475
Augenblick zur Verfügung steht. Wie aber soll ich Ihnen das Heilmittel zukommen lassen?"
„Ich werde mit Ihrer Erlaubnis noch an diesem Abend einen meiner Leute in unauffälliger Vermeidung nach Las- dehnen schicken. Er wird zu seiner Legitimation einen Zettel von meiner Hand mitbringen; aber ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie den Mann so rasch als möglich abfertigen wollten".
„Er soll keine Minute lang ohne zwingende Not aufgehalten werden. — Und Sie, Herr Major — darf ich nicht hoffen, Sie unter meinem Dache zu begrüßen?"
„Der Fuß eines Geächteten bringt Gefahr und Unsegen in jedes Haus, dessen Schwelle er überschreitet. Nein, Fräulein von Marschall, ich werde nicht zu Ihnen kommen, und Sie können es auch nicht im Ernst wünschen. Es ist Glücks genug für mich, wenn Sie ohne Abscheu und Verachtung meiner gedenken wollen".
Ein Schluchzen schnürte Elisabeths Kehle zusammen. Unfähig zu antworten, reichte sie ihm die Hand, und Sixtus fühlte einen innigen Druck der schlanken Finger, während er sie ehrerbietig an seine Lippen führte. Eine Minute später — sie hatten wieder die Brandstätte des zerstörten Torfes erreicht — parierte er mit einem plötzlichen Ruck sein Pferd.
„Von hier aus können Sie den Weg nicht mehr fehlen; denn Sie brauchen, nur die ehemalige Straße durch den Wald zu verfolgen, deren Spuren noch deutliche erkennbar sind. Haben Sie Dank für Ihre Güte, Fräulein von Marschall, und leben Sie wohl!"
Sie hatte noch nicht Zeit gefunden, ihm zu antworten, als er bereits nach militärischem Gruße seinen Schimmel gewendet hatte und im Galopp zu den unfern wartenden Husaren sprengte. Elisabeth hatte seinen Namen -auf den Lippen, um ihn zurückzurufen; denn das Herz war ihr zum Zerspringen voll, und sie meinte, daß sie ihm noch so viel, so unendlich viel zu sagen habe. Aber es fehlte ihr doch an Mut, diesem heißen Verlangen nachzugeben!, und mit einer Empfindung bitteren Wehs sah sie seine ritterliche Gestalt in der Ferne verschwinden.
(Fortsetzung folgt.)
Trinkgelder.
Plauderei von Herbert Steinmann.
Nachdruck verboten.
Es ist etwas Erhabenes um die Grundsatztreue, aber -gleichwie von der Bescheidenheit könnte man auch- von ihr sagen: „sie ist eine Zier; doch weiter kommt man ohne jhr". In dem Fall, von dem ich erzählen will, ging der schöne Spruch sogar buchstäblich in Erfüllung. Ich saß vor ein paar Jahren auf einem kleinen schlesischen Bahnhof in Erwartung eines von mir bestellten Beefsteaks. Am nämlichen Tisch befand sich ein Herr, der in seiner Gesichtsbildung entschieden etwas von einem alten Römer hatte. Ich wäre gar nicht verwundert gewesen, wenn er mit einem Male mit großartiger Geste den Zipfel seines Mantelkragens gleich einer Toga über die Schultern geschlagen hätte. Das that er nun freilich nicht, aber statt dessen stieß er. stets, wenn irgend jemand von dem wartenden Publikum den Kellner bezahlte, ein mißbilligendes Gemurmel aus und runzelte dazu finster die Stirn. Nach einer Weile wurde mein Beefsteak gebracht, worauf ich gleich- mit dem Kellner abrechnete. Als ich! dann noch ein kleines Trinkgeld hinzufügen wollte, wurde meine Rechte plötzlich! von meinem Nachbar ergriffen und festgehalten.
„Was fällt Ihnen ein?" fragte ich empört, indem ich meine Hand energisch befreite und dem Kellner rasch die für ihn bestimmten Nickel gab.
„Ich wollte Sie hindern, eine unzweckmäßige Handlung zu begehen", lautete die mit ruhiger Würde erteilte Antwort.
„Eine — urt—"
„Eine unzweckmäßige Handlung, jawohl. Sie haben dem Kellner ein Trinkgeld verabreicht und das vermag ich nicht apders zu nennen. Denn — waren Sie dem Mann etwas schuldig? Nein. Folglich haben Sie ihm
ein Geschenk gemacht. Wie kommen Sie dazu, einem wildfremden Manne etwas zu schenken?"
„Weil die Kellner darauf angewiesen sind", verteidigte ich mich „Denn in der Mehrzahl der Fälle beziehen sie doch kein Gehalt."
„So muß man die Wirte zwingen, ihnen eins auszusetzen, und das kann man nur, indem man mit der Unsitte der Trinkgelder bricht. Ich bin ein Prinzipeller Gegner derselben und gebe nie welche — nie. Durch konsequente Durchführung dieses Grundsatzes erweise ich diesen Leuten eine größere Wohlthat, als durch Verabreichung von ein Paar Nickeln", fuhr der Redner überzeugungs- voll fort; „denn es muß doch auch für sie selbst etwas Entwürdigendes haben, ihren wohlverdienten Lohn in Form eines Geschenks zu erhalten."
Die Worte waren mit unvergleichlichem Nachdruck gesprochen, und der Herr sah mich dabei so finster und drohend an, . daß ich nichts zu erwidern wagte.
Gleich darauf kam der Omnibuskutscher, der die Leute von der Bahnstation nach dem einige Kilometer entfernten Badeorte zu fahren Pflegte und erkundigte sich, teer' fein Gefährt zu benutzen beabsichtigte. Es meldeten sich mehrere, darunter mein Nachbar und ich
„Und der Preis?" fragte jemand.
Der Kutscher nannte ihn und fügte hinzu: „ein Trinkgeld aber werden die Herrschaften mir doch noch außerdem geben?"
„Nein — nein — und zum dritten Mal nein", rief mit wahrem Posaunenton die Stimme des Antitrinkgeldermannes. „Da sehen Sie", fuhr er, sich zu mir wendend, fort, „wohin das Trinkgeldersystem führt! In diesem Fall werden Sie doch schwerlich behaupten können, daß der Mann auf die Geschenke seiner Fahrgäste angewiesen ist. Ich wette, daß er einen anständigen Lohn bezieht, aber trotzdem entblödet er sich nicht —" und nun folgte eine zündende Rede, in der den Anwesenden das Verwerfliche der Trinkgelder klar gemacht wurde.
Inzwischen hatte sich der Kutscher mit einem hämischen Blick aus den Sprecher entfernt. Wir andern, die wir mit» Anfuhren gedachten, begaben uns nach einer Weile nach dem Omnibus, mein neuer Freund jedoch predigte in seinem heiligen Eifer unverdrossen weiter. Publikum hatte er ja immer noch genug, da sich eine Masse Leute auf dem Bahnhof befanden, die auf die nächsten Züge warteten. Und sie hörten ihm alle gern zu — ausnahmslos!
Als wir schon auf dem Wagen saßen, kam er ange- stürzt, doch wie der Kutscher seiner ansichtig ward, hieb er auf die Pferde und — heidi — ging's davon. „Aber so nehmen Sie mich doch mit", schrie jener. „Alles besetzt!" tönte es vom Bockplatz hohnlachend zurück.
Ich muß hier zur Schande des Kutschers gestehen, daß dies eine grobe Lüge war; denn es besanden sich noch mehrere leere Plätze im Wagen, aber — Rache nehmen ist menschlich, also auch verzeihlich.
Ich. habe den Antitrinkgeldermann während der nächsten Wochen noch öfters in dem Badeort gesehen, und zwar immer inmitten einer größeren Korona, die er für seine Ideen zu gewinnen suchte. Heber Mangel an Aufmerksamkeit hatte er sich bei seinen Hörern nicht zu beklagen, ja, ich glaube, sie hätten nötigenfalls sogar Eintrittsgeld bezahlt, um seinen Vorträgen beiwohnen zu dürfen, aber ein weitergehender Erfolg war ihm nicht be- schieden. Es wurden hier wie überall Trinkgelder gegeben — recht hohe sogar, tote ich wenige Tage nach- meiner Ankunft von dem Hausknecht erfuhr, der meine Schuhe wichste. In einem Fall hatte er sogar von einem Gast bei der Abreise 20 Mark bekommen. Der Zweck dieser Mitteilung war mir sofort klar, und ich habe sie mir zu Gemüte geführt — so weit meine Verhältnisse es mir gestatteten, .wenigstens.
Ja, lieber Gott, was will man machen! Wir Menschen von heute sind nun einmal keine antiken Römer oder Spartaner, die sich durch Gleichmut und Bedürfnislosigkeit auszeichnen. Denn diese Eigenschaften muß man besitzen, wenn man keine Trinkgelder geben will, das habe ich an dem Helden dieser Geschichte zur Genüge erfahren. Er mußte sich seine Stiesel selbst wichsen und seine Kleider selbst reinigen, weil der Hausknecht das nicht oder doch nur sehr ungenügend that, er wurde so schlecht und lang-


