dem Gute stehen bleiben, falls eine Ehe zwischen Hans von Gussow und der Tochter des Verblichenen zu stände käme.
Anna, so hieß die Erbin der Hypotheken, war es wohl zufrieden, d/em Hans zum Altar zu folgen; aber desto wemger Bereitwilligkeit zeigte der junge Künstler. Anna war eine gute Wirtschafterin und eine nüchterne Natur von bravem Herzen, aber engem Horizont. Er liebte sie nicht, und doch hatte ihm sein Vater auseinandergesetzt, daß ihm gar keine andere Wahl blieb als diese Ehe, wenn er seiner Pflichten gegen das angestammte Gut und gegen ferne Familie eingedenk sei. Das war deutlich Aber schließlich^ wenn er sichß wohl überlegte . . . mußte er seinem Vater nicht recht geben? Ja, wenn es sich um ihn allein gehandelt« hätte ! So aber ... ein alter Vater, eine kranke Mutter, zwei verwöhnte, unversorgte Schwestern... sie sollten blie seit Generationen ihnen zugehörige Scholle verlassen, arm ins Glend hinausziehen, während er nur an sich dachte? Nein, bisher hatte'er vom Leben gefordert, jetzt trat die Pflicht des Lebens an ihn heran. Den Sammetrock des Malers hieß es ausziehen und mit ihm alle die Träume von künstlerischem schaffen, von Ruhm, Glück und Liebe! Wie ein Pflugstier zwischen den Furchen in langsamem Tretgang, in das Joch« einer ungewollten Ehe gespannt, in ungeliebter Arbeit und sich aufreibend in kleinen Verhältnissen und kleinlichen Sorgen . . . das« war seine Zukunft ! Wahrlich Ursache genug, so ernst dreinzuschauen !
Aber das Kopfhängen besserte die Sache auch nicht. Hans von Gussow schien die Sorgen mit einer ruckartigen Bewegung abschütteln zu wollen und schritt rüstig weiter. Plötzlich blieb er stehen. O, das war ein Bild, das sich ihm bot! Sonnenüberstrahlt lag die Heide da. Das flimmerte ordentlich in der Luft. Träge hing das Laub, regungslos^ standen die Tannen. Sogar die blendenden Wolkenstreifen am Himmel schienen das Wandern vergessen zu haben und eingeschlafen zu sein. Ein feines Summen und Schwirren zog über das blühende Heidekraut, ein seltsames, märchenhaftes Klingen. Eine Eidechse lag wenige Schiritte vor ihm aus dem Boden und ließ sich die Sonne auf das zierliche Schuppenkleid brennen. Ihr war so wohlig, daß sie garnicht daran dachte, ihre Behaglichkeit zu unterbrechen. Ganz in der Ferne war ein Gleißen und Glasten, daß man nicht hineinsehen konnte. Es rührte von dem Fluß her, in dessen Wellen die eitle Sonne sich spiegelte. Auf dem Hügel links streckten sich träge ein paar satte Rinder; die Bewegungen, die sie mit dem Schweif machten, um ihre geflügelten Peiniger zu verjagen, verrieten allein, daß sie Leben besaßen.
Aber das Köstlichste bot sich Hansens entzücktem Auge gleich rechter Hand, hinter niedrigem Gebüsch. Inmitten prächtig wuchernder wilder Rosen, untermengt mit dem anmutigen Ackerstiefmütterchen, saß ein junges, blondhaariges Mädchen vor einer Staffelei. Sie schlief! Ihr Rücken tour gegen den Stamm einer mächtigen Ulme gelehnt, den Kohlestift hielt sie noch in der herabgesunkenen Rechten. Ein Maler-Skizzenbuch war von ihrem Schoße geglitten und lag nun aufgeschlagen zu ihren Füßen. Ein köstliches Bild! Die blonden, schweren Flechten hatten sich gelöst, und das teilweis entfesselte Haar schmiegte sich um einen prächtig geformten Nacken und um die wundervoll modellierte Büste, welche von der duftigen weißen, ausgeschnittenen Bluse mit den kostbaren Spitzeneinsätzen teils verhüllt, teils verraten wurde. Der Kopf war hintenüber gebeugt und zeigte ein süßes, rosiges Gesichtchen, auf dessen Stirn kleine Schweißperlchen standen. Unter dem kecken Näschen waren die kirschroten Lippen leicht geöffnet, und an den tiefen, regelmäßigen Atemzügen merkte Hans, wie fest ihr Schlaf war.
Hans von Gussow sah sich um. War das nicht Leichtsinn ... so ganz allein . . .? Aber nicht doch! Zwanzig Schritt weiter am Rande der Kiefernschonung lag ein älterer Mann mit glattem, rotem Gesicht und in Livree, die großen behandschuhten Hände über den Bauch gefaltet, schwitzend und schnarchend. Es war die komische Parodie ans dies erste Bild voll köstlichster Poesie. Hansens Augen konnten sich nicht satt sehen daran.
Unbeweglich und würdevoll stand die alte Ulme, als wüßte sie wohl, welch kostbares Gut sich ihrem Schutze anvertraut hatte. Ein dreister Spatz hatte sich auf den
oberen Rand der Staffelei niedergelassen und guckte neugierig, den lustigen Kopf bald links, bald rechts neigend, der Schläferin ins Antlitz,
Mit frommer Scheu und reinem Entzücken ließ Hans von Gussow den Zauber dieses Anblicks auf sich wirken. Ans einmal durchzuckte ihn der Gedanke: Das malen' Und ein zweiter übermütiger Gedanke packte ihn wie ein Wirbel. Ohne lange zu überlegen, ging er an die Ausführung.
Er schlich leise herzn, hob das Skizzenbuch der Schläferin von der Erde auf und entwarf mit flüchtigen aber sicheren Bleistiftstrichen das ganze Gemälde, das sich ihm bot, auf das erste freie Blatt. Daun schrieb er in eine Ecke des köstlichen Entwnrfs den er mit dem Wort „Heidetraum" kennzeichnete, folgenden Vers:
„Und stahl ich Dir Dein Konterfei, Indes ich Deinen Schlummer malte — Dem Frevler, Holde, doch verzeih, Der seine kühne Räuberei '
Mit seines Herzens Frieden zahlte".
Es war die höchste Zeit. Der Diener im Hintergründe machte verdächtige Bewegungen, die das baldige Erwachen des Löwen erwarten ließen. Noch einen letzten traumseligen Blick auf das Gesicht der Schläferin, dann kam die Erkenntnis seiner Lage wieder über ihn, nnd Hans von Gussow schritt seine Straße fürbaß, mit klopfendem Herzen, sobald er an sein letztes Abenteuer dachte.
Fünf Monate trennten ihn noch von der bitteren Entscheidung ,die sich in sein Leben drängte. Diese Zeit gedachte er noch anszunützen. Möglich, daß es ihm, mit der Skizze dieses Bildes im Kopf gelang, dem Schicksal seine Gunst abzutrotzen.
Auf der nächsten Kunstausstellung der Residenz erregte ein Gemälde von Hans von Gussow, „Heidetraum" die Aufmerksamkeit der Besucher und der Kritik. Hans hatte damit wirklich einen Treffer gemacht. Man wußte nicht, sollte man mehr entzückt sein über den köstlichen Humor und die feine Stimmung des Bildes, ober sollte man mehr die treffliche Zeichnung, die bewunderungswürdige Farbenwiedergabe der sonnenüberstrahlten Heide anerkennen. Aber was dem Maler für jetzt die Hauptsache war, -r- das Bild, das den ersten Preis erhalten hatte, vorteilhaft zu verkaufen, um so die Hoffnung zu gewinnen, auch ohne die ungern geschlossene Heirat seiner Familie den Stammsitz zu erhalten, verwirklichte sich nicht.
Eines Tages, wie er durch das Vestibül der Ausstellungshalle schreitet, fällt ihm eine Livree auf, in welcher ein bartloses rotes Gesicht mit kornischer Gravität auf- und abschreitet, als erwarte sie jemand. Er erkennt ihn wieder . . . ein freudiger Schrecken durchzuckte den Maler? Sie . . . vielleicht ist „sie" in der Nähe, die ihm bisher jede Stunde, ja, jede Minute gegenwärtig gewesen.
Und richtig! Da steht sie vor seinem Bilde, und sieht sich selber schlafend, und im Hintergründe den aufmerksamen Diener! Er tritt an ihre Seite und schaut sie an. Wie süß sie ist! Ein wenig Trotz scheinen diese frischen Lippen zu verkünden, aber doch liegt eine unbeschreibliche Zartheit in diesem' Gesicht, das ihm jetzt, da er's wachend sieht, noch viel liebenswerter erscheint.
Hans von Gussow spürt, wie ihr Blick forschend auf ihn gerichtet ist. Andere kommen herzu. Man wird aufmerksam; die Aehulichkeit zwischen der Dame und der Schläferin auf dem Bilde ist unverkennbar. Sie reißt sich lös und geht weiter, wie es scheint, sehr ungern. Hans von Gussow bleibt hart an ihrer Seite und sinnt über die schicklichste Gesprächsanknüpfung nach. Da sagt sie mit heller, klingender Stimme:
„Der Maler ist wohl sehr berühmt?"
„Berühmt? O nein!" Er lächelte. „Er ist sogar unbekannt. Gefällt Ihnen das Bild?"
O, sehr! Ich möchte den Künstler wohl kennen lernen!"
„Wirklich, mein Fräulein? Wie glücklich macht mich dieser Wunsch. . ."
„Ah, Sie sind . . . Herr. . . Hans. . von Gussow?" Sie wurde ein wenig rot.
„Und wenn ich nun ja sagte, und Sie hätten bert


