Ausgabe 
22.12.1900
 
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Samstag dm 22. Dezemder.^

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treu nur in Gottes Namen

Des Herzens Reichtum aus;

Vielleicht ans all dem Samen

Wächst doch ein Blütcnstrauß.

Frida Schanz.

(Nachdruck verboten.)

Ern Tannenreis.

Novelle von G e r h a r d W a l t e r.

Es war im Frühling. Die Knospen der Buchen sprengten gerade die braunen Hüllen, . und der Schleh­dorn blühte weis; am Bergeshang und leuchtete schneeig hervor zwischen dem braunen Gezweig. Da wanderte ich einsam dahin durch den Gebirgswald. Mit tiefen Zügen atmete ich die kühle, herbe Luft ein, die duftig hin­wehte durch den Forst. Es war ein eigenartiges Gemisch von Erddunst, Moosgerwch! und Tannenduft. Und in tiefen Zügen erquickte ich, mich, die Einsamkeit und unergründliche Stille genießend, die hier auf weite Meilen mich um­gab, und die mir so unglaublich wohl that. Wer wan­dern will, der muß es thUn im ersten Aufwachen des Waldes zum Frühling! Da ist der Mensch mit sich und Gott allein in der Welt.

Und mir that die Ruhe not. Schwer hatte die ver­gangene Winterszeit auf mir gelegen und hatte mir alles genommen, was mir lieb gewesen war. Alles, was' ich« mir an Glück gebaut hatte, war zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Nun stand ich da, jung an Jahren, aber arm am Herzen und an der Welt verzagend. Wo sie am stillsten war und von Menschen am fernsten nur da freute sie mich noch.

Und darum war ich in diesen Osterferien hier hinaus­gezogen in dieses einsame Waldthal. Bor Jahren hatte ich zur Nacht gerastet in dem unscheinbaren Gasthaus, das hier, dem großen Eisenhammer nah, an der Weg­kreuzung hingebaut worden war, und das im Hoch­sommer wohl auch den Strom der Gäste an sich vorbeifluten sah und einzelne davon, aufnahm, aber jetzt Wer vergessen von der Welt und unbeachtet unter mächi- tigen dunklen Tannen dastand. Mit unsagbarem Be­hagen hatte ich meinen Stab nach langer.Wanderung an die Wand gestellt und den Ranzen äbgeworfen, und wie ich ans meinem Fenster schaute und 'hinaushorchte in das Rauschen und Raunen der schwarzgrünen, ernst­haften Baumkronen, da hatte ich vor Lust die Arme weit

vorgestreckt und es fehlte nicht viel, daß ich einen hellen Juchzer hinausgerufen hätte in die weite grüne Ein­samkeit:

Die Welt ist vollkommen überall,

Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual!"

Nun hatte ich, die ganze heilige Osterzell und noch zwölf Tage dazu vor mir. Und kein Mensch in der Welt wußte, wo ich, war. That ja auch, nicht not. Wenn ich abstürzte von den Felsschroffen that's keinem leid um mich. War gar einsam und. menschenscheu geworden. Und wer einsam ist, ist bald allein.

Und wieder nahm ich, den Stab von der Wand am Morgen und wanderte hinaus in die weite, rauschende Stille. Am Ostermorgen stand ich hoch oben auf der Bergeshalde und hörte aus dem sonnenbeschienenen Lande da unten die Glocken gedämpft und feierlich zu mir heraufklingen. Und da saß ich auf weichem, grünem Moos und hatte den Stab in die Erde gestemmt und das Gesicht auf die Hände gelegt und hörte eine lange, feierliche Predigt vom Auferstehen.Da klang so ahnungs­voll des Glockentones Fülle und ein Gebet war brünstiger Genuß--" und wie die Waldpredigt vorbei war, da

war die Sonne schon hoch gestiegen am Himmel. Und ich wanderte wieder dem Walde zu. Aber es war stiller in mir geworden! Und es war mir als ob neues, verborgenes Leben noch in meinem Herzen wach werden könnte.

Am Abend saß ich mit den Männern vom Eisenwerk und einigen Förstern, die rundum im Bergwald hausten, einträchtig beisammen. Es war ein starkes, frisches Ge­schlecht, und ihre Art that mir wohl. Vor uns dampfte um der Abendkühle willen, die draußen durch das Thal zog, der heiße Grog.

Solchen Groch wie hier Beim Amselwirt, giebt's in der Welt nicht mehr",' sagte der eine Förster nach tiefem Zug und strich sich, den blonden Bart.

Na, na", rief der andere,nimm Di nix vör, daun sleit Di nix fehl! Was gilt die Wette, meine Schwägerin macht ihn besser! Sie müssen wissen", wandte er sich art mich,ich habe von herzoglicher Regierung die Er­laubnis, reisendem Volk eine Erquickung zu reichen; mein Haus liegt grab an der Kreuzung von vier Straßen. Und jetzt im Winter oder an kalten Vorfrühlingstagen da kommt dann und wann doch mal einer und bestellt sich 'was Warmes zur Seelenstärkung. Und das ist denn nun die Spezialität meiner kleinen Schwägerin; weiß der Henker, wie sie's macht; aber keiner thut's ihr darin gleiche Machen Sie nur selbst 'mal die Probe, Herr Doktor; gehen über den Komm' eine knappe Stunde."

Schön", sagte ich und trank mein Glas leer;soll geschehen!" Ich sah ihnen noch, wie sie heimgingen int