Ausgabe 
22.12.1900
 
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wandelte sich in einen Weltbürger auf dem Throne. Die Freundschaft mit dem gelehrten Papste Hadrian, die be­wundernde Achtung seitens der hohen Geistlichkeit und der Gelehrten seiner Umgebung schmeichelte ihm, und er merkte dabei recht wohl, /daß man ihm die nicht gerade seltene Verletzungen heiliger Pflichten gegen seine Familie und seine Völker verzieh.

Man würde übrigens Karl unrecht 'thun durch die Annahme, daß er mit der 'gelehrten Bildung der da­maligen Zeit nur zur Erreichung anderer Zwecke schön gethan habe. Seit seiner Romfahrt im Spätherbst 780, die sich bis weit ins .wachste Jahr hineinzog und auf welcher er den gelehrten Angelsachsen Alkuin bewog, an seinem Hofe zu bleiben, nahm letzterer beinahe den Cha­rakter einer Universität an; denn ; durch zahlreiche be­rühmte Lehrer wie Paulus Diakonus, den Grammatiker Peter von Pisa und andere Ließ er nicht nur seine zahlreiche Familie, sondern auch eine große Anzahl vor­nehmer Jünglinge aus allen Teilen seines Reiches unter­richten, und der Monarchs der unter ihnen wie unter seinesgleichen verkehrte, und sich einfachDavid" titu­lieren ließ, lernte selber am fleißigsten mit und eignete sich als Mann in den pierziger Jahren noch die Kenntnis des Griechischen und Lateinischen an, und nur im Schreiben vermochte er es niemals cheit zu bringen.

Es ist leicht begreiflich, daß Karl, der sich schon da­mals als den weitaus mächtigsten Mann Europas be­trachten konnte, -auch nach einem äußerlichen Merkmal seiner Gewalt strebte. Die Gelegenheit hierzu bot sich, als Karl im Herbst 800 nach Rom zog, um das Weihnachts­fest dort zu verbringen. Durch die Niederwerfung der Sachsen und die Zurücktreibung der muhamedanischen Mauren bis hinter den Ebro hatte sich der Franken- könig die höchsten Verdienste um das Christentum er­worben, und konnte mit Recht eine besondere Ehrung für sich in Anspruch nehmen, die begreiflicherweise nur vom Papste, als sichtbarem Haupte der abendländischen Christenheit ausgehen konnte. Obendrein war der da­malige Papst Leo III., der Nachfolger Hadrians, dem Könige zu besonderen Danke verpflichtet; denn Leo, der von den Parteien in der ewigen Stadt schwere An­feindung erlitt, wurde eines Tages im Jahre 799 bei Gelegenheit einer Prozession von seinen Gegnern auf offener Straße überfallen, in die Gefangenschaft ge­schleppt und arg mißhandelt. Wiederhergestellt, gelang es ihm, aus der Gefangenschaft zu entfliehen und wieder nach Rom zu kommen, von wo er zu Karl eilte, der sich damals gerade in Paderborn aufhielt. Der König, dessen Name allein einige Armeekorps aufwog, ließ den Papst durch eigene Bevollmächtigte nach; Rom zurückgeleiten, wo er sich zwar zunächst hielt, wo aber doch eine starke feindliche Strömung gegen ihn herrschte, die ihn jeden Tag wieder absetzen konnte.

' Der Papst, der sich; indes auf Roms vulkanischem Boden höchst unsicher fühlte, beschwor nun den König, persönlich nach Rom zu kommen, und Karl entsprach wirk­lich diesem Wunsche, nachdem er die sorgfältigsten Vor­bereitungen dafür getroffen hatte, daß während seiner Abwesenheit die Ruhe und Ordnung im Reiche nicht gestört werde. Als Karl in Rom erschien, und öffent­liches Gericht abhielt, um dem Papst Gelegenheit zu geben, sich gegen die gegen ihn erhobenen Beschuldig­ungen zu verteidigen, wagte natürlich niemand öffent­lich gegen Leo aufzutreten, der alsdann den Reinigungs- eid leistete.

Der Papst beschloß nun eine ganz besondere Ehrung, von welcher er wußte, daß sie dem König höchst will­kommen sein würde. Patricius von Rom war letzterer bereits ebenso wie vorher sein Vater; seitdem er vom Patriarchen von Jerusalem die Schlüssel zum heiligen Grabe erhalten hatte, galt er obendrein allgemein als Hort der Christenheit. Der Papst mußte also weit höher greifen, und als am Weihnachtsfeste' 800 der König vor dem Altäre der Peterskirche kniete, schmückte ihn der Papst plötzlich, als ob es nus spontaner Eingebung ge­schähe, mit den Insignien der kaiserlichen Würde und forderte das in großen Mengen versammelte römische Volk auf, den fränkischen König zumRömischen Kaiser"

auszurufen, indem er dreimal in die lebhaft einstimmende Menge hineinrief:Karl dem Erhabenen (Augusto), dem von Gott gekrönten friedbringenden, großen Cäsar der Römer Leben und, Sieg". :

Der nüchternen Geschichtsforschung stellt sich; dieser Krönungsakt, zu welchem immerhin Vorbereitungen er­forderlich waren, natürlich nicht als schöne Improvi­sation, sondern als ein von beiden Seiten verabredeter Vorgang dar und eine vakante kaiserliche Macht gab es nicht, die zu vergeben gewesen wäre; denn das aus der Rumpelkammer der Vergessenheit hervorgeholte west­römische Kaisertum war in nicht gerade rühmlicher Weise längst entschlafen. Aber aus dem bloßen Titel erwuchsen gar bald für den Inhaber der Kaiserkrone Rechte und Pflichten. Zur Erlangung der kaiserlichen Würde, unter­nahmen die deutschen Könige, der späteren Jahrhunderte zahllose Züge über die Alpen, in welchen Ströme edlen deutschen und italienischen Blutes flössen,, und dabei wurden die inneren Verhältnisse Deutschlands vergessen. Hätten die Kaiser des Mittelalters die in Italien nutzlos vergeudete Kraft zur Schaffung eines deutschen Einheits­staates und zur Unterdrückung des Lehnswesens und Vasallentums verwandt, dann wäre dem deutschen Volke der Fluch der jahrhundertelangen Kleinstaaterei erspart worden und unsere Nation stände heute noch ganz anders machtgebietend in der Mitte des. Erdteils als ein ein­ziges Volk von 100 Millionen Menschen.

Karl der Große gehört daher keineswegs zu den Gestalten, an welchen man nur Licht und keinen Schatten findet. Aber die ungeheure Thatkraft, welche in ihm steckte, rechtfertigt vollauf seinen Beinamen, in dem Sinne wie man Alexander, Ludwig, den Sonnenkönig oder Napoleon I. die Großen nennt. Als nationaler Held kann er uns nicht gelten; denn er war international ge­worden, obwohl er mit Vorliebe in Deutschland weilte, er verpflanzte, wie Schlosser sagt, eine fremde Kultur in ein deutsches Reich und legte den Grund zu einer Bildung, die vorzugsweise nur den Großen und Vor­nehmen zu statten kam und diese vom Volke trennte". Seine Behandlung der Sachsen war unerhört grausam;? unterworfene Fürsten ließ er vielfach über die Klinge springen, und er würde, um nochmals Schlosser reden zu lassen, der Welt viel geschadet haben, wenn sich alles das, was er schuf, befestigt und erhalten hätte.

Aber er war ein, Genie auf dem Thron, wie es die abendländische Welt seit Cäsars Zeiten nicht geboren hatte, und hat dadurch^ daß er die deutsche Herrschaft gegen Osten befestigte, und Hunderte von Pflanzstätten der Kultur ins Leben rief, auch dem deutschen Volke in vielen Stücken dauernd genützt.

LMevaxi-ches.

Die int Verlage von Karl Grkininger in Stuttgart er­scheinende illustrierte Familienzeitschrift ,-Echo vom Gebirge" wird mit Recht das Licblingsblatt der Zitherspieler genannt. Das Blatt, das die Interessen des Zitherspiels vertritt, ist ansprechend aus­gestattet und bringt neben belehrenden, musikgeschichtlichen und musik­pädagogischen Artikeln Beurteilungen neu erschienener Zitherstücke, auch Unterhaltendes in Form von spannenden Erzählungen und Humoresken, Rätsel rc., ferner Konzertberichte und Konzertprogrammk, welche über die Thätigkeit in Kreisen von Zitherspiclern orientieren. Jede Nummer enthält wertvolle Musikbeilagen in Münchner ©limmitng. (Preis Mk. 1.20 vierteljährlich.) Probcnninmern versendet die Verlags­buchhandlung Karl Grüninger in Stuttgart gebührenfrei.

Bilderrätsel.

(Nachbildung verboten).

Auflösung des Delphischen Spruchs in voriger Nummer: Sichel Eichel.

Auflösung in nächster Nummer.

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Redaktion: E, Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße».