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MM icht Glückes bar sind deine Lenze, WM Du forderst nur des Glücks zu viel;
Gib deinem Wunsche Maß und Grenze, Und dir entgegen kommt das Ziel.
DaS Glück, kein Reiter wird's erjagen, Es ist nicht dort, es ist nicht hier; Lern' überwinden, lern' entsagen, ______________Und ungeahnt erblüht es dir. Th. Fontane.
(Nachdruck verboten.)
Geächtet.
Roman von LotharBrenkendorf.
(Schluß.)
Zwanzigstes Kapitel.
Auf einer kleinen Waldblöße unweit des Totendorfes hielt Sixtus von Plothow vor der Front feiner treuen Schar. Er trug noch den bürgerlichen Anzug, in dem er in der letzten Nacht aus dem Herrenhause von Lasdehnen entflohen war; aber der Husarenkalpak bedeckte sein Haupt, und das Kreuz des Ordens pour le merite schmückte seine Brust. In einer kurzen, mannhaften Ansprache hatte er seinen Husaren auseinandergesetzt, daß nun das Ende gekommen sei.
„Wer von Euch die Gnade des Königs damit zu gewinnen hofft, der gehe hin, sich; freiwillig zu ergeben. Niemand wird versuchen, ihn zurückzuhalten, und meine besten Wünsche werden ihn geleiten."
Keiner aber hatte sich auf diese Aufforderung hin gerührt. Todesmut und finstere, unbeugsame Entschlossenheit spiegelten sich auf jedem dieser wetterharten Gesichter.
„Wohlan denn, Leute", hatte her Major seine Rede geschlossen, „so werden wir zusammen sterben, wie wir zusammen gelebt und gekämpft haben. Der Wald, darin wir uns befinden, ist rings umstellt. An ein Entkommen ist ebenso wenig zu denken wie daran, daß wir uns etwa durchschlagen könnten. Vielleicht schon in der nächsten Viertelstunde wird auf allen Seiten der Angriff beginnen. Wir könnten es ihnen sauer machen, uns zu bewältigen, und wir haben noch! Munition genug, um manchen von ihnen ins Gras beißen zu lassen, ehe an uns die Reihe kommt. Mer wir wollen nicht vergessen, daß es unsere ehemaligen Kameraden sind, die gegen uns kämpfen, und daß sie nur dem Befehl ihres Königs gehorchen. Darum wollen wir nicht ohne Not die Preußen
erde mit preußischem Blute tränken. Wenn sie den Ring um uns geschlossen haben, brechen wir nach gutem Reiter- brauch mit lautem Hurra gegen das Totendorf hin vor. Memand soll beim Kampfe eine andere Waffe als seinen Säbel brauchen, und auch den nur, um zu hindern, daß sie ihn lebendig sangen. Wer damit einverstanden ist, der erhebe seine Hand!"
Da zauderte keiner, seine Rechte emporzustrecken, und noch einmal leuchtete es wie in freudigem Stolz über des Majors ernste Züge hin.
„Ich danke Euch! Ich hatte es nicht anders erwartet. Und nun bitte ich jeden einzelnen um Verzeihung, daß W ihn in diese traurige Lage gebracht habe, und sage jedem einzelnen Lebewohl."
Er ritt die Front entlang, um den Männern, einem nach dem anderen, kräftig die Hand zu schütteln, und es war kaum einer, der sich nicht herabgebeugt hätte, um ehrfurchtsvoll diese dargebotene Hand zu küssen. In den Augen der rauhen Krieger, die vielleicht seit ihren Kindertagen nicht mehr geweint hatten, glänzten Thränen, und tote mühsam unterdrücktes Schluchzen wurde es hier und da vernehmlich. —
Da krachte in geringer Entfernung ein Schuß — und noch einer —, und wieder einer. Die Pferde spitzten die «Ohren und die Reiter rückten sich in den Sätteln zurecht. Major Sixtus wandte seinen Rappen und riß den Säbel, den er über seinen Anzug gegürtet hatte, aus der Scheide.
„Zur Attacke vorwärts — marsch — marsch!"
Und wie der Sturmwind brachen sie aus dem Walde hervor.
Zwei knatternde Salven krachten ihnen aus dem Trümmerfelde des Totendorfes entgegen. Aber die Kugeln gingen zu hoch, nicht eine einzige hatte getroffen. Und dann verstummte zur geheimen Verwunderung der todesbereiten Freischärler das Schießen. Major Sixtus aber starrte mit weit geöffneten Augen vorgebeugten Leibes entsetzt auf die Gestalt einer einzelnen Reiterin, die von dem Dorfe her in sausendem Galopp geradeswegs auf sie zugesprengt kam, ein wehendes, weißes Tuch in der erhobenen Rechten schwenkend.
„Elisabeth!" murmelten seine Lippen, und seine breite Brust arbeitete, als ob ihm da drinnen etwas zerspringen wolle. Den Rappen aber hatte er mit wildem Ruck pariert, und die Husaren hinter ihm folgten seinem Beispiel, obwohl kein Kommando laut geworden war. Und nun war die Reiterin bei ihnen, die jeder erkannte, der sie bei ihrem Besuch im Lager gesehen hatte. Ihr schaumbedeckter Brauner war offenbar dem Zusammenbrechen nahe; sie selbst aber saß straff und kerzengerade im Sattel, strah-, lenden, verklärten Antlitzes, wie die Verkünderin einer Himmelsbotschaft.


