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Und eine Himmelsbotschaft war es, die sie brachte.
„Friede, Herr Major!" ries sie mit klingender Stimme. „Der König von Preußen hat mir für Lasdehnen und seinen dreirneiligen Umkreis auf meinen Antrag das Asylrecht*) gewährt, damit ich mir die erforderlichen Arbeitskräfte für geplante Kulturarbeiten und für eine große Gestütsanlage schaffen kann. Kein Schuß darf aus diesem Boden ohne meine Einwilligung fallen, keine Gefangennahme ohne meine Zustimmung erfolgen. Wer bei mir um Asyl nachsucht, steht unter meinem Schutze. Der kommandierende Offizier da drüben hat sich von der Echtheit der eben eingegangenen Kabinettsordre überzeugt. Sie haben freien Abzug nach Lasdehnen, wenn Sie sich bereit erÜaren, mit Ihren Leuten in meine Dienste zu treten. Und Sie werden sich dazu bereit erklären — nicht wahr?"
Der heldenmütige Freischarenführer aber war keines Wortes mächtig. Er beugte sich nur aus dem Sattel herab, nm die Hand der Retterin zu küssen, und nun sahen es alle seine Leute, daß er weinte.
Da riß einer aus der Schar seinen Kalpak vom Haupte und schwenkte ihn hoch in die Luft.
„Es lebe der König von Preußen! "rief er mit Donnerstimme. Und „Es lebe der König!" brauste es aus vierzig rauhen Kehlen über das Feld. Dann ritten sie in strenger Ordnung wie auf dem Paradefelde vollends dem Dorfe zm, die Säbel in der'Scheide, und helle Glückseligkeit auf den eben noch so düsteren Gesichtern. Schweigend ließen die erstaunten Soldaten den seltsamen Zug passieren; der kommandierende Ofstzier aber legte salutierend die Hand an den Helm. Und fein Gruß galt nicht nur der heldenmütigen Dame, er galt auch! dem Tapferkeitskreuz am Halse des Majors.
„Es war die höchste Zeit, Herr Oberstwachtmeister Sixtus!" rief er zwischen Ernst und scherz. „Noch eine kleine Viertelstunde, und kein Asylrecht hätte Ihnen mehr genutzt. Nun sorgen Sie sür eine Amnestie von Seiner Majestät, dann will ich, bei meiner Ehre, der erste sein, Ihnen zu gratulieren."
Der Leutnant von Kapnist aber, der fünfzig Schritte weiter wie ein junger Kriegsgott vor seinem Zuge hielt, erkannte mit lähmendem Erstaunen in dem „Räuberhauptmann" Sixtus den russischen Baron Botukow, der ihm gestern so ausnehmend gefallen hatte, und langsam, ganz langsam begannen allerlei seltsame Lichtlein in seinem Haupte aufzuleuchten.
„Der Henker kenne sich mit den Weibern aus!" murmelte er, und dann kam aus seinem guten Herzen der Stoßseufzer hinterdrein: „Gott sei Dank, daß ich nichts von dem Betrüge gemerkt habe, es wäre eine gar zu schauderhafte KkeMme gewesen."
Die Begnadigung des Königs kam, als die ersten sechshundert Remontepferde aus dem neu eingerichteten Riesengestüte zu Lasdehnen abgeliefert wurden. Die ehemaligen Freischärler hatten ihre Sache vortrefflich gemacht, indem sie ganze Herden der verwilderten Rosse einfingen und zähmten.
Sie waren wieder tüchtige und brauchbare Glieder der menschlichen Gesellschaft geworden; keiner von ihnen hatte sich in dem neuen Berufe auch nur des geringsten Vergehens schuldig gemacht, da konnte ihnen Friedrichs Großmut die Verzeihung für die alte Schuld nicht versagen.
Für den Gatten Elisabeths aber hatte der König eigenhändig unter die sauber kopierte Amüestie-Urkunde geschrieben:
„Halte Er mir seine Frau gut, Er Räuberhauptmann! Sonst lasse ich Ihn noch nachträglich hängen."
*) Das Asylrecht ist eine uralte Einrichtung. Es diente früher dazu, die oft barbarische Anwendung drakonischer Gesetze einigermaßen zu mildern. Später, und noch im vorigen Jahrhundert, wurde es mit Vorliebe angewendet, nm wüste, verwahrloste Landstriche, für die sich sonst keine Kolonisten fanden, zu besiedeln. Es konnte dann durch Entschließung des Landesherrn für gewisse Bezirke das Asylrecht gewährt werden. Wer sich innerhalb dieser Gemarkungen aufhielt, konnte wegen keines früher begangenen Vergehens zur Verantwortung gezogen werden, und nur die schwersten Kapitalverbrechen wurden von dieser Vergünstigung ausgeschlossen.
Lächelnd sah Sixtus seiner glücklichen, jungen Frau in die Augen, als sie gemeinsam diese Warnung lasen.
„Sollte ich da nicht doch vielleicht schon sür den Galgen reif sein, Liebste?"
Wer sie küßte ihn statt aller weiteren Antwort herzinnig auf den Mund. Und man hat nie davon gehört, daß Herr von Plothow auf Lasdehnen etwa noch nachträglich gehenkt worden wäre.
Der Leutnant von Kapnist vom Regiment Möllendorf, wie wankelmütig er auch vorher in Herzensangelegenheiten gewesen sein mochte, die nächtliche Erklärung an der kleinen Mauerpforte, durch die unterdessen hinter seinem Rücken der „vermaledeite" Major Sixtus entschlüpfte, hat er auch dann nicht bereut, als er aus Charlottens eigenem Munde die ganze Wahrheit erfahren. Und jedesmal, wenn er später mit seiner reizenden kleinen Frau zu kürzerem oder längerem Besuche aus Lasdehnen erschien, mußte sie mit ihm zu allererst ohne Gnade und Barmherzigkeit an den Ort ihres damaligen Stelldicheins, um wieder und wieder die grausame Strafe zu empfangen, die ihr für ihre schändliche Arglist gebührte.
Till Eulenspiegel.
Gestorben im September 1350.
Von Werner Kahl.
Nachdruck verboten.
Wer kennt nicht Till Eulenspiegel, den Schalksnarren? Jeder von uns hatsichin der Kindheit an seinen losen Streichen ergötzt, mit demselben Behagen, als unsere Vorfahren vor 400 Jahren, die ja anch noch jene Ursprünglichkeit und Harmlosigkeit zur Lektüre mitbrachten, welche Bedingung eines unverfälschlichen Genusses des alten Volksbuches ist. Dr. Faust, Münchhausen, Eulenspiegel, diese drei Namen sind uns unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben, ihre Träger sind die Erzeuger genußreicher Stunden. Manchmal freilich erwachten Bedenken darüber schön zu jener Zeit, und wenn die Streiche Eulenspiegels gar zu toll erscheinen, so legen wir uns wohl die Frage vor, ob der berühmte Narr denn überhaupt gelebt habe?
Dieselbe Frage steigt in uns aus, jetzt, wo wir aus Anlaß der angeblichen 550. Wiederkehr des Todesjahres Eulenspiegels die Erinnerung seiner seltsamen Persönlich. feit neu in uns erwachen fühlen. Die Chronik berichtet ja ganz genau: gestorben im Jahre 1350 und sogar der Todesmonat September wird angegeben — trotzdem müssen wir leider dem wißbegierigen Leser die ernüchternde Antwort erteilen, daß die Forschung die Frage, ob der berühmte Narr eine wirkliche Persönlichkeit gewesen, nicht mit völliger Bestimmtheit bejahen kann. Möglich, daß wir in dem alten Volksbuch nur eine Art humoristischen Roman vor uns haben, dadurch entstanden, daß ein Freund des Humors die in Volks kreisen verbreiteten oder in mancherlei Büchern niedergelegten Schwänke und Schelmenstreichgeschichten gesammelt und eine ersundene Persönlichkeit zum Helden derselben erhoben hat. Sind doch ähnliche Büchner dieser Art bereits damals in Menge erschienen. Auch der Name „Eulenspiegel" würde für diese Annahme sprechen, da er zweifellos eine sinnbildliche Bedeutung hat und sicher — die Thatsache des einstigen Daseins des Narren vorausgesetzt— nicht sein wirklicher Name, sondern höchstens ein ihm vom Volke verliehener Beiname, ein Spitzname gewesen ist.
Andererseits sprechen doch mehrere Umstände dafür, daß man es mit einer historischen Gestalt zu thun hat, wenn nun derselben selbstverständlich, auch nicht alle die Schalksstreiche, von denen das Volksbuch, berichtet, zur Last fallen. Es war eben damals gerade wie heute, Frau Fama zeigte sich genau ebenso geschwätzig und phantasiereich, und war Eulenspiegel einmal bekannt und populär als lustiger und loser Vogel, so brachte der Volksmund eben alle Dummheiten oder Schwänke, die zu seiner Kenntnis gelangten, ihm aufs Kerbholz. Nachweislich entstammt ja auch ein Teil der sogenannten Eulenspiegelstreiche älteren Werken, wie z. B. dem Pfaffen Ameis, dem Pfaffen Kalenberg usw. Als Beweise für Till Eulenspiegels Lebhaftigkeit werden


