Ausgabe 
23.1.1900
 
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Nachdruck verboten.

Heimatlos.

Roman von E. P. Roe.

(Fortsetzung.)

XVIII.

Neue Kreise.

Miß Wetheridges Besuch versprach wichtige Verän­derungen in Mildreds Aussichten. Bon Frau Willow hatte die junge Dame schon von Mildreds langen Stunden schlecht bezahlter Arbeit erfahren und wünschte, Mildreds Zu­trauen so weit zu gewinnen, daß sie zu einem guten Rat berechtig wäre. Beim nächsten Besuch nahm sie Mildred das Versprechen ab, sie zu besuchen.

Daß' die Familie nicht zu den gewöhnlichen Armen gehörte, war Miß Wetheridge sofort klar geworden und sie wollte ihrer Freundin zu einer besseren Art von Be­schäftigung verhelfen. Mildred wurde Mitglied des Jung­frauenvereins, dessen Bibliothek und Lesezimmer ihr viel Nutzen und Vergnügen versprach. Unter den verschiedenen Zweigen geistiger Arbeit, welche in dem Verein zu erlernen war, entschied sie sich für die Stenographie, in der Hoff­nung, daß ihr Vater die Familie noch für einige Monate ohne Hilfe erhalten werde. Sie war überzeugt, gutbe­zahlte Arbeiten in Menge zu erhalten, bei der sie immer noch im Verborgenen bleiben konnte. Mildred machte rasch Fortschritte und blickte hoffnungsvoll in die Zukunft. In einem Jahre konnte sie im stände sein, die ganze Familie zu erhalten, wenn es nötig wäre. So verging der Monat Oktober ziemlich rasch und hoffnungsreich. Sie erhielten zuweilen Briefe von Klara, worin sie ihre Zufriedenheit aussprach.

Ich werde so dick und rosig, wie Susanne, schrieb sie, und komme nicht mehr zur Stadt. Das Treppensteigen in jenen Miethäusern hat mich mehr ermüdet, als alle Arbeit, die ich hier verrichte, und ich arbeite hart. Aber es ist abwechselnde Arbeit mit reichlicher, guter Luft und Nahrung. Ich werde besser behandelt, als je zuvor, ganz wie ein Glied der Familie. Und da ist auch ein junger Farmer, der mich zuweilen ausfährt und spricht und han­delt wie ein Mann.

Dienstag den 23. Januar.

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er Wind facht an ein winzig Fünkchen (Shit, Der Wind löscht ans die lichterlohen Flammen;' Ein Wort, es richtet auf den zagen Mnt, Ein Wort, es bricht den stolzen Mnt zusammen.

Güll, Leitstern.

Ob dieser aufmerksame Freund Robert war, oder eine neue Bekanntschaft, das sagte sie nicht. Seit einiger Zeit lag etwas Zurückhaltung in ihren Briefen.

. XIX.

U e b e r r a s ch u n g e n.

Fast jede Stunde dachte Mildred an Arnold Vintou und suchte nach dem Grunde seines langen Schweigens. Oft schlug ihr Herz schneller, wenn sie ihn auf der Straße zu sehen' glaubte. Konnte er krank sein? Oder wartete er still, wie sie, überzeugt von ihrer Treue? Sie sehnte sich, ihn zu sehen, und an einem Novembersonntag begab sie sich in die. Kirche, welche sie beide in früheren Tagen besucht hatten. Schüchtern bestieg sie die dünnbesetzte Gal- lerie und sah bekannte Gesichter, aber sie hatte sich dicht verschleiert, um nicht erkannt zu werden. Ihre Erwartung ging nicht in Erfüllung: denn in dem Kirchenstuhl der Familie Vinlou erschien nur der alte Herr mit einer seiner Töchter. Tie Abwesenheit der Frau und ihres Sohnes erfüllte sie mit banger Ahnung, und gedrückt von schweren Gedanken und Erinnerungen weinte sie still hinter ihrem Schleier. Als sie sich umwandte, begegneten ihre Augen denen Roberts. Ihre Thrüuen schienen auf ihren Wangen zu erstarren. Sie war gekommen, um nach Monaten ge­duldigen Wartens den Mann wieder zu sehen, den sie liebte, aber ber Platz blieb leer, und nun sah sie neben sich, jemand, den sie nie wiederzusehen hoffte. Eine gewisse abergläubische Furcht, daß sie ihm nicht entgehen könne, befiel sie.

In schwermütiger Stimmung ging sie nach Hause und erzählte ihrer Mutter und Bella, was sie gesehen hatte. Bella sprang auf und klatschte in die Hände.

Das ist" vortrefflich! rief sie. Sagte ich Dir nicht, Mildred, Tu könntest ihm nicht entgehen?

Bella, erwiderte Mildred in heftiger Erregung, solche Reden sind unerträglich!

Bella, sagte die Mutter ernst, Du mußt Mildreds Gefühle schonen!

Nun, Mildred, es ist nicht böse gemeint, besänftigte sie Bella. Aber ich wünsche sehr, daß Robert uns besucht. Ich habe jemand nötig, mit dem ich sprechen kann, und die Familie ist so freundlich gegen uns gewesen. Ohne Zweifel ist er allein in der Stadt und fühlt sich einsam.

Er braucht gar nicht in der Stadt zu sein, erwiderte Mildred. Wenn es nach meinem Willen ginge, würde er bei seinem alten Schornstein leben und sterben.

Bellas Erwartung ging bald in Erfüllung, denn eben, als sie im Begriff waren, zur Kirche zu gehen, erschien Robert etwas linkisch, weil er im Zweifel über den Empfang war, der ihn erwartete. Der warme Empfang von Frau Howell und Bella beruhigte ihn etwas, Mildred aber ver­stand sich nur zu kalter Höflichkeit.