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lenn es dir übel geht, nimm es für gut nur immer, Wenn du eS übel nimmst, so geht es dir noch schlimmer.
Rückert.
(Nachdruck verboten.)
Die Irre von Sankt Rochus.
Kriminalroman von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Das Hochzeitsgeschenk, welches sich in dem nun ge- öffneten Glasschranke den Blicken präsentierte, gehörte zu jenen, bei denen es dem Geber üicht um die praktische Nützlichkeit zu thun ist, sondern nur darum, mit seiner Noblesse und Freigebigkeit zu protzen. Es füllte denn auch! den ganzen Schrank aus, denn es bestand aus einem feinen Tafelservice für vierundzwanzig Personen.
„Sieh einmal an! Das lass' ich! mir gefallen!" rief Allram aus, „aber die Kosten für eine solche Festtafel möchte ich nicht tragen müssen."
Beide lachten herzlich.
„Eine solche Gasterei wird das schöne Service bei uns auch nicht erleben", seufzte Therese, mit einem wehmütigen Blicke auf ihren Porzellanschatz, „du lieber Himmel!"
„Nun, warum denn nicht? Der Ansang dazu ist gemacht; Ihr Mann hat ein schönes Geschäft und wirds gewiß vorwärts bringen."
,F) ja, das Geschäft geht gut, Gott sei Dank. Es macht uns aber auch viele Sorgen. Die Arbeitslöhne, die Auslagen fürs Material verschlingen viel Geld. Wir haben mit einem sehr kleinen Kapital anfangen müssen. Die Ersparnisse meines Mannes hätten dazu nicht ausgereicht. Da gewann ich tausend Mark in der Lotterie."
„Et, Sie Glückskind!" rief Allram. „Na, und da wurde also geheiratet.
„Ach!" seufzte Therese, „daran dachte ich eigentlich nicht gleich, sondern ich hätte mit dem Gelds lieber das kleine Landgrundstück meiner Eltern von der gerichtlichen Versteigerung gerettet. Die fand aber an demselben Tage statt, wo ich vom Lotteriekollekteur die Anzeige von dem Gewinne erhielt, und da wars bereits zu spät."
„Das war aber wirklich Pech nach so einem Glücksfalle !"
„Und denken Sie nur, Herr Allram, daran war ein einziger dummer Zufall schuld; den Brief vom hiesigen Kollekteur hätte ich eigentlich schon am Tage vorher erhalten müssen, nämlich gerade an dem Tage, wo der arme Herr Professor ermordet wurde; denn das Datum des
Briefes und des Poststempels waren vom vorhergehenden Tage. Sehen Sie, ich habe die Glücksbotschaft als heiliges Andenken aufbewahrt."
Therese brachte ein kleines Muschelkästchen herbei, welches inwendig mit blauer Seide gefüttert war, und nahm den Bries heraus, einen zärtlichen Blick darauf werfend.
„Ja, ja", nickte Allram, nur um nicht teilnahmslos zu erscheinen, da die Gewinnerin der tausend Mark allen Nebenumständen, welche mit ihrem Glücksfall verbunden waren, Gewicht beilegte, „ja, ja, der Brief ist vom 16. Februar, und abgestempelt ist er am gleichen Tage Abends zwischen sechs und sieben Uhr, und zwar ist es der Stempel der Stadtbriefbeförderungsanstalt „Merkur"! Und Sie haben den Brief erst am achtzehnten bekommen?"
„Ja, erst am achtzehnten. War das nicht ein recht heimtückischer Zufall?"
„Der Merkur ist sonst sehr pünktlich", bemerkte Allram.
„Auch der Briefträger, ein hübscher, flinker Burschp, war.immer pünktlich wie die Sonne, wenn er etwas abzugeben hatte."
„Der Brief hätte also am 17. Februar mit dem ersten Austrag abgeliefert werden sollen. Wann kam denn der Briefträger gewöhnlich?"
„Früh zwischen acht und neun Uhr."
„Und diesmal hat er den Bries nicht abgeliefert, sondern ihn einen ganzen Tag in der Tasche mit sich herumgetragen", sagte der Detektiv, den die Sache plötzliche zu interessieren begann. „An dem Morgen, gerade um die Zeit, wo er den Brief hätte abgeben sollen, ist der Professor ermordet worden. Hm!"
Er zog die Broschüre aus seiner Taschx, die er seither immer bei sich trug, blätterte darin, und legte sie vor sich auf den Tisch.
„Hier ist die Gerichtsverhandlung gegen Konstanze Herbronn. Da ist alles Wort für Wort genau niedergeschrieben."
„Das Buch haben wir ja auch!" ries Therese, „und außerdem noch ein ganzes Packet Zeitungen. Mein Mann hat alles gesammelt, was über die Gerichtsverhandlung gedruckt worden ist. Ich komme ja selbst darin vor!"
„Freilich, und Sie sind eine Art Celebrität geworden", bestätigte Allram. Dann legte er den Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle der aufgeschlagenen Seite. „Nun sehen Sie einmal her, liebe Frau Thorbeck, da sind Sie, damals noch Fräulein Zeidler, vom Vorsitzenden gefragt worden, welche Leute früh gewöhnlich in der Wohnung des Pro-- fessors ein- und ausgegangen sind, und Sie haben gesagt, zwischen sieben U'nd acht habe der Bäckerjunge die Semmeln, und der Metzgerbursche das Fleisch gebracht, und zwischen acht und neun sei häufig der Merkurbriefträger gekommen. Darauf wurden diese drei vorgeladen. Dem


