später gehen auch diese kräftigen Naturen hoffnungslos dem Untergang entgegen. Konnte er nun nach Hause gehen und seine Lage eingestehen? Er konnte weder sein Laster in Gegenwart seiner Familie offen fortsetzen, noch konnte er es verbergen. Endlich faßte er einen Plan, und nachdem er seine Nerven mit Morphium wieder gestärkt hatte, ging er nach Hause und teilte seiner Frau und Mildred sein Vorhaben mit, nach dem Süden zu reisen, und bei seinen alten Bekannten ein neues Leben zu beginnen. Er hoffte, die Seereise werde seine Gesundheit wieder herstellen. Sein Plan sand keinen Widerspruch, da er eine Verbesserung ihrer Umstände und Heilung der geheimnisvollen Krankheit versprach, die ihn befallen hatte.
Um das nötige Geld anzuschaffen, wurden die überflüssigen Möbel verkauft, welche noch immer auf dem Speicher standen, und Mildred verkaufte ohne Zögern den größten Teil ihrer Schmucksachen aus glücklicheren Tagen.
Ich würde gern mein Blut in Gold verwandeln, wenn ich es könnte, Vater, sagte sie, wenn ich Dich dafür wieder stark und gesund wie früher sehen könnte.
Seine Hand zitterte so, daß er kaum das Geld damit halten konnte. Einige Tage später nahmen sie Abschied von «inander. Unterwegs warf er seine Morphiumspritze und Morphiumflasche über Bord.
Ich will aus eine Woche brechen mit dem Laster, und wenn ich daran sterben sollte, sagte er mit einem verzweifelten Entschluß, den nur ein Morphiumsklave verstehen kann. Er litt furchtbar unter dem Wintersturm, welcher bald das Schiff erfaßte. Die Leute hielten ihn für wahnsinnig, und einige Tage lang ließ ihn der Kapitän scharf bewachen. Bald kannte man seinen Zustand aus seinem bald kläglichen, bald zornigen Bitten um Morphium. Bald geriet er in einen Zustand vollständigen Verfalls, und vielleicht wäre er gestorben, wenn der Kapitän ihm nicht in seiner Angst Morphiumgaben beigebracht hätte.
Endlich wurde er in einer Stadt des Südens im Zustande äußerster Erschöpfung ans Land gebracht. Ein Arzt wurde gerufen, welcher nichts Eiligeres zu thun hatte, «ls ihm wieder Morphium beizubringen. Damit war der alte Fluch erneuert. Dem Anschein nach genas er rasch. Er entließ den Arzt und nahm bald seine frühere Gewohnheit wieder auf. Jetzt wußte er, daß es unmöglich war, Die Schrecken vollständiger Enthaltsamkeit zu ertragen. Er suchte sein Gewissen zu beschwichtigen, indem er versprach, nach und nach die Dosis zu verringern, aber das war eine trügerische Hoffnung, welche Tausende täuscht, wie sie auch ihn täuschte.
Fortsetzung folgt.
Die Kulturfortschritte des letzten Jahrtausends.
(900—1900.)
Eine Säkularbetrachtung von Friedrich Thieme.
------- (Nachdruck verboten.)
Das 19. Jahrhundert wird mit Recht als eins der fruchtbarsten und erfolgreichsten auf allen Gebieten der Wissenschaft und Kulturentwickelung gefeiert. Vor allem die Naturwissenschaften und alle damit zusammenhängenden Materien haben einen förmlichen Triumphzug durch die einzelnen Phasen unseres Jahrhunderts angetreten, und die Künste und anderen Wissenschaften sind nicht zurückgeblieben. Von selber drängt sich uns angesichts so großartiger Erfolge ein Vergleich mit früheren Jahrhunderten auf, und wir sind nur zu leicht geneigt, gegenüber diesen staunenswerten Resultaten den Anteil früherer Jahrhunderte an der Kulturentwickelung zu unterschätzen. Wenn wir die Kulturarbeit der Vorgänger unseres Säku- lums einer gerechten Beurteilung unterwerfen wollen, so dürfen wir auf der einen Seite nicht vergessen, daß allerdings der Fortschritt der Menschheit sich in progressiver Steigerung vollzieht, weil aus einer Erfindung oder Entdeckung immer zehn neue hervorgehen und ein glänzendes Beispiel die Nacheiferungssucht in hundert Köpfen erweckt. Auf der anderen Seite müssen wir bedenken, daß wir die früheren Jahrhunderte gewissermaßen aus der Vogelschau überblicken, also weit objektiver als das unsere. Wrr sehen aus d em Ozean der Vergangenheit nur noch dre bedeutendsten Erscheinungen wie Inseln hervorragen, wahrend wir vor der Masse d^r geleisteten Arbeit des jetzt
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zu Ende gehenden geradezu erschrecken. So befinden wir uns etwa in der Lage eines Bibliothekordners, der aus den Bücherhaufen einer Reihe von Sälen die wertvollsten Werke heraussuchen soll. Alle Säle sind schon gesichtet bis auf einen; in ihnen sind die bedeutungslos gewordenen oder minder wertvollen Bücher beseitigt und nur die vorzüglichsten und kostbarsten herausgesucht, der eine, noch ungesichtete ist dagegen noch vollgestapelt bis zur Decke, er enthält die Werke der Zeitgenossen, und der Bibliothekar muß die Sichtung wohl oder übel einer späteren Zeit überlassen, da die Zukunft allein zu entscheiden vermag, was von dem Inhalt brauchbar ist, was nicht. Eine Anzahl Werke sind ja ohne weiteres als von unendlicher Tragweite zu erkennen, andere wieder — und das sind die meisten — müssen erst ihre Wirksamkeit bewähren oder sich ihren inneren Wert von der Nachwelt bestätigen lassen. Manches für unscheinbar gehaltene Werk wird dann vielleicht eine große Bedeutung erlangt haben, manches gleißende und bewunderte wird sich als bloßer Modeartikel Herausstellen, von dem man schon im nächsten Jahrhundert nicht mehr begreift, wie er den Großvätern und Vätern überhaupt je hat Respekt einflößen können.
Wägen wir ferner die Kulturfortschritte der einzelnen Jahrhunderte nach der Quantität ab, so müssen wir den früheren gerechterweise vor dem unseren etwaP. vorgeben. Vor allem dreierlei: Erstens war die Zahl der Menschen erheblich geringer — und je größer die Zahl der Bienen, je größer der Honigertrag im Bienenstock! —, zweitens lastetet« der Fluch der Unwissenheit auf einer verhältnismäßig weit größeren Anzahl von Menschen, drittens mangelten ihnen die uns verfügbaren geistigen und materiellen Kommunikationsmittel. Diese drei Umstände treten um so krasser hervor, je weiter wir in der Zeit rückwärts gehen, und verlieren immer mehr an Bedeutung, je weiter wir uns unferm Jahrhundert nähern. Immer aber müssen wir bei der Würdigung der Geistes- und Kulturthätigkeit der Vorläufer unseres Säkulums die Thatsache ins Auge fassen, daß ohne diese Thätigkeit auch die unsere nicht sein könnte. Die Entwicklung ist ein Bau aus einem Gusse: bevor nicht der Grund gelegt war, konnte man nicht mit der Errichtung der Mauern beginnen, bevor diese nicht standen, war es unmöglich, das Dach aufzusetzen.
Betrachten wir die menschliche Kultur als ein einheitliches, stolzes, gigantisches Gebäude, an dem alle Menschen in den verschiedensten Rollen mitarbeiten, diese als Verfertiger der Entwürfe, jene als Zeichner, andere als Maurer, wieder andere als Zimmerleute, Glaser, Maler u. s. w., so können wir uns leider der betrübenden Wahrheit nicht verschließen, daß der herrliche Bau bereits einmal weit, sehr weit vorgerückt war und ein bedeutendes Stück des vollendeten Teiles wieder eingefallen ist. Das Altertum hat schon einen Kulturtempel von seltener Pracht und Schönheit errichtet, an dessen Erbauung die Aegypter, Babylonier, Griechen und bis zu einem gewissen Grade auch die Römer, sowie noch andere Völker gemeinsamen. Anteil besaßen, aber von dem gleichzeitigen Ansturm des Christeutums und der germanischen und slavischen Völkerrassen brach der zuletzt immer mehr vernachlässigte Bau zusammen. Jahrhunderte lang lag er in Schutt und Asche, bis die inzwischen christianisierten Barbarenhorden in ihrer Entwickelung weit genug vorgeschritten waren, um die lange unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen.
Zunächst geschah das letztere allerdings nur in beschränktem Maße. Im zehnten Jahrhundert lag die jetzige Kulturwelt noch in tiefe Finsternis gehüllt. Das Volk seufzte unter dem lähmenden Drucke der Leibeigenschaft, dazu störten die räuberischen Ungarn, Wenden und Normannen beständig den Landfrieden. Das Christentum kämpfte im Norden noch seinen erbitterten, aber siegreichen Kampf gegen das Heidentum, während im Süden sich bereits die mächtige Papstherrschaft zu entwickeln begann. Heinrich I. (919—936), der erste deutsche Kaiser aus dem sächsischen Geschlecht, war es, welcher nicht nur nach besten Kräften die Einheit des Reiches behauptete, sondern auch die Wenden und Ungarn zurückschlug und durch die Gründung fester Städte und die diesen verliehenen Privilegien den Grund legte zur Entwickelung des deutschen Städtewesens, dadurch auch dem Handel neue Impulse schaffend. Sein Sohn Otto I. der Große (936—973) voll-


