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sam bedient, wie niemand sonst, er erhielt sein Bier abgestanden und seine Speisen kalt — kurz, er hätte ein zweiter Diogenes sein müssen, wenn er sich bei diesen Zuständen wohlgefühlt hätte. Er war das aber offenbar nicht; denn er beklagte sich fortwährend bei den Gastwirten, bei seinen Vermietern, bei der Badepolizei und bei Gott weist wem sonst noch über die geflissentliche Vernachlässigung, die ihm überall zu teil wurde. Umsonst, bessern that er damit nichts. Anfangs hörte man ihn höflich an, versprach Abschaffung der Miststände, dann auch das kaum mehr. Er wurde als unbequemer Nörgler angesehen und demgemäß behandelt.
Das war jedoch eine bittere Ungerechtigkeit; denn er bildete für das Bad eine Zugkraft ersten Ranges, die ihren Reiz für die Gäste bis zum Schluß der Saison nicht einbüßte. Nie hätte ich früher gedacht, daß sich dem Thema „Trinkgelder" so viele neue Gesichtspunkte abgewinnen ließen. So gefiel es mir besonders, wenn er die Trinkgelder „eine Prämie sür die allerselbstverständlichste Pflichterfüllung" nannte. „Wer seine Pflicht erfüllt über das geforderte Maß hinaus, der mag eine Prämie verdienen", sagte er, „aber nimmermehr gebührt sie dem, der sie nur ganz oberflächlich erfüllt. Erhält er sie trotzdem, so führt dies dazu, daß er ohne Prämie überhaupt nichts mehr leisten will, hiergegen muß man kämpfen im Interesse all' der ungezählten Menschen, die nicht die Mittel besitzen, ein jegliches doppelt zu bezahlen. Wenn wir uns verbünden zum Kampf gegen die Trinkgeldersteuer, so muß doch endlich von ihr Abstand genommen werden. Ein Antitrinkgelderverein allein kann Wandel schaffen!"
Wie er mir erzählte, wollte er solchen segensreichen Verein nach dem Muster des Geheimrat Jhering gründen. Ob er's gethan hat und ob seine Bestrebungen schließlich Erfolg hatten?
Bis jetzt habe ich noch nichts davon bemerkt (— wir auch nicht! D. Red.).
Kostbare Tischglocken aus der Weltausstellung.
Nachdruck verboten.
Der Palast für Bergwerks- und Hüttenkunde aus der Weltausstellung ist an sich schon ein Labyrinth, anscheinend ohne jeden Plan ausgeführt, mit Galerien, die wild durcheinander und nach allen Richtungen schießen, die längs, quer und schräg laufen. Die vielen Ausstellungsobjekte, die hohen gußeisernen und stählernen Pylonen und die mannigfachen Dekorationen vereinfachen die Sache gerade nicht. Daher wäre ich! auch sehr in Verlegenheit, wenn ich die Lage der interessanten historischen Abteilung der französischen Kleinmetallurgie auf den Galerien dieses Palastes genau angeben sollte.
Hier, in den Kästen der historischen Abteilung glänzen zinnerne Krüge und Kannen, liebevoll blank geputzt von Generationen treuer Dienstboten. Hier schimmern Schüsseln von getriebenem Knpfer, in prachtvollen Farben und tadelloser Arbeit, Leuchter von mattem Metall mit warmen, weichen Reflexen. Plötzlich begegnet unser Auge einer sehr interessanten Sammlung: Drei große Kästen enthalten Tischglocken im Verein mit Löschhütchen und anderen Kleinigkeiten, welche man ihrer Form wegen als die Verwandten der Glöckchen bezeichnen konnte. Wir sahen in einem andern Raume eine Sammlung von Fräulein Anna Thibaud, die sich nur auf Glocken beschränkt, deren Formen herrschenden Stilrichtungen nachgebildet sind. Die hier vorliegende des Herrn Jules Domergue, die nur einen Teil einer weit umfassenderen in seinem Besitz bildet, ist sehr vielseitig.
Die ganze Sammlung umfaßt 1500 Stück, von denen hier 700 ausgestellt sind. Sie sind alle verschieden, alle merkwürdig, und einige sehr prächtig. Wenn sie sprechen könnten, würden sie jetzt, da die Tischglocke aus dem Punkt angelangt ist, durch die elektrische Klingel verdrängt zu werden, die Gefamtgeschiichte der Tischglocke erzählen. Und wieviel interessante Anekdoten wüßten sie zu berichten. Was sie wohl alles bei Tisch oder im Zimmer der gnädigen Frau oder des gnädigen Herrn erlebt haben! Einige unter diesen Glocken stammen aus chinesischen Pagoden und Tem
peln, wo sie zum Gebete läuteten. Und eine derselben zeigt einen besonders prächtigen Dekor; sie ist mit ganz verschlungenen Zügen geschmückt, und von so schönem Metall, daß es wie reines Gold aussieht. Eine andere gehörte zu den kaiserlichen Sammlungen und wurde aus dem Sommerpalais bei der Plünderung geraubt.
Es sind Tischglocken darunter, die vielleicht ein großer Goldschmied der Renaissance-Zeit ziselierte, und welche kostbare Kleinodien, hervorragende Kunstwerke sind; serner Exemplare, die aus Patrizierhäusern Pompejis stammen. Wieder andere sind aufs reichste mit schwarzem Schmelz geschmückt, mit Silber damasziert, aus Edelmetalllegierungen hergestellt, mit Edelsteinen besetzt u. s. w.; ein anderer Teil weift Formen von Blumen auf, wie Glockenblumen und Winden; auch allerlei komische Figuren sind vorhanden, welche für die Glockenform verwendet sind. Das älteste Exemplar, ein buddhistisches Glöckchen, ist schon Tausende von Jahren alt, und das jüngste ist ein Werk von Meister Denys Puech und stellt Madame Jules Domergue, die Gattin des Sammlers, dar, hochaufgerichtet und schlank. Zwischen diesen beiden Glocken, der ältesten und jüngsten, finden wir eine ganze Chronologie. Welche- Kontraste! Zwei bronzene Glöckchen, Amulette, die an Hals und Arm eines jungen gallischen Mädchens klingelten — man fand sie in einem Grabe — und daneben weit ausgebauchte Klingeln aus der Zeit, da Madame Dubarry, die Königin Marie-Amelie oder die Kaiserin Eugenie in Panierröcken, Volantkleidern und Krinolinen einhergingen.
Hd.
Humoristisches.
Falsch ausgefaßt. Alte Jungfer: „Ich möchte mich gerne verheiraten, können Sie mir keinen Rat geben?" — Heiratsvermittler: „Muß es denn gerade ein Rat sein?"
Immer im Beruf. Gerichtsrat (zu seiner Tochter): „Wenn Du Dein Benehmen gegen die Herrenwelt nicht änderst, so wirst Du in erster, zweiter und dritter Instanz sitzen bleiben!"
Literarisches.
Geradezu unbegreiflich billig muß jedem der Abonnements- Preis für das bekannte Universalblatt ,,Mode und Verlag
John Henry Schwerin, 'Berlin, erscheinen, wenn er die Reichhaltigkeit dieses in seiner Art einzig dastehenden Blattes in Erwägung zieht. So bringt die eben erschienene Nummer wieder eine ganz enorme Menge reizender Neuheiten auf allen Gebieten der Mode und Hauswirtschaft. Elegante Hochsommer- und Herbsttoiletten, entzückende Anzüge für Knaben und Mädchen, Vorlagen sür Stickerei, Nadelmalerei und Bändchenarbcit — die verschiedenartigsten Gegenstände wechseln in bunter Reihenfolge ab. Dazu kommt eine große Anzahl von Beilagen, wie die „Belletristische Beilage", die „Romanbeilage", die „Illustrierte Kinderwel!" etc. — fürwahr, jede Hausfrau müßte sich persönlich von der Reichhaltigkeit dieses ausgezeichneten Blattes überzeugen!. Ganz speziell machen wir auf den jeder Nummer beiliegenden, mustergiltigen Schnitt- mustcrbogen aufmerksam, außerdem liefert der Verlag Extraschnite nach eingesandem Körpermaß — keine sogenannten Normalschnitte — gegen Vergütung der eigenen minimalen Selbstkosten von 50 Pfg. pro Schnitt. „Mode und Haus" kostet trotz seines reichen Inhalts pro Quartal nur Mk. 1,—; mit achtseitiger Romanbeilage „Aus besten Federn" und Moden-Kolorits Mk. 1,25. Abonnements bei allen Buchhandlungen und Postanstalten. Gratis-Probenummern bei ersteren und durch den Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35.
Versteckrätsel.
Nachdruck verboten.
Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind wie die Silbe „an" im Worte „Wanderer".
Schöffengericht — Hühnerstall — Worms — Kettenhund — Großmacht — Buchenwald — Dasselfliege — Krautlerche — Vernichtung _________— Stafette. ' Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des EcgänzungsrütselS in voriger Nummer: Immer der Sonne zu, Rüstig und ohne Ermatten!
So nur bringest du
Hinter dich deinen Schatten! Ernst Ziel.
Sebsltien: ®. «urkd.rdr, — »ruck und Beklag der Brühl'schen lluiverßtätj.Buch. und Tteiudruckerei (Pietsch Erden) in «r-b-n.


