dings wahr fein, daß die Dramen dieser Schriftstellerin nicht zu den besten und vornehmsten Werken der deutschen Litteratur zu zählen sind — aber besser als ihr Ruf sind sie doch, das beweist nicht nur der ungeheure Erfolg, den sie bei ihrem Erscheinen davongetragen haben, sondern auch; der Umstand, daß eine ganze Anzahl von ihnen sich auf dem Repertoire selbst unserer besten Bühnen behauptet hat. Allen Ausstellungen der Kunstkritiker zum Trotz hat sich> das Publikum von Anfang an für die Birch-Pfeiffer entschieden, und manche ihrer Dramen, wie „Die Grille", „Die Waise von Lowood" usw. üben noch heute auf die große Masse eine weit gewaltigere Anziehungskraft und Wirkung aus, als zahlreiche Stücke von Dramatikern, die einen Vergleich! mit der Verfasserin von „Dorf und Stadt" als eine Beleidigung aufnehmen würden, ohne jemals geistig halb so lange zu leben wie sie.
Das Publikum gilt allerdings als kein geeigneter Kunstrichter, oder wenigstens nur solchen, denen es Beifall zollt. Und doch ist es in erster und letzter Hinsicht der Appell an diese Instanz, der das Schicksal eines Dramatikers entscheidet — eine Instanz, die gar nicht so leicht zu befriedigen ist, wie es immer dargestellt wird. Jedenfalls kann doch das, was nicht nur die Mitwelt, fondern auch noch die Nachwelt entzückt, nicht so ganz allen Wertes entbehren; denn so urteilslos ist die Menge auch! nicht, daß sie sich uur so ein 'S für ein U machen, oder bloß von den „schönen Augen eines Dichters oder einer Dichterin sich faszinieren ließe. In der That besitzen denn auch! die Dramen unserer Schriftstellerin ungeachtet mancher Mängel auch hohe Vorzüge, um die sie selbst bedeutend über ihr stehende Dra- uratiker zu beneiden Ursach!e haben. Als Schauspielerin und Theaterleiterin kannte sie die Bühne und alles, was mit ihr zusammenhängt, aus dem Fundamente. Sie verstand sich! auf die Effekte und den Lieblingsgeschmack des Publikums. Sie hielt es mit dem Direktor in Goethes „Faust":
„Besonders aber laßt genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn. . Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen.
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Und jeder geht zufrieden aus dem Haus."
Was nützen in einem Drama die schönsten Gedanken, wenn der Verfasser nicht versteht, sie fesselnd vorzutragen? Die Birchi-Pfeiffer trug nun allerdings nicht fremde Gedanken vor, sie bearbeitete die berühmtesten Romane ihrer Zeit, aber gerade deshalb erwarb sie sich ein großes Verdienst, denn sie lieh ihre bedeutende theatralische Begabung den Ideen bedeutender Männer und pflanzte dieselbe auf solche Weise in alle Herzen. Ihre Stücke sind deshalb nicht immer gerade von ästhetischem, meist aber doch von ethischem Wert, und wenn wir die Schaubühne als moralische Anstalt betrachten, so können wir ihnen eine gute and nützliche Wirkung nicht absprechen. Ein Lehrer, der mit wirklichem Nutzen lehren will, muß seinen Vortrag dem geistigen Standpunkt feiner Schüler anbequemen, oder er wird tauben Ohren predigen, und wenn er auch! ein zweiter Kant und Spinoza wäre.
Wir essen von Zeit zu Zeit alle gern etwas Gutes, aber unsere Hauptnahrung bildet doch eine gesunde Hausmanns- und Durchschnittskost, und diese ist es, welche die Birch-Pfeiffer dem Publikum bietet. Sie bildet gewissermaßen eine Vorschule für höhere Geister. Sie darf nicht Alleinherrscherin sein, die Größeren müssen neben ihr und mit ihr zum Worte kommen, aber sie ist es, welche den minder Vorbereiteten für die Sprache der edelsten Geister empfänglich! macht, die Neigung für das Theater erweckt und erhält, und den Boden für eine feinere geistige Speise vorbereitet. In dieser Hinsicht steht sie auf derselben Stufe mit Kotzebue und Raüpach Selbst Goethe und Schiller konnten die Stücke Kotzebues in ihrem Theater nicht entbehren, und — Hand aufs Herz —, wenn man den Zeitgeschmack berücksichtigt, ist in einem einzigen der Kotzebueschen Lustspiele mehr Witz zu finden, als in zehn sogenannten Lustspielen neuerer Arbeit.
Die Wiege Charlottens stand in Stuttgart, wo ihr Vater die Stellung eines Domänenrats einnahm. Hier wurde sie am 23. Juni 1800 geboren. Ihre Erziehung war
eine sorgfältige und liebevolle, und lenkte ihren regen Geist schon frühzeitig einer höheren Richtung zu. Ihr Vater war nämlich, der Stubenkamerad Schillers auf der Karls- schule, er wohnte mit dem berühmten Dichter in einem Zimmer, und er war es, der einst das Manuskript der „Räuber" vor den Augen der Aufseher in das Bettstroh verbarg. Die Darstellung seines Verkehrs mit dem Lieblingssänger der deutschen Station wirkte gewaltig aus das empfängliche Gemüt des Heranwachsenden Kindes. Noch ein anderer Umstand kam dazu, ihre Neigung für den mündlichen Vortrag zu erwecken und zu stärken. Ihr Vater war erblindet, und Charlotte diente ihm als' Vorleserin. Mehr und mehr wandte sich nun ihre Aufmerksamkeit dem Theater zu, sie schwärmte für den Berus einer Schauspielerin, und die Schwärmerei gestaltete sich bald zur unbesiegbaren Leidenschaft. Ihr Vater, den König Max Joseph I. von Bayern 1806 als Oberkriegskommissar nach München berufen hatte, widerstrebte durchaus der verhängnisvollen Neigung, er behauptete, der Beruf einer Schauspielerin sei keine Carriere für eine Tochter aus guter Familie. Erst nach; harten Kämpfen und nachdem der König selbst für Charlotte ein gutes Wort eingelegt, erteilte er feine Zustimmung. Der König hatte zufällig von dem „Lottl" gehört. Das damals zwölfjährige Mädchen besuchte den Konfirmandenunterricht des Oberhofpredigers Dr. Shmidt. Als dieser nun eines Tages feinen Schülern in begeisterten Worten das Jenseits schilderte und alle die herrlichen Freuden des Himmels, da stand „Lottl" plötzlich! auf und fragte ihn ehrerbietig: „Sie, Herr Oberhofprediger, woher wissen's denn das so genau?" Der König hatte herzlich, über den Zwischenfall gelacht, und als er bald darauf das Mädchen bei Gelegenheit eines amtlichen Vortrags, den ihm der Kriegsrat hielt und bei dem seine Tochter dem Blinden als Führerin diente, persönlich kennen lernte, interessierte er sich, für das geistvolle Wesen und wohnte sogar dem Debüt der Anfängerin bei, um nach Kräften zu applaudieren.
Charlotte zählte erst dreizehn Jahre, als sie die Bretter, welche die Welt bedeuten, betrat. Doch war sie geistig und körperlich so kräftig entwickelt, wie ein Mädchen von siebzehn Jahren. Der Schauspieler Zuecarini unterrichtete sie, unter seiner Leitung bildete sie sich bald zu einer trefflichen Künstlerin aus. Ihr erstes Auftreten geschah 1813 in „Moses Errettung" von Plötz, auf dem der königlichen Hoftheaterintendenz unterstellten Jsarthortheater. Achtzehn Jahre alt, übertrug man ihr bereits das ganze Fach der tragischen Liebhaberinnen. Ihr künstlerischer Ehrgeiz trieb sie in die große Welt: aus einer Kunstreise durch Deutschland (1822—1823) gastierte sie u. a. in Stuttgart, Darmstadt, Karlsruhe, Frankfurt, .Hamburg und Berlin und überall mit vorzüglichem Erfolge. In Hamburg lernte sie ihren zukünftigen Gatten, den Schriftsteller Dr. Christian Andreas Birch; (geb. 1793 zu Kopenhagen, gest. 1868 zu Berlin) kennen: nachdem (biie Herzen sich gefunden, folgte Charlotte 1820 dem Geliebten zum Altar. Zuerst schlugen die Neuvermählten ihr Domizil in München auf, wo Birch eine Anstellung bei der Hoftheater-Jntendantur erhielt; schon int nächsten Jahre nahm die kunstbegeisterte junge Frau indessen ihre Gastspielreisen wieder auf, die sie bis nach Petersburg, Pest und Amsterdam ausdehnte. Im Jahre 1837 übernahm sie, des unsteten Lebens satt, die Direktion des Theaters in Zürich;, das sie im Verein mit dem berühmten Mimen Seydelniann zu einer Pflanzschule für das deutsche Theater ausbilden wollte. Nach sechsjähriger Wirksamkeit folgte sie einem ehrenden Rufe an das Berliner Schauspielhaus, um die Stelle von Amalie Wolf einzunehmen; im Sturme eroberte sie sich! die Gunst der Berliner und bewahrte sich dieselbe bis zu ihrem am 25. August 1868 erfolgten Hinscheiden.
In Berlin stand sie in regem geistigen Verkehr mit Meyerbeer, Varnhagen und seiner geistreichen Gattin Rahel; letztere war es auch, die sie zuerst ermutigte, sich als Bühnenschriftstellerin zu versuchen. Ihr erstes Stück „Der böhmische Mägdekrieg" erschien 1828, aber erst mit „Pfefferrösel" errang sie einen unbestrittenen Erfolg. Seitdem folgte ohne Panse Drama aus Drama, sodaß sie es während ihrer langen Schaffensperiode auf bald hundert Stücke brachte, eine Fruchtbarkeit, die nur durch die Bearbeitung fremder Motive erklärlich, und möglich! ist. In-


