1900«
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Uhne ernsten Fleiß und strenge Selbstprüfung kann auch das Talent kein bleibend wertvolles Kunstwerk schaffen.
Hugo Bürkner.
(Nachdruck verboten.)
Geächtet.
Roman von Lothar Brenkendorf.
(Fortsetzung.)
Zehntes Kapitel.
Lange Zeit wartete Elisabeth vergebens, daß ihr Begleiter sein Versprechen einlösen werde. Wieder war der Major in jenes düstere Schweigen versunken, das sie schpn vorhin auf dem Herwege so sehr beunruhigt hatte. Es schien, als habe er seine Zusage völlig vergessen, und tote brennend auch ihre mit beklemmender Bangrgkett gemischte Unruhe sein mochte, fehlte ihr bod), der Mut, thn durch eine erneute Frage daran zu erinnern. t
Aber als sie nun aus dem Walde heraus wteder ins freie Feld kamen, richtete sich, der verstummte Retter plötzlich im Sattel auf und sagte mit ettter wetten Awi- bewequng über die verödete Landschaft hm: „ Ein trauriger Anblick für jedes Preußenauge — nicht wahr mein Fräulein? Und doch, wenn unsere ehemaltgen Feinde hier minder gründlich verfahren wären — wenn sie Litauen nicht in eine Wüstenei verwandelt hatten, wäre unter den armen Burschen, die Sie soeben gesehen haben, wohl keiner, der sich noch des Lichtes der Sonne erfreute. Denn biefe (Sinfennfeit ift unsere letzte -8^" flucht. Wir sind Ausgestoßene und Geächtete, für bte nicht Raum ist inmitten friedsamer, ordnungltebender
Bürger". r .
Bestürzt hatte Elisabeth die Augen zu einem Gesicht erhoben. So wenig sie daran zweifeln konnte, daß seine Worte bitter ernst gemeint seien, so wenig vermochte sie ihren Sinn zu begreifen. M
„Sie sehen mich zweifelnd an, und uiji verstehe wohl daß es Ihnen schwer wird, sich in solche Vorstellung zu finden, wenn Sie vergangener Tage gedenken. Wer M sage nichts als die lautere Wahrheit. Selbst bte bescheibene Gastfreunbschaft, bie Sie soeben genossen, würben Sie vermutlich mit Entrüstung zurückgewiesen habeil, wenn Sie gewußt hätten, wer sie übte".
„Sie quälen mich, Herr Major , sagte Elisabeth bittenb. „Welches Unglück Sie auch immer henngesncht haben mag, ich bin gewiß, baß es Ihnen kein Recht giebt, in solchem Tone von sich selbst zu sprechen".
„Schlimm genug für mich, baß idj, gezwungen wm, Ihre gute Meinung zu zerstören. Seien Sie versichert, mein gnäbiges Fräulein, bah ich nicht übertreibe. Ich unb meine braven Leute, von betten jeher wohl hunbert- mal sein Leben für König unb Vaterlanb eingesetzt hat, finb vor Gesetz unb Obrigkeit heute nichts anberes als eine tzorbe von Räubern". ,
„Nein!" unterbrach sie ihn mit beinahe leibenschaft- licher Heftigkeit. „Nein, bas ist unmöglich! Unb ich verbiete Ihnen, so zu reben. Sie wissen nicht, wie wehe Sie mir bamit thun".
Wieber zuckte es unter bem buschjgen Schnurrbart, aber bie Stimme bes Majors verriet nichts von innerer Bewegung. Sie hatte vielmehr einen harten fast schneiben- ben Klang, als er erwiberte: „Da Sie über Ursache unb Zweck unseres Hierseins Auskunft von mir zu erhalten wünschten, müssen Sie mir's wohl gestatten, bie Dinge beim rechten'Namen zu nennen. Unb ich wählte immer noch eine milbere Bezeichuung als Seine Majestät unser allergnäbigster König, ber in seiner Orbre einen viel weniger glimpflichen Titel wählte". .
„So geben Sie mir enblich ben Schlüssel zu bie, em Rätsel, bas zu lösen über meine Kräfte geht. Ich sehe Sie vor mir in einem Kleibe, bas man mich seit meiner frühesten Kinbheit gelehrt hat, als bas ehrenvollste zu betrachten; Sie tragen bie höchste Auszeichnung, bie ber König einem tapferen Solbaten verleihen kann, unb trotz- bem wollen Sie mich; glauben machpn, baß — ach, ich mag bas abscheuliche Wort nicht wieberholen. An wessen Ehrenhaftigkeit sollte ich benn überhaupt noch glauben können, wenn ich an ber Ihrigen zweifeln müßte!"
Als sie ber Auszeichnung erwähnte, hatte er mit einer raschen, verlegenen Bewegung nach, seinem Halse gegriffen, um bas Kreuz tiefer unter bie Uniform zu schieben. Ein wehmütiges Lächeln huschte über sein Gesicht, währenb erben Orben zwischen ben Fingern fühlte.
„Aber ich sagte Ihnen boch, Fräulein von Marschall, baß ich gar kein Recht habe, diesen Rock zu tragen. Ich hatte es nach des Königs Willen schon vor acht Zähren verwirkt, benn bamals würbe mein Name für immer aus ben Listen ber preußischen Armee gestrichen".
Elisabeth war sehr bleich, geworben. „Um meines Ver- schulbens willen", sagte sie leise. „Ich weiß es; benn man hat mir's erzählt, als ich mich von meinem Krankenlager erhob, unb als es zu spät war, 'etwas barem zu ändern. O, wenn Sie wüßten, wieviel ich in diesen acht Jahren unter bem entsetzlichen Schulbbewußtsein gelitten!"
Der Major machte eine abwehrenbe Geste. „Sie hatten keinen Grunb, sich mit Vorwürfen zu quälen. Ihre Schulb war geringer, als bie meine, unb am Enbe hatten wir ja beibe nicht aus schlechten Motiven ge-


