdtiere einst nnd jetzt.

Von Ernst Vogel.

Nachdruck verboten.

Tie Zahl unserer Jagdtiere ist sehr zusammengeschmol­zen. Für den gewöhnlichen Jäger besteht die Jagdbeute fast ausschließlich aus Hasen, Rebhühnern und wilden Ka­ninchen; ein Fuchs, Dachs und eine Schnepfe zählen schon zu den Seltenheiten, und Hirsche und Rehe, das sogenannte Hochwild, kommen nur noch in bescheidener Menge vor. Ein Auerhahn erscheint in den Zeitungen bereits unter der RubrikSeltenes Jagdglück", meist ist überhaupt die Auerhahnbalz auch heute noch ein Vorrecht der großen Herren, nicht weil es bem Bürger- und Bauersmann ver­boten wäre, in ihren Revieren Auerwild nach Belieben zu erlegen, sondern weil die Waldungen, in denen die Tiere sich aufhalten, zum größten Teilherrschaftliches" Eigentum sind. Hirsche müssen, um sie auf einem ge­wissen Stand zu erhalten, gefüttert, und Wildschweine gar in besonderen Tiergärten gezüchtet werden. Das Elchwild ist im Aussterben begriffen und findet sich nur noch in einer Anzahl von etwa hundert Exemplaren im Kreis Gumbinnen.

Ehemals boten die deutschen Wälder ein anderes Bild. Da brummte Meister Petz im pfadlosen Dickicht; Wölfe, Luchse und wilde Katzen lauerten im Gebüsch; Biber bauten an den Flüssen ihre berühmten Dämme; Fisch­ottern verbargen sich in den Uferhöhlen; wilde Schwäne zogen ihre majestätischen Kreise auf den damals viel zahlreicheren Seen und Teichen; Scharen von Wildgänsen und Wildenten. tummelten sich mit ihnen auf den Ge­wässern; Adler und Falken breiteten über den Bergen ihre gewaltigen Schwingen aus; wilde Pferde zerstampf­ten die Niederungen. Die fortschreitende Kultur hat fürchterliche Musterung unter den Bewohnern der Wälder und Lüfte gehalten; der Mensch, ihr Todfeind, hat sie