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fast taghellen -Ostermondschein. Wie lag die Welt so weit von hier. Dort am Teich bog der eine ab und verschwand im Dunkel des Waldes. Dort ging also der Weg! Ich wußte nicht, daß ich ihn noch, ost gehen sollte.
Zunächst aber gingen Tage darüber hin. Da kam ich einstmals zurück von langer Wanderung. Die Sonne hatte den Tag über nicht geschienen, und oben auf den Höhen wehte ein kalter Nordost. Und wie ich da so heimwärts strebte, tauchte plötzlich ein hochgegiebeltes Haus aus dem Walde vor mir auf, und über dem Giebel prangte ein stattliches Hirschgeweih.
„Da muß ja Freund Murrax wohnen, der mit dem guten Grog", fuhr es mir behaglich durchs Gemüt. „Kommt wie gerufen!" Und schon schlugen die Hunde an. Die Sonne war im Sinken und goß Purpurglanz über den Giebel und über die Mädchengestalt, die in der Thüre stand unter dem Hirschgeweih. Sie schirmte die Augen mit der Hand gegen den blendenden Abendschein. Ich bog vom Wege ab und trat grüßend auf sie zu: „Ist der Herr Förster zu Hause?"
Heller noch umleuchtete sie in diesem Augenblick der goldene Schimmer, und um ihr blondes Haar wob es wie mit einem leuchtenden Heiligenschein. Sie hatte die Hand sinken lassen, und ein reizendes Gesicht blickte mich an, auf dem ein Ausdruck berückender Güte und Freundlichkeit lag. Um den frischroten Mund spielte ein Lächeln wie sie antwortete: „Nein, Herr Doktor, und er kommt mit meiner Schwester erst am Abend zurück!" Da brach ein mächtiger Rüde aus dem Flur hervor und fuhr grollend auf mich los. Schnell griff die kleine Hand zu und packte ihn ins Halsband-. „Stille,.Nero! Schäm'Dich." Und er gehorchte murrend.
„Aber Sie kennen mich?" fragte ich erstaunt.
Sie lachte. „Sind jetzt nicht so arg viel Fremde im Wald! Und mein Schwager hat mir schon gesagt, wenn Sie kämen sollt 'ich mein Bestes thun; treten Sie ein!"
Das war eine gar freundliche Ladung.
„Aber darf ich's denn auch-, wenn Sie so ganz allein sind?" fragte ich- unwillkürlich. Sie stand so lieblich! und jungfräulich, vor mir. Ein sonniger Blick traf mich-.
„Ich. lass' einen Kavalier ein und keinen Strolch!" sagte sie mit Heller Stimme.
Ich reichte ihr schnell die Hand. Ruhig legte sie die ihre hinein. Sie war wohlgebildet; aber sie hatte gearbeitet, so llein sie war.
Da saß ich nun in dem Zimmer mit den vielen Rehkronen an der Wand, und der letzte Abendschein fiel durch di^ Fenster und malte blutrote Lichter auf den Tisch. Ich streckte mich! recht in Behagen. Da trat sie ein, den berühmten Grog in den Händen. Eine schlanke, ebenmäßige Gestalt, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Sie konnte für ein schönes Mädchen gelten.
Ich stand auf. „Nun darf ich mich vorstellen", sagte ich.; „denn ich habe das Gefühl, einer Dame gegenüberzustehen: Doktor Giesebrecht, Gymnasiallehrer."
Sie sah mich, freundlich an mit ihren leuchtenden Augen und setzte den Kredenzteller nieder. „Ich heiße Getrud, Gertrud Klingberg", sagte sie.
„Halte ich. Sie ab, wenn ich Sie bitte hier zu bleiben?" fragte ich! fast zaghaft.
„Durchaus nicht! Ich habe jetzt nichts zu thun." Sie fetzte sich! in die Fensternische und griff nach! einer Arbeit.
Wie war die Stunde im Walde schön!
„Ja, allzuviel Zeitvertreib haben wir ja im Winter nicht", antwortete sie auf eine Frage; „vor drei Wochen lag hier noch-hoher Schnee; da thut's einem ganz wohl, wenn einmal wieder ein Mensch, aus der winterlichen Versenkung auftaucht."
Es kam alles so frisch von ihren Lippen.
„Sie sind hier nicht groß geworden?" fragte ich weiter und sah ihr ins Gesicht. Es flog ein roter Schimmer darüber hin.
„Ach nein!" sagte sie traurig; „aber was kann Ihnen das ausmachen, von dem Leben eines fremden jungen Mädchens zu hören, das in gar engen Grenzen dahingegangen!" Und um den roten Münd legte sich ein llrmmervoller Zug.
Die Sonne war hinter den Höhen versunken. Es dämmerte.
„Geben Sie mir noch ein Glas?"
Sie sprang auf. „Und dann bring' ich uns Licht!"
Und da saßen wir uns gegenüber bei der Lampe gelbem Schein und plauderten miteinander wie gute Kameraden. Es war eine seltsame zauberhafte Stunde mitten im Walde; wir beiden so ganz allein. Und sie so reizend.
Ich. stand auf und griff nach, Hut und Stock.
„Wollen Sie schon gehen? Noch ist's dunkel, und der Mond kommt spät", sagte sie freundlich..
„Darf ich- denn bleiben bis er kommt?"
„Würde ich. es sonst sagen?" Sie schlug die klaren Augen voll zu mir auf.
„Sie liebes Mädchen!" sagte ich unwillkürlich-; „so haben Sie denn Vertrauen zu dem fremden Manne?"
Sie lächelte: „Ich verlasse mich auf meines Schwagers Empfehlung." v
Und ich. blieb.
Es wurden Stunden voll Frieden. Ein seltsamer Zauber umgab das Mädchen. Da lag ein Buch. Es war Scheffel. Ich las ihr vor. Mit leuchtenden Augen hörte sie zu.
„So hab' ich noch nie lesen hören!" rief sie, und ihre Wangen glühten; „ich! wußte nicht, daß der Scheffel so schön sei! Den Genuß müssen Sie meiner Schwester und meinem Schwager auch, madyen! Wir verkommen hier in der Einöde und waren's besser gewohnt. Wollen Sie? Bitte!"
„Also ich darf wiederkommen?'/
„Ja!" rief sie ehrlich.
„Aber nun muß ich! gehen! Nun äst der Mond da!"
Sie trat mit mir hinaus.
„Hier aufwärts! dann gerade hinab durch die Schneise!" sie zeigte mit der kleinen Hand hinauf zwischen den Tannen.
„Eine Bitte!"
„Nun?" klang es freundlich-.
„Geben Sie mir ein Tannenreis an meinen Hut zur Erinnerung an diese Stunden!"
Sie sagte nichts und ging auf die Tannen zu. Mit Mühe erreichte sie einen niedrigen Zweig. Sie hob sich ein wenig, um ihn zu greifen, da trat ich! hinzu und bog ihn herab. Unsere Hände lagen zusammen einen kleinen Augenblick. Es durchzuckte mich: damals als zum letzten Mal--! Und mit Gewalt kam der alte brennende
Schmerz über mich. Gesenkten Hauptes stand ich- da. Sie reichte mir den Tannenbruch. Tief in Gedanken nahm ich- ihn: „Danke schön!" sagte ich- tonlos.
Verwundert sah sie zu mir auf. Ein Strahl des gelben Lichtes aus dem Zimmer fiel mit schwachem Leuchten gerade auf ihr weißes Gesicht. Ich- raffte mich! zusammen mit einem schweren Seufzer und nahm ihre Hand.
„Sie haben Leid erfahren!" sagte sie leise.
„Ja! Auf Wiedersehen, Fräulein Gertrud!"
„Auf Wiedersehen!" klang es herzlich hinter mir her.
Um mich- her war der Wald ; über mir leuchteten die Sterne. Und hinter mir hatte ein blondes Mädchen das Haupt aufgestützt und dachte nach. Worüber? Ueber das Rätsel des Lebens.
Und ich- saß am Abend allein auf meinem Zimmer und schaute hinaus in die Nacht und sah den Mond über den Wald weg wandern. •'*
Das Tannenreis hatte ich sorgsam in mein Taschenbuch! gelegt.
Am nächsten -Abend, wie die Sonne sank, wanderte ich- wieder den Weg zur Försterei hinauf. Als ich in die Lichtung trat, winkte mir der Förster schon lustig entgegen. „Heut' treff' ich's besser!" ries er mir zu; „will doch! auch etwas von dem Segen haben, der mit Ihnen über den Wald gekommen. Meine Frau freut sich auch, und die Gertrud ist rein närrisch,! Nun man herein in. die beste Stube! Und heut' sind Sie mein Gast, wenn Ihnen der Grog der Gertrud geschmeckt hat. Die Lust geht draußen scharf!"
Und da stand sie, Gertrud! und reichte mir die Hand: „Willkommen!" Und die Frau Förster war eine I stattliche Frau. — Und wir tranken Grog, und ich las. • Und Stunde ging um Stunde. Und wenn ich aufsalj,


