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aber folgende angeführt: Erstens zeigt man in Mölln in Lauenburg, wo er gestorben sein soll, noch heute seinen Grabstein; zweitens erwähnt bereits eine 1486 geschriebene Chronik-die Thatsache seines zu Mölln im Jahre 1350 erfolgten Todes; drittens wird auch in einer 1592 erschienenen Reisebeschireibung die Grabschrift Eulenspiegels im Wortlaut veröffentlicht. Weiter hebt Karl Pannier in seiner Neuherausgabe der ältesten Ausgabe des Volksbuchs von 1519 die Bestimmtheit der geografischen Beziehungen hervor, und erzählt, daß auf dem Schloßhofe zu Bernburg noch ein Turm steht, welcher allgemein der Eulenspiegel heißt. Tort bewahre man auch noch das Bruchstück einer gläsernen Trompete, ein Plüschkäppel, einen Mantel und einen irdenen Krug auf, welche von Eulenspiegel herrühren sollen. Außerdem berichtet Merian in seiner Topographie von Lüneburg und Braunschweig aus dem Jahre 1654, daß zu jener Zeit noch das Geburtshaus des Narren in Kneitlingen gezeigt wurde.
Der Name Eulenspiegel kommt bereits 1337 im Braunschweigischen vor, auch läßt die Genauigkeit der Angaben über die Geburt, sowie die Sippe und den Geburtsort unseres Helden nichts zu wünschen übrig. „Bei dem Wald, Elm genannt", so hebt das Volksbuch an, „in dem Lande Sachsen, in dem Dorfe Kneitlingen, da ward Eulenspiegel geboren, und sein Vater hieß Klaus Eulenspiegel und seine Mutter Anna Wibeken. Und da sie des Kindes Eulenspiegel genas, da schickten sie es gen Ambleben, in das Dorf, zur Taufe, und ließen es heißen Till Eulenspiegel. Und Till von Uetzen, der Burgherr von Ambleben, ward sein Gevatter." Das Geschlecht derer von Uetzen hat aber, nach Karl Panniers Angabe in seiner Eulenspiegelausgabe, wirklich gelebt.
Wenn wir uns aber von allen diesen Beweisgründen zur Ueberzeugung von dem Dasein unseres Narren bekehren lassen, so brauchen wir auch an den Angaben des Volksbuches selbst, über seine Jugend und Erziehung, sowie über seinen allgemeinen Lebenswandel nicht zweifeln. Wir dürfen vielmehr ohne weiteres glauben, daß er schon als Knabe zu allerlei dummen Streichen aufgelegt war und zur regelrechten Arbeit keine besondere Neigung zeige. Zuletzt wanderte er in die Welt, um sein Glück zu versuchen, er dehnte seine Streifzüge gelegentlich bis Rom und Paris aus, arbeitete nur, wenn es absolut nicht anders ging, und dann nicht lange, und scheute sich nicht, sich die Mittel zum Unterhalt durch allerhand Zechprellereien und betrügerische Kunstgriffe zu verschaffen. Vielleicht lebte er auch zeitweise als eine Art Hofnarr bei diesem und jenem hohen Herrn; doch hielt er entweder nicht lange aus, oder die Art seiner Schwänke zog ihm bald die Ungnade seiner Gönner zu. Reich geworden ist er wohl bei seinem herumstreifenden Leben nicht, im Gegenteil darf man annehmen, daß es ihm oft am notwendigsten gefehlt hat. Wir wissen nicht, wie alt er geworden ist, nur sein Todesjahr wird verzeichnet.
Was die Streiche, die er ausgeführt, oder die man auf sein Konto gesetzt hat, anlangt, so dürfen wir dieselben nicht nach dem Bildungsstandpunkt des 19. oder 20. Jahrhunderts messen. Thun wir das, so erscheinen sie uns weniger witzig, als roh, zum Teil sogar unflätig und schlecht. Der Witz fommt in der Regel nur dadurch zu stände, daß Eulenspiegel alles buchstäblich nimmt; gebietet ihm sein Prinzipal, der Schneider, er soll noch die Aermel an ben Rock werfen und dann schlafen gehen, so brennt er zwei Lichter an,'hängt den Rock an den Nagel und wirft einen Aermel um den andern die ganze Nacht hindurch an den Rock. Befiehlt ihm der Brauer, dem er sich als Braukneicht verdingt hatte, den Hopfen gut zu sieden, so lockt er des Brauers großen Hund, der Hopf heißt, an sich, um ihn ins kochende Wasser zu werfen. Die ewige Wrederholung derartiger Wortklaubereien gestaltet die Lektüre nicht gerade zu der abwechselungsreichsten; znnt Glück laufen auch Streiche unter, die anderer Natur sind und wirklichen Witz verraten.
Wer erinnert sich nicht mit Vergnügen an die Versammlung der Schneider, die er einmal nach Rostock berief, unter der Vorspiegelung, er wolle die Helden der Ngdel eine Kunst lehren, die ihnen und ihren Nachkommen, so lange die Welt stehe, nützlich sein werde. Da kamen herbei
die Schneider aus allen Orten und Städten des Landes, sowie der umliegenden Länder, und es war zur bestimmten Zeit eine Schneiderwaklfahrt nach Rostock, daß man sich! dort darüber verwunderte. Als sie beisammen waren, bestellte sie Eulenspiegel auf einen weiten Platz, ging in ein Haus, chas an demselben lag, und sprach zum Fenster heraus zu der lauschenden Menge: „Ehrbare Meister des Schneiderhandwerks! Wenn Ihr Schere und Nadel, Fingerhut und Zwirn, Ellenmah und Bügeleisen habt, so habt Ihr alles, was Ihr in Eurem Handwerk braucht, und das zu erlangen ist keine Kunst. Wohl aber ist das -eine Kunst, was ich^ Euch jetzt lehren will. Sobald Ihr eine Nadel eingefädelt habt, dann vergeßt nicht, ans andere Ende ko es Fadens einen Knoten zn machen, IHv stecht sonst viele Stiche umsonst." Nun schwieg er. „Ist das alles, was Ihr nns zn lehren habt?" riefen die Schneider, „die Kunst kennen und üben wir von jeher." Da strafte sie Eulenspiegel mit den Worten: „Was vor 1000 Jahren gewesen ist, daran denkt heutzutage niemand mehr, und da Ihr meine Erinnerung nicht mit Dank, sondern mit Unwillen aufnehmt, so mögt Ihr wieder hingehen, wo Ihr hergekornwen seid." Natürlich waren die so angeführten Schneider nicht wenig aufgebracht.
Bis in das Grad begleitete der Volkswitz den losen Vogel; nicht liegend, wie andere Sterbliche, sondern stehend ruht er in der Erde, da sein Sarg beim Einsenken infolge Reißens der Seile so in die Gruft schoß, daß Eulenspiegel auf die Füße zu stehen kam. Da er im Leben wunderlich gewesen, ließ man ihn so stehen, warf das Grab zu und setzte ihm einen Stein,. auf welchen sie eine Eule und einen Spiegel hieben und oben auf die Grabfchrift schrieben:
Disen stein sol uieman erhaben; Hie stat Ulenspiegl begraben. Anno domini MCCCL iar.
Dem Geschmack seines Zeitalters entsprach das Volksbuch von Eulenspiegel im vollsten Maße, sodaß es wie kein anderes Verbreitung fand. Nicht nur erschienen bereits im 16. Jahrhundert nicht weniger als 18 deutsche Ausgaben des Werkes, sondern es wurde auch in alle Kultursprachen übersetzt und fand in fremden Ländern denselben Beifall, sodaß Enlenspiegel überall eine typische Persönlichkeit geworden ist. In Deutschland ist die Zahl der seit dem' ersten Erscheinen herausgekommenen Ausgaben und Bearbeitungen Legion, und auch sonst ist die köstliche Figur des Kneitlinger Narren in Poesie und Prosa vielfach verwertet worden. Als das Werk zuerst erschien, waren eben die „Volksbücher" Mode geworden, jene, die Romane der heutigen Zeit ersetzenden Darstellungen romanischer und deutscher Sagenstoffe, die von Hausierern verbreitet und von vornehm und gering gern gelesen wurden. Bis in unsere Zeit hinein erfreuen sich die Erzählungen der alten Volksbücher, wenn auch in etwas neuzeitlicher Form, besonders bei der Jugend noch großer Beliebtheit: Genofeva, Die schöne Melusine, Kaiser Octavianus, Die Hehmonskinber, Fortunat, Faust, Der ewige Jude und wie sie alle heißen. Unser Volksbuch vom Eulenspiegel aber nahm eine hervorragende Stelle unter ihnen ein. Der älteste noch erhaltene Druck, von dem noch ein einziges Exemplar auf uns gekommen ist, stammt aus dem Jähre 1519 und ist bei Johannes Grieninger in, Straßburg erschienen. Nach Lappenberg, welcher 1854 genanntes Exemplar neu herausgegeben hat, wäre der Franziskaner Thomas Murner (geboren 1475 zu Straßburg), der Verfasser, doch entspricht diese ans eine namenlose Spottschrift gegründete Behauptung wohl nicht der Wahrheit, da zuverlässig schon frühere Ausgaben des Buches vorhanden waren. Man könnte also in Murner höchstens einen Bearbeiter der wahrscheinlich in niederdeutscher Sprache abgefaßten älteren Ausgabe vermuten, wenn nicht die ausdrückliche Versicherung des Bearbeiters, er sei ein Laie nnd der lateinischen Sprache unkundig, auch diese Annahme hinfällig machte. Immerhin, wer aber auch der Verfasser oder Bearbeiter gewesen, und ob Enlenspiegel in der That gelebt hat, oder nur der Hauptvertreter der in der Volksüberlieferung aufgespeicherten Schwänke ist —< im Volke lebt er mit seinen Narrenstreichen unvergänglich fort. "


