Ausgabe 
23.10.1900
 
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Z E8 "Hier trägt, was er trägt, Wer Geduld zur Bürde legt.

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(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Fünftes Kapitel.

Pünktlich um vier Uhr nachmittags erschien Sandory in Franz Norrenbergs Villa und überreichte Fräulein Dora einen prachtvollen Strauß frischer Rosen, wie man um diese Jahreszeit auch in. der Hauptstadt sicherlich keine schöneren hätte auftreiben können. In ihren heißen Augen leuchtete es freudig auf, und sie wehrte dem frei­gebigen Spender nicht, als er ihre weiche Hand auffallend lange an seine Lippen drückte.

Das ist ein viel zu kostbares Geschenk, mein Herr! Aber ich leugne nicht, daß es mir großes Vergnügen bereitet. Gerade für diese Rosen habe ich eine besondere Schwärmerei".

Ich wußte, daß es Ihre Lieblingsblumen sein müßten, mein gnädiges Fräulein!"

Wirklich? Woher ist Ihnen solche Gewißheit gekommen?"

Nur, wenn ich ein Dichter wäre, könnte ich das in angemessenen Worten ausdrücken. Jedenfalls war ich sicher, daß nur die königlichste aller Blüten Ihrer würdig sei".

Seine verschleierten Augen begegneten wieder den funkelnden Sternen in dem elfenbeinweißen Antlitz, und eine leichte Blutwelle ging über Doras Wangen.

Sagen Sie mir solche Artigkeiten lieber in Gegenwart meines Verlobten", erwiderte sie mit etwas gezwungenem Lachen.Eine kleine Lektion in der Ritter­lichkeit könnte ihm nichts schaden".

Franz Norrenberg unterbrach ihr Gespräch, um den Besucher in sein Rauchzimmer zu nötigen, wo sie fast eine Stunde lang allein miteinander blieben. Erst als die Ankunft des Staatsanwalts gemeldet wurde, traten sie wieder heraus. Rudolf Sandory heiter und sorglos lächelnd, der Bankier mit bleichem Gesicht und schlaffen Zügen, wie ein Schwerkranker.

In den verbindlichsten Formen vollzog sich die An­knüpfung der Bekanntschaft mit Doras Bräutigam. .Der Staatsanwalt Georg Lengfeld war nur wenige Jahre

jünger als Sandory, eüt Mann von mittlerer Gestalt, mit den unverkennbaren Anfängen frühzeitiger Beleibtheit. Auch er trug einen stattlichen Vollbart; aber sein Haupt­haar begann sich in der Scheitelgegend merklich zu lichten. Das derb geschnittene, lebhaft gerötete Gesicht mit den Epikuräerlippen und den kleinen wässerigen Augen ließ auf eine starke Vorliebe für die leiblichen Genüsse des Daseins schließen. Und in der That zeigte der Staats­anwalt viel mehr Aufmerksamkeit für die einzelnen Gänge des vortrefflich zubereiteten Mahles, als für die Schönheit seiner Braut. Sein Verkehr mit Dora hatte durchaus nichts von der Zärtlichkeit eines beglückten Liebhabers. Seine Huldigungen gingen nicht über jene kleinen Aufmerksam­keiten hinaus, die ein wohlerzogener Kavalier unter allen Umständen seiner Tischdame schuldig ist; für ihr Aussehen und ihre Toilette aber hatte er nicht ein ein­ziges Wort schmeichelnder Anerkennung gehabt.

Und doch war es Dora ganz augenfällig darum zu thun gewesen, gerade heute sehr schön zu sein. Ihr An­zug war fast zu reich für den kleinen Kreis und für ihre Stellung als Tochter des Hauses; aber mit kluger Be­rechnung hatte sie ihn gewählt.

Anfänglich bestritten Sandory und Dora fast allein die Kosten der Unterhaltung. Mit dem Schwung und der Wärme eines Poeten wußte der neue Gast von den vielen Herrlichkeiten zu erzählen, die er auf seinen weit aus­gedehnten Reisen gesehen, und seine heitere Gesprächigkeit hatte dabei so wenig Aufdringliches und Selbstbewußtes, daß ihm auch der Staatsanwalt mit Vergnügen zuzuhören schien. Doras Augen aber hingen fast unausgesetzt an feinen Lippen. Sie war offenbar verdrießlich, wenn ein­mal ihr Verlobter in seiner schwerfällig-nüchternen Weise das Wort ergriff, und sie wußte durch geschickte Zwischxn- fragen dafür zu sorgen, daß die Unterbrechung immer nur von kurzer Dauer war.

Ta lenkte sich das Gespräch zufällig auf Dinge, die mit dem Lebensberuf des Staatsanwalts in einem ge­wissen Zusammenhänge standen, und wie durch ein Zauber­wort schienen mit einem Male alle Schleusen seiner Be­redsamkeit aufgethan.

Sie wollen behaupten, daß die Kriminalpolizei in Rußland tüchtiger sei, als bei uns?" rief er in einem Ton, als ob ihm eine schwere persönliche Beleidigung wider­fahren sei.Ich Lenke, mein verehrter Herr, es sollte Ihnen herzlich schwer fallen, das zu beweisen".

Ein Beweis in mathematischem Sinne ist da freilich k»um zu führen. Aber ich habe doch die Wahr­nehmung gemacht, daß man in Deutschland Verbrecher viel leichter entschlüpfen läßt, als bei unseren slavischen Nachbarn. Ja, ich meine sogar, daß hier beinahe jeder, der nicht geradezu auf frischer That ertappt wird, sich nur