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Bäcker und dem Fleischer sind an diesem Morgen die Waren vom Fräulein, der Angeklagten, abgenommen worden. Der Merkurbriefträger Grotjan aber — sehen Sie, hier steht's gedruckt — hat ausgesagt, er hätte, wie alltäglich, unten im Baubureau Briefe abgegeben, für die erste Etage habe er an diesem Tage aber nichts gehabt. Merken Sie auf, Fyau Thorbeck! Dieser Grotjan hatte den Lotteriebrief an Sie zu bestellen und behauptet dennoch, er hätte nichts für die erste Etage gehabt. Er hat also das Gericht belogen!"
Therese starrte den Detektiv mit offenem Munde an.
„Wastum haben Sie nicht vor Gericht ausgesagt, daß Grotjan einen Brief an Sie gehabt haben müsse, den er Hütte abgeben sollen, ihn aber nicht abgegeben hat? Warum?"
„Ich bin nicht darnach gefragt worden", sagte ste, „und man antwortet doch vor Gericht nur auf das, wonach man gefragt wird. Ich habe auch nicht gedacht, daß das von Wichtigkeit sein könnte." ,
„Hm, hm!" machte Allram halb für sich. „Dieser Briefträger Grotjan, der sonst so pünktlich war wie die Sonne, wollte also nicht oben gewesen sein — am 17. Februar, zwischen acht und neun, gerade in der Stunde, wo der Mord geschah. Er war im Hause, aber oben wollte er nicht gewesen sein!"
Therese glotzte den Detektiv mit Augen an, welche chr aus dem Kopfe hervorquellen zu wollen schienen. „Meinen Sie etwa, daß der Merkurbriefträger — vor mir dreht sich alles im Kreise!"
„Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber", sagte lächelnd Allram, rasch wieder in einen leichten Ton einlenkend und nach dem Hute greifend. „Sie sind also musikalisch."
Er schlug ein paar Saiten auf der Zither an.
„Noch nicht lange", erwiderte die junge Frau. „Mein Mann kann's viel besser als ich. Wir sind Mitglieder des Zitherklubs Orpheus."
„Ei der Tausend! Als ich kam, horte ich Sie spielen. Das Stück gefiel mir. Ach, bitte, spielen Sie mir's einmal vor!"
Therese fühlte sich geschmeichelt. Sie genierte sich anfangs und wackelte zimperlich mit Kopf und Schultern wie ein kleines Schulmädchen, das vor einem Fremden einen Vers aüfsagen soll, was bei ihren derben Körperformen höchst ergötzlich anzusehen war, ließ sich aber doch zuletzt von Allram aus den Stuhl drücken und klimperte das vorhin unterbrochene Lied: „Der Mensch soll nicht stolz sein", von Ansang bis zu Ende. Trotzdem sie viele Noten unterschlug, häufig daneben griff und zuletzt mit einem falschen Akkord schloß, rief Herr Allram doch „Bravo!"
„Es geht noch schlecht", bekannte die dicke Künstlerin.
„Kein Meister fällt vom Himmel", tröstete ihr Zuhörer, sie aus die runde Schulter klopfend. Nur fleißig üben! Dann garantiere ich, daß Sie in kurzem den Zitherklub Orpheus mit einem Solo überraschen werden, wie z. B. „Die letzte Rose" oder „Du, du liegst mir im Herzen", was sich auch/ sehr schön ausnimmt."
Er empfahl sich in herzlichster Weise, und als er fort war, legte sich die harmlose junge Frau vergebens die Frage vor, wie es wohl gekommen sei, daß er sich ihrer nach fünf Jahren plötzlich! wieder erinnert und was er eigentlich bei ihr gewollt habe.
Konstanze Herbronn zählte in St. Rochus zu den Schwerkranken. Nur wenig hatte Doktor Gerth zur Erleichterung ihres Loses zu thun vermocht, und dies bestand fast nur darin, daß sie nicht mit verrückten Weibern den gleichen Wohn- und Schlafräum zu teilen brauchte, und daß sie mit der Verrichtung grober Hausarbeiten verschont blieb, wozu die Irrsinnigen, welche auf Staatskosten in der Anstalt weilten, herangezogen wurden. Aber auf eine lange Dauer dieser Vergünstigungen war nicht zu hoffen. Konstanzes Aufenthalt im Freien blieb -auf jenen Hof beschränkt; ebensowenig wie ihren Leidensgenossinnen, denen dieser Hof als einziger Erholungsort dienen mußte, war es ihr vergönnt, gleich anderen Pfleglingen,, leichte Feldoder Gartenarbeiten zu verrichten oder an Ausflügen in die Umgegend teilzunehmen.
„Melancholie, wer maß je deine Trauer, fand den
Boden?" Dieses Wort Shakespeares hätte getrost über der Eingangspforte zu diesem Orte stehen können, hinter dessen Mauern eine nicht auszudenkende Trauer herrschte. Bejammernswerte, gebrochen einherschleichende Gestalten erhoben ihre Hände nach oben, während die Jahre kamen und gingen und die letzte Hoffnung erstarb. Ueberall und fast zu jeder Zeit drang aus irgend einer Zelle, einem Gange oder Hofe Fluchen, Schimpfen und Wutgeschrei an das Ohr. Zuweilen ertönte das Totenglöcklein der Anstalt, und Kranke geleiteten einen Mitgenössen, dessen Seele aus der Nacht des Wahnsinns nun dem ewigen Lichte zuschwebte, nach dem Friedhöfe.
Kein Anfall, keine aufgeregten Zustände, nichts, was auf ein epileptisches Leiden deutete, konnte an Konstanz« beobachtet wepden; aber ihre trostlose Umgebung und die Gewißheit, ihr Leben hier verbringen zu müssen, steigerten zusehends die tiefe Schwermut, welche sie bereits mitgebracht hatte, -rmd nur zu sehr teilte Doktor Gerth die Befürchtung seiner Kollegen, daß die zunehmende Verdüsterung ihres Gemüts früher oder später zum Wahnsinn führen werde. Davor konnte sie nichts retten, so lange sie innerhalb dieser Mauern blieb; und ein milderes Los als diese Mauern gab es für eine unzurechnungsfähige Mörderin nicht.
Die Vorsicht gebot es, daß Gerth eine weitergehende Teilnahme an der Kranken, als seine berufliche Stellung mit sich brachte, nicht durchblicken ließ, wenn er vor Zeugen mit ihr verkehrte; und Konstanze, welche dies fühlte und begriff, bewahrte bei solchen Gelegenheiten dem jungen Arzte gegenüber die dumpfe Unempfindlichkeit, welche die Last eines eisernen Joches erzeugt und welche sich ihres Wesens mehr und mehr bemächtigt hatte. Nur wenn Gerth bei seinen amtlichen Besuchen mit ihr allein war, da belebten sich ihre sonst so apathischen Züge, ein wärmerer Hauch schien über ihr bleiches Antlitz zu wehen; ihr großes, dunkles Auge gewann jenen Glanz, der aus dem Innern kommt, und zuweilen zeigte auch wohl ein sanftes- Lächeln, daß es Augenblicke gab, wo sie ihr Elend vergaß. Aber den Schleier jenes Geheimnisses, in dessen Banne sie stand, wie sie dem jungen Arzte einst angedeutet hatte, lüftete sie nie, und wenn er diesen Punkt berührte, so zart und schonungsvoll dies auch geschah, versank sie in ihre alte Traurigkeit, und der Zauber jener helleren Augenblicke war zerstört. Die Frage, welche Titus Allram kaltblütig angeregt hatte, ob Konstanzes Beziehungen zu dem ermordeten Gelehrten reine und unverfängliche gewesen oder ob sie solcher Art waren, daß sie die Jntriguenkünste einer anderen Person heraüssorderten, welche sich dadurch gefährdet sah, verfolgte den jungen Arzt Tag und Nacht wie ein Gespenst.
Inmitten all dieser Qualen und Zweifel stand sein Entschluß, alles zu thun, um sie von dem Morde zu entlasten, unerschütterlich fest, und hätte er diesem Zwecke sein ganzes Vermögen aufopfern müssen. Doch hielt er dieses Vorhaben noch streng vor ihr geheim; es wäre Gift für sie gewesen, in ihr eine wenn auch noch! so leise Hoffnung zu erwecken, die sich vielleicht als trügerische erweisen konnte. Fühlte er sich doch selbst entmutigt, daß der Mann, auf den er sein ganzes Vertrauen setzte, kein Lebenszeichen von sich gab. Hatte er die Sache als völlig aussichtslos fallen lassen? Weilte er vielleicht bereits, für andere wirkend, im fernen Auslande, während Gerth vergebens auf eine Nachricht von ihm wartete? Das war der Gedanke, welcher den jungen Arzt zu beunruhigen begann.
(Fortsetzung folgt.)
Schauspielerin und Dichterin.
Ein Gedenkblatt zu Charlotte Birch-Pfeiffers 100. Geburtstag. (23. Juni.)
Von MaxRnprecht.
Nachdruck verboten.
Charlotte Birch-Pfeiffer! Verächtlich rümpfen die meisten die Nase, wenn der Name der Verfasserin der „Grille" genannt wird; in den Rezensionen figuriert sie als die „selige Charlotte" oder gar als „rührselige Charlotte", kurz, man hat sich angewöhnt, die einst so hochgefeierte wegwerfend zu behandeln. Nun mag es ja aller-


