Ausgabe 
23.1.1900
 
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Werden Sie jetzt in der Stadt bleiben? fragte Bella.

Ja, erwiderte er kurz, und das war alles, was er von sich selbst sprach.

Durch welches Wunder gelang es Ihnen, in einem solchen Haus eine so einladende Wohnung einzurichten? fragte er.

O, das ist Mildreds Werk, erwiderte sie.

Das hätte ich wissen können, sagte er, und ein plötz­licher Schatten glitt über sein Gesicht.

Ja, Milli ist ein seltenes Geschöpf! Ich fürchte, sie wird bald unsere einzige Hoffnung sein, denn sie ist so stark und vernünftig.

Ist Herr Howell nicht gesund? fragte er.

Nein, es scheint, er ist gar nicht gesund, erwiderte sie verzagt. Jetzt schläft er, wie immer am Sonntag.

Ja, bestätigte er mit leiser Stimme, Ihre Schwester ist ein seltsames Wesen, aber meine Aussicht, ein freund­liches Wort von ihr zu erlangen, scheint gering zu sein. Es wird gut sein, wenn wir uns von Anfang an richtig verstehen. Ich kam in die Stadt, und hoffe, hier Erfolg zu haben. Ich habe einen Onkel, der mir helfen will. Er ist ein bischen eigentümlich, aber vernünftig und er­fahren, und wenn er überzeugt-ist, daß ich gewisse Pläne durchführen werde, so wird er mir helfen. Jetzt beobachtet er mich und glaubt, ich sei nur hier aus rastloser, jugend­licher Unbeständigkeit, bald aber wird er die Wahrheit erfahren. Natürlich ist es besser, wenn ich zur Erreichung meines Zweckes nur fünf oder sechs Jahre, anstatt zehn brauche, wie es der Fall wäre, wenn ich ohne «Hilfe bliebe. Ich bin jetzt in seinem Geschäft angestellt, aber ich studiere jeden Augenblick, den ich erübrigen kann, und das weiß er auch, glaubt aber, das werde nicht anhalten. JSinft aber werde ich einer der ersten Advokaten in dieser Stadt sein. Sie sehen- ich bin offen gegen Sie, wie Sie es gegen mich waren. Fräulein Bute erzählte mir von Ihrem mutigen Auftreten in dem Laden, und ich war stolz darauf, Sie zu kennen. Sie können Ihrer Mutter das alles sagen, wenn Sie wollen. Ich würde gern Sie oft besuchen und zuweilen mit Ihnen ausgehen, und Sie werden sich meiner nicht zu schämen brauchen.

Sprechen Sie nicht so, sagte Bella, Sie stehen glück­licher in der Welt da, als wir.

Ich meine es so, wie ich sagte. Ich bin in den gesell­schaftlichen Gebräuchen noch nicht sehr sicher, aber das wird nicht lange dauern.

Bella war gerührt. Aber plötzlich fragte sie: In den gesellschaftlichen Gebräuchen? Dann erklären Sie mir, warum Sie solche modische Kleidung tragen?

Diese ist nicht in Forestville verfertigt worden, er.- klärte er.

Mister Robert, sagte sie, ich bin sehr erfreut, daß Sw nach Newyork gekommen sind! Ich muß Gesellsckaft und Scherz haben, oder ich explodiere. Für Sie wird^das auch gut sein, sonst werden Sie auch melancholisch. Sagen Sie nicht, die Welt sei nur geschaffen, um zu arbeiten; wenn es so ist, so will ich nichts von ihr wissen. Dieses monotone Leben kann ich nicht länger aushalten. Frühmorgens geht man zur Arbeit und steht den ganzen Tag, bis man an Leib und Seele lahm ist, und einfältige, alte Eulen nötigen uns, still zu stehen, während wir schon so müde und ge­ärgert sind, daß wir den Kunden lieber die Nase abbeißen möchten, anstatt sie zu bedienen. Auch Milli ist müde und niedergeschlagen, sie will nicht ausgehen und sagt, es gebe hier keinen Ort, wo ein junges Mädchen mit unseren Mitteln ohne Schutz hingehen könne. Die anderen Laden­mädchen sind mir auch überdrüssig, einige von ihnen sind gut und angenehm, die meisten aber dumm und grob. Auch Papa ist in letzter Zeit immer in so seltsamer Erregung, wenn er aus seinem Schlummerzustand erwacht. Früher hat er noch zuweilen mit mir gescherzt, aber jetzt ist das vorüber. Ist das ein Leben für ein Mädchen von kaum sechszehn Jahren?

Nein, Bella, das ist es nicht, aber grämen Sw sich nicht, wir wollen sehen, wie wir es besser einrichten können. Ihre Schwester will nicht mit mir ausgehen, wenigstens jetzt nicht, vielleicht niemals, aber das ist nicht meine Schuld. Doch ich muß Sie bitten, Bella, vermeiden Sie jedes Wort oder Andeutung, welche meine Gegenwart für Fräulein Mildred lästig machen könnte.

Verstehen Sie Gedanken zu lesen?

O nein, ich halte nur die Augen offen und ziehe meine Schlüsse, sagte er traurig.

Nun, wenn Sie sich mit so viel Takt und ZartgefäU zu benehmen verstehen, so werden Sie mit der Zeit iwdj besser fahren, als Sie jetzt hoffen, flüsterte sie.

XX.

D u n k l e S ch a t t e n.

Dauernde Ursachen werden früher oder später ihre Wirkung erzielen. Die Folgen des Morphiums 'wurden bei Lowell unvermeidlich. Die Erwartungen der Firma, bei welcher er beschäftigt war, wurden sehr enttäuscht, und sein Wesen war ungleich und oft so seltsam, daß es Aufsehen erregte. Eines Abends im November brachte ein zufälliger Zwischenfall die Sache zur Krisis. Ein er­fahrener Arzt war im Kontor anwesend, als Howell ein­trat, und sein geübtes Auge durchschaute ihn sofort.

Dieser Mann ist ein Morphinist, sagte er leise. Alle Sympathie, die man für einen Mann von anscheinend schwacher Gesundheit gehegt hatte, verwandelte sich sofort in Abscheu. Die Geschäftsinhaber baten den Arzt, zu bleiben, riefen Howell in ihr Privatzimmer hinein, und beschuldigten ihn ohne Umschweife des übermäßigen Ge­nusses von Morphium. Howell geriet in solche Verwir­rung, daß er zitterte, denn sein Nervensystem war bereits zerrüttet.

Sie thun mir großes Unrecht, meine Herren, vermochte er nur zu sagen, dann verließ er hastig das Zimmer und begab sich an eine Stelle, wo er sich unbeobachtet wußte, nahm seine Morphiumspritze heraus, und fühlte sich bald jeder Krisis gewachsen. Er kehrte in das Zimmer zurück und widersprach der Anklage in den entschiedensten Aus­drücken der Entrüstung.

Sprechen Sie keinen Unsinn, unterbrach ihn der Arzt rauh. Ich habe schon zu viele solche Fälle gesehen, als daß Sie mich täuschen könnten. Sie haben alle Symptom« eines Morphinisten an sich, und wenn Sie jemals Ihre Kette brechen wollen, so ist es besser, Sie sagen die Wahr­heit und begeben sich in die Behandlung eines Arztes, zu dem Sie Vertrauen haben.

Verflucht! rief Howell wütend. Durch einen von Ihrer nichtswürdigen Brüderschaft habe ich das erworben, was Sie meine Kette nennen!

Ich hoffe, Sie werdest den Rat dieses erfahrenen Arztes annehmen, sagte der ältere Teilhaber der Firma. Jeden­falls können "wir Ihnen nicht länger unsere Interessen anvertrauen. Der Kassierer wird mit Ihnen abrechnen, und damit haben unsere Beziehungen ein Ende.

Sie werden Ihre Ungerechtigkeit bitter bereuen, er­widerte Howell hochmütig. Sie entlassen einen Mann von ungewöhnlichen geschäftlichen Fähigkeiten, dessen Bekannt­schaft mit dem Süden eine universale ist, und welcher Unternehmungen einzuleiten weiß, welche enorme Reich- tümer einbringen.

Wir wollen auf alle diese Vorteile verzichten. Guten Morgen!

Haben Sie jemals eine solche Dreistigkeit gesehen? sagte der Geschäftsmann, nachdem Howell mit stolzer Miene gegangen war.

Das ist keine Dreistigkeit, das ist Morphium, sagte der Arzt. Sie sollten das Elend des armen Teufels sehen, wenn die Wirkung des Morphiums nachläßt.

Ich wünsche ihn überhaupt nicht wiederzusehen. Wenn er sich Hilfe und Achtung wieder erwerben will, so muß er dieses Laster aufgeben.

Das ist leichter gesagt, als gethan, erwiderte der Arzt. Sehr wenige sind imstande dazu, wenn sie soweit gegangen sind, wie dieser.

Was sollte er jetzt thun? Er kannte seinen Zustand tvie die meisten Morphinisten und er wußte auch, wie laug und schrecklich die Qual sein mußte, welche eine Radikalkur mit sich brachte, wenn et auch wirklich die Willenskraft hatte, eine solche zu versuchen. Manche Morphinisten können ihrem Laster in ziemlicher Ruhe jahrelang an­hängen, wenn sie vorsichtig sind, und Personen von be­sonders kräftiger Konstitution können es sogar lange Zett ertragen ohne großen physischen oder geistigen' Schaden. Aber keiner, der sich einmal Daran gewöhnt hat, kann auf­hören, ohne unbeschreibliche Pein zu leiden. Früher oder