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handelt. Das ist längst vergessen und abgethan. Wer weiß, ob ich im Stabe Ihres Vaters so reiche Gelegenheit gefunden Hütte, meinem Vaterlande zu dienen, als in den Reihen der verwegenen Freischar, der ich mich unter dem Namen Sixtus anschloß. Meine Kameraden und wohl auch meine Soldaten wußte« recht gut, wer sich; hinter diesem Namen verbarg. Der König aber — so denke ich — hat es nie erfahren. Sonst Hütte er mir wohl schwerlich dies Kreuz da verliehen. Es geschah nach einem Siege, der für ihn von unschätzabrem Werte war, und bei dem jeder zweite Mann aus unserem Korps sein Leben ließ, Ich Hütte mir's auch als Herr von Plothow nicht rechtschaffener verdienen können, und ich denke, man wird großmütig genug sein, es mir zu lassen, auch wenn man mich sonst wie einen Verbrecher behandelt. — Doch es war eigentlich nicht das, wovon ich sprechen wollte. Sie wissen vielleicht, ohne daß ich es sage, mit wie wenig wohlwollenden Augen der König von jeher die Freikorps ansah. Er meinte, daß sie von nachteiligem Einfluß auf den Geist der Mannszncht im Heere seien, und in Bezug auf einige von ihnen hatte er damit wohl auch so unrecht nicht. Widerwillig nur duldete er sie, so lange ihre Auflösung für ihn immerhin den Verlust von einigen tausend tapferen Soldaten bedeutet hätte. Als dann aber der Krieg ein Ende nahm, und als die schwere Notlage seines Landes ihn zwang, selbst die Kopfzahl des stehenden Heeres aus das unumgänglich Notwendige zu reduzieren, da waren die mißliebigen Freischärler ungeachtet aller Bravour, die sie vor dem Feinde gezeigt haben mochten, natürlich die ersten, die seinen reformatorischen Bestrebungen zum Opfer fallen mußten. Von einer Anerkennung der Dienste, die auch sie dem Vaterlande geleistet hatten, war da nicht die Rede. Und in der Ordre, welche die Auflösung der Freikorps verfügte, hieß es kurz und deutlich, sie hätten sich von der Armee fortzupacken, widrigenfalls man sie als Marodeurs und Diebsgesindel behandeln würde.*)
„Welche grausame Ungerechtigkeit! Welche empörende Härte!" ries Elisabeth mit glühenden Wangen. „Ist das unser großmütiger König?"
„Ich nehme mir nicht heraus, ihn deshalb zu tadeln", sagte der Major anscheinend ruhig, „wie schwer es mich selbst auch treffen mag. Aehnliches hat sich von alters- her fast nach jedem großen Kriege ereignet. Und wenn so viele von Friedrichs berühmten Grenadieren ihr Brot heute vor den Thüren erbetteln müssen,- wie dürsten wir für uns, die doch niemand unter die Fahne gerufen hatte, ein besseres Schicksal erwarten!"
„Aber diesem Befehl, den Sie so hochherzig rechtfertigen wollen, Sie haben ihm doch nicht Folge geleistet?"
„Nein! Ich wußte, daß die Mehrzahl meiner Leute dem bittersten Elend preisgegeben sein würde, wenn ich sie auseinanderjagte. Und ich wähnte in sträflicher Verblendung ihnen ein besseres Schicksal bereiten zu können. Rußland war seit der Thronbesteigung des Zaren Peter unser Freund und Bundesgenosse geworden, und wenn auch die herrschsüchtige Katharina, die ihm so bald folgte, in ihrem Herzen vielleicht weniger preußenfreundlich war, als ihr Gemahl, so begingen wir doch keinen Verrat am Vaterlande, wenn wir ihr unsere Dienste anboten. Jubelnd stimmte die Mehrzahl meiner Leute diesem Vorschläge zu, und wir brachten aus Schlesien, wo wir zur Zeit des Friedensschlusses gestanden hatten, auf, um über Litauen die russische Grenze zu gewinnen. Es war ein langer, mühseliger und entbehrungsreicher Marsch; denn die Bevölkerung, die uns ehedem oft als Rettern und Befreiern zugejubelt hatte, sah uns jetzt mit scheelen Augen an und verweigerte uns die Lebensmittel, deren wir für uns und für die Pferde bedurften, zuweilen auch, dann, wenn wir reichliche Bezahlung dafür boten. Da schmolz denn meine Schär schon unterwegs sehr beträchtlich zusammen, und es war nicht viel mehr als die Hälfte, die ich bis hierher brachte. Ich hatte einen Brief an die russische Kaiserin geschrieben und durch sicheren Boten abgesandt. Wochenlang harrten wir in banger Ungewißheit auf Antwort, unser Leben fristend, so gut oder
*) Streng historisch, wie die ganze Darstellung der Schicksale des Majors und seiner Leute.
so schlecht es eben ging. Die armen Burschen, die ihr Schicksal voll gläubigen Vertrauens in meine Hand gelegt hatten, waren !oft per Verzweiflung pahe. Allerlei schlimme Gelüste, durch die bitterste Not gezeitigt, begannen sich unter ihnen zu regen, und ich konnte meine Autorität über sie nur dadurch zurückgewinnen, daß ich vor der Front mit feierlichem Schwur gelobte, sie nie zu verlassen, wie auch immer sich unser Schicksal gestalten möge. Für mich selbst freilich hätte es solchen Versprechens nicht erst bedurft; denn ein Schurke wäre der Offizier, der seine brave Mannschaft im Stich lassen könnte".
„Und die Kaiserin Katharina? Sie hat Ihnen nicht geantwortet?"
„Doch! Sie ließ uns kurz und ungnädig sagen, daß sie für unsere Dienste keine Verwendung hätte. Der Winter brach eben herein, als wir die niederschmetternde Botschaft erhielten".
„Und seitdem —"
„Seitdem leben wir eben, wie ddr König es nennt, als Marodeurs und Diebsgesindel — bald auf preußischem bald auf russischem Boden. Hüben wie drüben enthalten die lange geschonten Wälder Wild genug, um eine ganze Armee jahrelang zu ernähren. Und was wir etwa sonst noch für des Lebens Notdurft brauchen, das — nun, das verschaffen wir uns eben, wie wir können".
Der geheuchelt gleichinütige Ton dieser Worte schnitt Elisabeth tief ins Herz, als eine verzweifelte Klage. Große Thränen funkelten an ihren Wimpern, als sie beklommen fragte: „Und wie lange wollen Sie dieses schreckliche Leben noch ertragen?"
„So lange, bis der letzte Mann meiner Truppe versorgt oder gestorben ist, wie ich es geschworen habe. Und wenn es sich zufällig fügen sollte, daß dieser letzte Mann als Dieb und Räuber gehängt wird — nun, so werde ich mich mit ihm hängen lassen, damit er auf feinem schweren Gange nicht sagen darf: ,Unser Major ist doch ein Wortbrüchiger gewesen".
„Wie entsetzlich ist es, solche Reden aus ihrem Munde zu vernehmen!° Und es sollte sich gar nichts thun lassen, Sie aus ihrer unwürdigen Lage zu besreien? Es scheint mir selber fast ungeheuerlich, daß ich>, ein schwaches, ohnmächtiges Weib, Ihnen, dem tapferen Offizier, meinen Beistand anbiete. Aber ich habe noch immer einige Verbindungen in Potsdam und Berlin, und wenn ich —"
Mit einer Entschiedenheit, die sie sofort jeder Hoffnung berauben mußte, fiel der Major ihr ins Wort: „Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, doch weder sie noch irgend ein anderer vermag für uns etwas zu thun. Jeder Versuch nach dieser Richtung hin würde vielmehr unsere Lage ohne Zweifel nur verschlimmern. Das beste, was uns widerfahren kann, ist, daß die Herren in Berlin so wenig wie möglich an unser Dasein erinnert werden. Wenn Sie es wirklich gut mit unns meinen, so lassen Sie diese unsere Begegnung Ihr Geheimnis bleiben. Das ist alles, was ich von Ihnen erbitte".
Elisabeth war kaum noch imstande, die Thränen zurückzuhalten, die sich ihr heiß in die Augen drängten.
„Und ich kann Ihnen nicht einmal irgend einen geringfügigen Dienst erweisen? Wenn Sie mir wenigstens gestatten wollten, für Ihre Bequemlichkeit zu sorgen, indem ich Ihnen dies oder jenes übersende —"
Doch ablehnend schüttelte Sixtus den Kopf. „Ich bedarf keiner größeren Bequemlichkeit, Fräulein von Marschall! Einen Soldaten, der sieben Jahre im Felde gestanden hat, ficht das Biwakleben wenig an. Aber wenn Sie mir ein Medikament für meine armen Fieberkranken senden wollten, würde ich Ihnen allerdings von Herzen dankbar sein. Es schneidet mir in die Seele, sie leiben zu sehen, ohne ihnen Hilfe bringen zu können".
„Mit tausend Freuden! — Ich habe einen beträchtlichen Vorrat von Chinin*) im Hause, der Ihnen jeden
*) Friedrich der Große war einer der ersten gewesen, welcher die Wirkung des Chinins an sich selbst erprobten. Trotz des dringenden Abratens seiner Aerzte hatte er es bei einem Fieberanfall angewendet, und die überraschende Wirkung, die das neue Heilmittel gerade bei diesem hohen Patienten übte, trug nicht wenig dazu bei, es schnell in Aufnahme zu bringen.


